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#MeToo

Guess-Chef tritt zurück

Der Chef und Mitgründer der Modemarke Guess, Paul Marciano, muss gehen - zumindest ein bisschen. Er bleibt Mitglied des Vorstands, wird diesem aber nicht mehr vorsitzen. Grund sind Vorwürfe der sexuellen Belästigung.

Getty Images

Paul Marciano

Mittwoch, 13.06.2018   12:16 Uhr

Paul Marciano habe in seiner Kommunikation mit Models und Fotografen "schlechtes Urteilsvermögen" an den Tag gelegt und sich selbst in Situationen gebracht, in denen "Vorwürfe wegen unangemessenen Verhaltens" erhoben werden konnten, erklärte die US-Modemarke Guess am Dienstag in Los Angeles.

Marciano sei daher mit sofortiger Wirkung von seinem Posten als Vorstandschef zurückgetreten. Er werde jedoch weiterhin dem Vorstand angehören. Außerdem soll er noch bis Ende Januar 2019 Kreativdirektor des Hauses bleiben, "um eine reibungslose Übergabe der Verantwortlichkeiten" zu ermöglichen. Zuvor hatte der Guess-Verwaltungsrat einstimmig Marcianos Rücktritt gefordert.

Zwei externe Ermittler hätten Vorwürfe von "unangemessenen Kommentaren und Textnachrichten sowie unerwünschten Avancen einschließlich Küssen und Grapschen" untersucht, erklärte das Modehaus. Dabei seien mehr als 40 Personen angehört und 1,5 Millionen Seiten Dokumente gesichtet worden. "Viele der Vorwürfe konnten nicht belegt werden", betonte Guess. Mit fünf Frauen seien außergerichtliche Einigungen erzielt worden, dabei seien insgesamt 500.000 Dollar (425.000 Euro) geflossen.

Die Anwältin Lisa Bloom, die vier der mutmaßlichen Opfer vertritt, zeigte sich erfreut. Allerdings bleibe "noch viel zu tun, wenn Guess wirklich eine Marke sein will, die für Respekt gegenüber Frauen steht". Sie sei "enttäuscht", dass Marciano - der jegliches Fehlverhalten bestreitet - noch bis Anfang kommenden Jahres bei dem Unternehmen bleiben werde. "Wir glauben nicht, dass ein von so vielen glaubwürdigen Belästigungsvorwürfen belasteter Mann irgendein Unternehmen führen kann - noch dazu eines, dass hauptsächlich an Frauen verkauft."

Betatscht, geküsst, beschimpft, gefeuert

Das Model Kate Upton hatte Marciano Anfang des Jahres öffentlich beschuldigt, seine Macht zu missbrauchen. Upton, zeitweise das Gesicht der Modemarke, zeigte sich damals in einem Tweet und einem Instagram-Post ebenfalls enttäuscht darüber, dass Marciano weiterhin von seiner Firma beschäftigt werde: "Es sollte ihm nicht gestattet werden, seine Stellung in der Branche auszunutzen, um Frauen sexuell und emotional zu belästigen."

He shouldn’t be allowed to use his power in the industry to sexually and emotionally harass women #metoo

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In einem "Time-Interview" schilderte sie wenig später, wie der Guess-Chef im Juli 2010 bei Fotoaufnahmen ihre Brüste betascht und sie aggressiv geküsst hätte. Einen Monat später habe er bei einem anderen Termin wiederholt danach verlangt, mit in ihr Hotelzimmer kommen zu dürfen. Sie habe daraufhin das Telefon abgestellt und die Tür verriegelt. Am nächsten Morgen sei sie mit der Begründung gefeuert worden, sie sei "zu fett" geworden. Marciano bestreitet die Vorwürfe. Der Fotograf der Kampagne, Yu Tsai, bestätigte allerdings die Anschuldigungen des Models.

Als Upton dann ein halbes Jahr später doch wieder ein Guess-Engagement bekam, wurde Yu Tsai nicht mehr gebucht. Auch bei dieser Gelegenheit soll Marciano übergriffig geworden sein. Laut Upton hätte der 66-Jährige nach dem Shooting darauf bestanden, sie allein zum Essen auszuführen. Die neue Fotografin, Ellen von Unwerth, habe sich quasi aufdrängen müssen, um sie zu schützen. Tags drauf sei die Zusammenarbeit erneut beendet worden. Laut Upton habe Marciano sie rauswerfen lassen mit den Worten: "Bringt die fette Sau von meinem Set."

löw/AFP/AP

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