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Stil

Einrichtungstipps von Helen Mirren

"Er nannte es meinen französischen Hurenhausstil"

Als bauwütige Witwe geistert Helen Mirren gerade im Kino durch "Das Haus der Verdammten". In Wirklichkeit wohnt die 72-jährige Oscarpreisträgerin in einem italienischen Schloss voller ungarischer Antiquitäten.

Getty Images
Ein Interview von Brigitte Steinmetz
Freitag, 30.03.2018   11:43 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Frau Mirren, Sie haben sich zur Vorbereitung auf Ihre Rolle allein in dem sogenannten Winchester Mystery House im kalifornischen San Jose einschließen lassen. Ein verrücktes, mehrstöckiges Labyrinth aus Hunderten Zimmern, Treppen ins Nirgendwo und Fenstern ohne Aussicht, das Sarah Winchester, Witwe des Waffenmagnaten William Winchester Ende des 19. Jahrhunderts wuchern ließ, um die Geister der Opfer einer Winchester-Waffe zu beherbergen. Haben Sie sich gegruselt?

Mirren: Kein Stück. Ich bin nicht der spirituelle Typ. Außerdem mag ich alte Häuser, ja, sie können mir gar nicht Geschichte genug haben. Unter anderen Umständen wäre aus der Witwe Winchester bestimmt eine interessante Architektin geworden. Sie war nicht nur meschugge, sondern auch ihrer Zeit voraus. Es gab sogar eine Art Klimaanlage und Aufzüge in ihrem Gebilde.

SPIEGEL ONLINE: Angeblich haben die Geister ihr die Baupläne eingeflüstert.

Mirren: Wenn das so ist, hat Sarah Winchester nicht richtig zugehört. Das ganze Haus ist auf eine Person von 1,50 Meter Lebendgröße angelegt. Die Witwe war winzig, hochgewachsene Geister hätten sich die Köpfe an den Türrahmen angeschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst lebten lange in einer angejahrten Hollywood-Mansion, die Stummfilmstar Dustin Farnum gehörte. Was zog Sie dahin?

Mirren: Mein Mann kaufte die Villa vor 30 Jahren; kurz, nachdem wir uns kennengelernt hatten. Ich mochte dieses Haus auf Anhieb. Dustin Farnum ließ es bauen, weil sein Entdecker Cecil B. DeMille auf dem angrenzenden Grundstück Hollywoods erste Westernfilme drehte. Die Lage ist traumhaft. Grüne Abgeschiedenheit hoch über der Stadt. Aber außer dem fantastischen Blick über Los Angeles hat das Haus eine wirklich gute Aura. Obwohl unsere Vorbesitzerin darin gestorben ist. Sie war eine ganz hinreißende Frau, die ein glückliches Leben führte und ein friedliches Ende fand. Es ist ein Haus mit Happy End. Und mit netten Nachbarn, Roland Emmerich lebt nebenan. Inzwischen vermieten wir es. Wir sind zu sehr mit unserem Gut in Apulien beschäftigt.


Seit sieben Jahren lässt Dame Helen eine Masseria aus dem 16. Jahrhundert am Rande des Städtchens Gallipoli renovieren. Der Makler-Saga zufolge ließ sich ein Prinz das Farmhaus einst als Landschloss herrichten, umringt von Olivenhainen, Blumenwiesen und Weinbergen – und einer meterdicken Mauer. Mirren und ihr Mann, Regisseur Taylor Hackford, kauften das heruntergekommene Gut 2010 zum Schnäppchenpreis von 338.000 Euro. Ungefähr noch einmal so viel haben sie in die Renovierung gesteckt, um es in ein "solarbetriebenes Eco-Retreat" zu verwandeln.


SPIEGEL ONLINE: Wie fügen Sie sich in die italienische Nachbarschaft?

Mirren: Ich bemühe mich sehr. Nachdem ich meinen Traum, französischer Filmstar zu werden, schon vor ein paar Jahrzehnten aufgeben musste, lerne ich jetzt fleißig Italienisch und mische bei den lokalen Gebräuchen mit. In unserem Dorf fahren die Nikoläuse zu Weihnachten auf Motorrädern zum nächstgelegenen Krankenhaus, um den Patienten Geschenke zu bringen. Letztes Jahr bin ich zum ersten Mal mitgeritten. Ohne Bart, aber immerhin in Rot.

SPIEGEL ONLINE: Sie pendeln zwischen Italien, England und Kalifornien. Diktiert die Umgebung ihren Einrichtungsstil oder setzt sich Helen Mirren überall durch?

Mirren: Das hängt stark von meinen Spontankäufen ab. Die Möbel für unseren italienischen Landsitz entdeckte ich bei Dreharbeiten in einem Antiquitätenladen in Budapest. Habe ich mich vorher für ungarische Antiquitäten interessiert? Mitnichten. Wenn mir etwas gefällt, dann meist auf den ersten Blick. Unser Haus in New Orleans dekorierte ich mit schweren Möbeln, die ich auf Auktionen und einem langen Roadtrip durch den Süden der USA zusammengekauft hatte. Taylor nannte es meinen "französischen Hurenhausstil". Das meiste fanden wir auf einer Plantage in Vicksburg, Mississippi, wo ein alter Mann die Möbel seiner Großeltern verschacherte.

Fotostrecke

Fotostrecke: Zu Hause bei Helen Mirren

SPIEGEL ONLINE: Ihr Mann Taylor Hackford erzählte mal, dass er Sie am Anfang ihrer Beziehung in seine Lieblingsstadt New Orleans mitnahm, um zu prüfen, ob sie kompatibel sind.

Mirren: Stimmt. Als wir zum ersten Mal ins French Quarter einbogen rief ich: Hier will ich einmal sterben! Damit war das erledigt. New Orleans war viele Jahre lang unser Hauptwohnsitz. Ich liebe diese Stadt, sie umarmt das Leben und den Tod wie keine andere. Ende der Achtziger fanden wir ein Haus im für die Gegend typischen Shotgun-Stil: so lang und schmal, dass man vom Eingang aus eine Kugel abfeuern kann und sie direkt zur Hintertür hinauskommt. Nicht, dass wir das ausprobiert hätten. Auch wenn wir unsere Schießscharte inzwischen verkauft haben, sind wir immer noch häufig zu Besuch. Mein Stiefsohn Rio Hackford betreibt zwei Bars in der Stadt (Pal's Lounge und One Eyed Jacks).

SPIEGEL ONLINE: Bei aller Liebe scheinen Sie kein Problem zu haben, sich von ihren Häusern zu trennen.

Mirren: Stimmt. Wenn ich an einem Ort bin, vergesse ich beinahe, dass die anderen existieren. Obwohl der Verkauf unseres Hauses in der Provence mich schon ein wenig sentimental gestimmt hat. Dort besaßen wir viele Jahre lang eine wunderschöne Ruine. In der bewohnbaren Hälfte verbrachten wir herrliche Sommer. Doch als wir den Landsitz in Italien entdeckten, mussten wir sie gehen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie gern Hausfrau?

Mirren: Nur in der Theorie. Ich gucke gerne Kochsendungen aber ich koche nie, weil ich keine Lust habe, einzukaufen und Gemüse zu putzen. Meine Vorstellung von Entspannung ist Gärtnern. Allerdings bin ich darin auch nicht besonders talentiert. In London teilen wir uns einen Communal Garden mit unseren Nachbarn, das gefällt mir gut, denn wenn die Pflanzen eingehen, ist es nicht allein meine Schuld.

SPIEGEL ONLINE: Ein Expertentipp für Antiquitäten?

Mirren: Stellen Sie keine heißen Getränke auf gewachsten Holzoberflächen ab. Oder noch besser: wachsen Sie die Möbel erst gar nicht!

insgesamt 2 Beiträge
dasfred 30.03.2018
1. Eine ausgesprochen amüsante Lady
Sie beschreibt hier ein sehr zufriedenes Leben an der Seite eines Mannes, der ihre Interessen teilt und sich an ihrer Lebensfreude beteiligt. Erfrischend, wie sie über Kochen und Gartenarbeit erzählt.
Sie beschreibt hier ein sehr zufriedenes Leben an der Seite eines Mannes, der ihre Interessen teilt und sich an ihrer Lebensfreude beteiligt. Erfrischend, wie sie über Kochen und Gartenarbeit erzählt.
Papazaca 01.04.2018
2. Richtig: humorvoll und lebenslustig, ...
und sie kann auch über sich selbst schmunzeln. Aber zu Helen Mirren's Kaufen und Verkaufen, Bauen und Einrichten von Häusern habe ich noch keine richtige Meinung. Und das mit 72. Und Sie bekommt ja immer noch Superrollen. [...]
Zitat von dasfredSie beschreibt hier ein sehr zufriedenes Leben an der Seite eines Mannes, der ihre Interessen teilt und sich an ihrer Lebensfreude beteiligt. Erfrischend, wie sie über Kochen und Gartenarbeit erzählt.
und sie kann auch über sich selbst schmunzeln. Aber zu Helen Mirren's Kaufen und Verkaufen, Bauen und Einrichten von Häusern habe ich noch keine richtige Meinung. Und das mit 72. Und Sie bekommt ja immer noch Superrollen. Eines geht ihr völlig ab: Langeweile. Sehr gut älter werden, ganz ohne Kreuzfahrten ...

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