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Stil

Tiflis-Schau im Architekturmuseum

In Georgien bauen sie Kamikaze

Verfallene Jugendstilvillen, Ikonen des Sowjet-Brutalismus und spektakuläre Neubauten: In Georgiens Hauptstadt Tiflis sind alle prägenden Architekturstile der vergangenen 150 Jahre zu sehen.

Erik-Jan Ouwerkerk/ DAM
Von
Dienstag, 13.11.2018   15:28 Uhr

Gar nicht so lang ist es her, dass Martin Sonneborn mit einer "Die Partei"-Delegation in Georgien zu Besuch war und ebenjener Aufenthalt in der "Titanic" mit gräulich-bräunlicher Tristesse bebildert wurde. Rund zehn Jahre später bringen Billigflieger massenhaft Besucher in das immer noch sehr arme Land, die durchaus Instagram-taugliche Bilder mit nach Hause nehmen.

In der Hauptstadt Tiflis stehen einige Prachtexemplare der Sozialistischen Moderne - Gebäude, die einst für eine bessere Zukunft standen: Das Archäologische Museum mit dem pseudohistorischen Fries, das seine Besucher nach einem steilen Treppenaufstieg in seinem Schlund verschluckt. Der Hochzeitspalast, der heute vom Oligarchen Badri Patarkatsischwili bewohnt und deshalb so schnell wohl nicht abgerissen werden wird. Und natürlich das vielleicht berühmteste Beispiel für Sowjet-Brutalismus: fünf quer übereinander gelegte Gebäuderiegel, die früher einmal das Ministerium für Autobahnbau beherbergten.

Ikone des Sowjet-Brutalismus

In Tiflis treffen unterschiedliche Architekturstile aufeinander: Neben mittelalterlichen Kirchen und der orientalisch geprägten Altstadt sowie historistischen Vierteln südlich der Kura findet sich nahezu jeder prägende Baustil der letzten 150 Jahre in seinem ursprünglichen Zustand wieder. Was die Stadt zu einem unerschöpflichen Fundus für Architekturreisende macht.

Vor den Toren der Stadt zeugt eine mächtige Festung aus dem 5. Jahrhundert von der frühen Besiedlung, innerhalb der alten Stadtmauern schießen Luxuswohntürme in den Himmel. Hochhaussiedlungen mit halbrunden Fenstern, die an die georgische Schrift mit ihren Schwüngen und Bögen erinnern - Beispiele einer Städtelandschaft, die schwer anders auf einen Nenner zu bringen ist als "Hybrid Tbilisi" - so nennt das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt seine aktuelle Ausstellung, die im Rahmen der Einladung Georgiens als Gastland der diesjährigen Buchmesse entstanden ist.

Fotostrecke

Fotostrecke: Jugendstil trifft Brutalismus

Als christliche Enklave zwischen Orient und Okzident, zwischen politischer Unabhängigkeit, Bürgerkriegen und Sowjetunion sind Umwälzungen für diese Stadt eher Normal- als Ausnahmezustand. Allein seit dem Zerfall des Ostblocks durchliefen Georgien und seine Hauptstadt schon wieder mehrere Erneuerungszyklen.

Verfall und Aufbau

1991 erklärte das Land sich für unabhängig, es kam zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. Nach dem "Weihnachtskrieg" zur Jahreswende 1991-92 mussten der Freiheitsplatz und die Rustaveli Avenue wiederaufgebaut werden. Mit der Unabhängigkeit kamen die privaten Investoren und die Marktwirtschaft. Trabantenstädte und Plattenbauten wurden dem Verfall überlassen.

Nach der "Rosenrevolution" kam Micheil Saakaschwili (2004 bis 2013) ins Amt. In seinen neun Jahren als Präsident trieb er die Erneuerung des Landes voran. Architekten mit internationalem Renommee sollten einen Gegenentwurf zum Kontext der Sowjetzeit bauen. Im ganzen Land wurden moderne Autobahnraststätten, luxuriöse Hotels und Verwaltungsgebäude von extravaganter, teils futuristischer Erscheinung errichtet.

Im sehr guten Katalog zur Ausstellung erinnert sich der deutsche Architekt Jürgen Mayer H. an seine Zusammenarbeit mit Saakaschwili: "Es begann mit einem Anruf aus heiterem Himmel" - eine Woche später besprach man schon die ersten Bauprojekte, heute stehen dreizehn von Mayer H.s Büro entworfene Gebäude und mehrere Skulpturen im Land.

Die Dynamik bleibt unberechenbar

Allerdings, so legt dieser fotografische Rundgang nahe: Die Dynamik bleibt in dieser Metropole unberechenbar - Abbruch, Vandalismus, bis ins Absurde überdrehte Historisierung oder gemächlicher Zerfall? Tiflis verströmt eine anarchische Energie. Wirtschaft und Politik, Bewohner, Investoren, Künstler, Hausbesetzer und -besitzer, Touristen, Architekten, Intellektuelle bestimmen hier wie überall auf der Welt die städtebauliche Entwicklung, in unterschiedlicher Gewichtung.

In Tiflis aber scheint diese Gemengelage als gigantisches Nebeneinander. So strebt die Stadt permanent in mehrere Richtungen zugleich. Manchmal bauen auch die Bewohner mit: In Nutzibidse Plato, einem einst modernen Neubaugebiet, haben sie ihre Hochhauswohnungen durch schachtelförmige Aufbauten erweitert - illegale Konstruktionen, teils so waghalsig, dass sie "Kamikaze Loggias" genannt werden. In der vierten, fünften oder sechsten Etage kleben Balkone, Holzhütten oder zusätzliche Zimmer am Ursprungsgebäude. Manchmal überdauern solche Zwischenlösungen Jahrzehnte: Nur was provisorisch ist, hält ewig.

Eben diese Zwischenmomente wollten die georgische Künstlerin und Kuratorin Irina Kurtishvili sowie Museumsdirektor Peter Cachola Schmal festhalten. Eher exemplarisch stellen sie prägende Epochen, Bauten und Stadtansichten vor. Und vier Beispiele für zeitgenössische Architektur, die dem langweiligen Euro-Style aktueller Neubauprojekte ('Vanilla' wird der im Katalog abschätzig zitiert) selbstbewusste Positionen entgegensetzen. Die Vorgehensweise der Kuratoren ähnelt daher nicht zufällig der einer Gruppe Archäologen: Es gehe darum, Tiflis' Schichtungen freizulegen.

insgesamt 4 Beiträge
P-Schrauber 13.11.2018
1.
Super Bericht über die Architektur in Georgien und insbesondere Tiflis, in Zukunft bitte mehr davon und das nicht nur Georgien, (Außerhalb von Tiflis nimmt der Anteil an toller alter und neuer Architektur leider ab) Sondern [...]
Super Bericht über die Architektur in Georgien und insbesondere Tiflis, in Zukunft bitte mehr davon und das nicht nur Georgien, (Außerhalb von Tiflis nimmt der Anteil an toller alter und neuer Architektur leider ab) Sondern insbesondere der russische Konstruktivismus hat so viel tolle Architektur gebaut in der Sowjetzeit zu bieten die bis Heute im "Westen" kaum bekannt ist.
own_brain_user 14.11.2018
2. Sowjet-Brutalismus ...
... klingt natürlich schön reißerisch. Dass es ein wertungsfreier Begriff ist für einen vor allem von Corbusier geprägten Betonbaustil (das Wort ist von frz. "brut" abgeleitet - das bedeutet "roh, unbearbeitet, [...]
... klingt natürlich schön reißerisch. Dass es ein wertungsfreier Begriff ist für einen vor allem von Corbusier geprägten Betonbaustil (das Wort ist von frz. "brut" abgeleitet - das bedeutet "roh, unbearbeitet, [bei Wein etc.] trocken"), in dem auch Kirchen errichtet wurden, unterschlägt man da lieber. Badri Patarkatsishvili (nach internationaler Transliteration, oder Patarkazischwili, so die journalistische Umschrift - die im Artikel kreierte Zwittertransliteration ist, wenn auch nicht nur beim Spiegel verwendet, etwas daneben) konnte den Hochzeitspalast nicht lange bewohnen, und schon gar nicht, wie im Artikel behauptet, bis heute, weil er, wie eine SPON(!)-Recherche bestätigt, schon vor mehr als zehn Jahren gestorben ist (wurde? trotz Obduktionsergebnis kursieren da weiterhin Vermutungen - sein Tod hat einigen einfach zu gut in den Kram gepasst). Im Hochzeitspalast, den ich zu Sowjetzeiten zum ersten Mal besichtigen durfte, als er noch ganz neu war, gibt es längst wieder Hochzeiten und andere Events - privatwirtschaftlich. Das ehemalige Autobahnministerium auf dem Titelbild ist deshalb so gut erhalten bzw. wieder hergestellt, weil darin heute eine Bankzentrale residiert. Auch Banker können also sowjetischer Ästhetik heute etwas abgewinnen. Heutige Bauherren und Architekten offensichtlich auch - der auf dem Foto zu sehende unfertige Bau nebenan reflektiert ja einige Elemente des Gebäudes. Selbst der verbreitete - und verständliche - Hass auf alles Sowjetische vermag also zu differenzieren, bis hin in arriviertere Kreise der georgischen Gesellschaft. Auch das darf man einmal zur Kenntnis nehmen. Das erwähnte, mit Hochhäusern bebaute Plateau (!, da geht es um Stadtarchitektur, also im weiteren Sinne auch um Architektur) leitet seinen Namen von einer nach dem Philosophen Nutsubidze (international) oder Nuzubidse (deutsche journalistische Umschrift) ab, einem Mitbegründer der vor genau 100 Jahren entstandenen Universität in Tbilissi. Also auch die Vokale wurden falsch abgeschrieben im Namen dieses Wissenschaftlers, der im Postgraduiertenstudium wie später als Gastprofessor in Leipzig wirkte, aber in Deutschland eher in Vergessenheit geraten ist. Aber das mit diesem Namen ist, mit Verlaub, höchstens so wichtig wie der Unterschied zwischen Cichosch und Cochisch. Das Viertel ist übrigens von der Altstadt mit ihrem Architekturmix sehr weit entfernt und war von Anfang an eine Trabantenstadt. Moniert sei ohne weitere Vertiefung die Bezeichnung "Tiflis" für die Stadt Tbilissi, aus den Sprachen der ewigen Angreifer und Eroberer der Stadt. Aber das ist ja leider Mainstream bis hin zu AA und Botschaft (die hier aus meiner Sicht an Diplomatie zu wünschen übrig lassen, im Unterschied zu anderen Ländern, wo man das hinbekommt - Beispiel aus Wikipedia: "Tbilisi is de hoofdstad van Georgië. Tot 1936 heette de stad Tiflis, ..."). Es geht hier um meine zweite Heimat und da mag ich's gern genau; man mag meine Hinweise vielleicht penibel finden. Ich verschweige aber auch nicht, dass ich mich über den ausführlichen Artikel freue und ihn ansonsten sehr gut finde.
neanderspezi 16.11.2018
3. Wer kann die Experimentierfreude von Architekten ertragen?
Es wird in Georgien vermutlich genügend Sprengstoff geben, dann kann man das hier Gezeigte auf vielfältigen Wunsch wieder in Ordnung bringen und muss nicht warten, bis es von selbst zusammenfällt. Mit diesem Ausblick in die [...]
Es wird in Georgien vermutlich genügend Sprengstoff geben, dann kann man das hier Gezeigte auf vielfältigen Wunsch wieder in Ordnung bringen und muss nicht warten, bis es von selbst zusammenfällt. Mit diesem Ausblick in die Zukunft ist auch moderne Architektur irgendwie noch zu ertragen. So ist das nun mal, kein Architekt wird aufgrund seines Entwurfs auf einem Esel geteert und gefedert aus der Ortschaft seines architektonisch leidenschaftlich durchgeführten Verbrechens begleitet von Sang und Klang hinausbefördert und das ist vermutlich ein schwerer Fehler, den oft mehr als eine Generation nachträglich oft nicht nur visuell erdulden muss.
jbadenhoop 18.11.2018
4. Lust auf mehr
Diese Ausstellung ist bestens kuratiert, übersichtlich aufgestellt (besonders die kurzen, treffenden Bildkommentare sind auf Augenhöhe und deshalb gut leserlich), daß man sich eigentlich vornimmt, diese Stadt nun auch einmal [...]
Diese Ausstellung ist bestens kuratiert, übersichtlich aufgestellt (besonders die kurzen, treffenden Bildkommentare sind auf Augenhöhe und deshalb gut leserlich), daß man sich eigentlich vornimmt, diese Stadt nun auch einmal selbst aufzusuchen und zu erkunden.

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