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Nordkoreas staatstragende Architektur

Der britische Journalist Oliver Wainwright erlaubt einen Blick hinter die Grenze Nordkoreas. Er porträtiert die Architektur des Landes als ideologisches Instrument.

Oliver Wainwright/ Taschen
Von
Dienstag, 12.06.2018   21:13 Uhr

Und dann ging Kim Jong Un also spazieren. Flanierte nachts durch die funkelnden Straßen Singapurs, über die "Jubilee Bridge", die sich die Stadt 2015 zum 50. Geburtstag gegönnt hat, er fuhr ganz nach oben im megalomanischen "Marina Bay Sands" in der Bucht im Osten der Stadt. Diesem Konsum-Hotel-Vergnügungspark-Trumm mit eigenem Wald und Infinity Pool, von wo aus man die endlose Schlange an Containerschiffen im Blick hat, die vor dem Hafen schaukelnd darauf warten, endlich ihre Fracht löschen zu können. Auch eine Art, sich die Zeit zu vertreiben, wenn man gerade keine US-Präsidenten treffen muss.

Singapur sieht auf den ersten Blick ziemlich uniform und geleckt aus, hat aber auch markante Angebergebäude und ist dennoch so grün, als läge es in einem riesigen Park. Eine detailliert geplante Stadt. Und permanent im Aufbruch. Buchstäblich. Permanent Kräne, Bagger, Krater auf Straßen, Kreuzungen, Plätzen, es wird gebaut, tags, nachts, überall.

Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un dürfte sich in dem Stadtstaat also auf seiner Stippvisite ziemlich heimisch fühlen, von der Konsumversessenheit Singapurs mal abgesehen. Denn visuelle Monotonie neben Selbstdarstellungsarchitektur, auf dem Reißbrett geplant, Grünzeug ohne Ende, Baukräne soweit das Auge reicht: Das hat er zu Hause auch.

Und so wie Kim Jong Un dieser Tage die Welt auf der anderen Seite seiner Landesgrenzen begutachten kann, haben wir auch die Chance, einen raren Blick auf Nordkorea zu werfen, dank des Bandes "Inside North Korea". Das Buch erscheint zwar erst im Juli, aber das, was der britische "Guardian"-Journalist und Architekt Oliver Wainwright 2015 auf Reisen zusammengestellt hat, ist wirklich phänomenal. Denn er porträtiert nicht einfach Nordkoreas Architekturkultur, er flankiert seine Fotografien mit ausführlichen Texten, die halb Historie, halb Alltagsreportage sind. Und macht so das Leben in diesen Straßen, diesen Häusern, diesen Stadtlandschaften nachvollziehbar.

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Fotostrecke: Sozialistisches Märchenland

Von oben betrachtet ist die Hauptstadt erstaunlich bunt. Wohnblöcke in verblichenem Kommunismusrot, hellem Wasserkraftwerksblau, Wiesengrün. Zurzeit baut Kim Jong Un der Mittelschicht Modernität, wohl als eine Art der Besänftigung; zudem war die Ansage von Kim Jong Hui, der Tochter von Staatsgründer Kim Il Sung, deutlich: Beim Wiederaufbau, nachdem Pjöngjang im Koreakrieg komplett zerstört war, sollten nur 25 Prozent des Stadtgebiets bebaut werden. Der Rest: Parks.

Hinter allem steckt die "Chuche"-Ideologie: Es gilt, sich autark zu versorgen. Ausland? Brauchen wir nicht. Motto: Wir bauen uns unsere Atomraketen selbst - und demonstrieren, wie zukunftsgewandt das Land ist. Und wenn das Bedürfnis nach materieller Moderne gestillt wird, braucht es die Freiheit vielleicht nicht.

Futuristischer Beton-Brutalismus

Das Staatswappen mit dem Strommast und dem Wasserkraftwerk macht vor, was Wainwright vor Ort erlebte: Wie die Bewohner und Handwerker mit Begeisterung Altes rausreißen, das war nach der Wende auch in weiten Teilen Ostdeutschlands üblich. Weg mit dem Holzparkett, her mit dem praktischen Gummiboden: Der Versuch eines Bruchs, der notgedrungen in Oberflächen stecken bleibt.

Wainwrights Fotos zeigen eine Hauptstadt, die Beton-Brutalismus paart mit einem für Nordkorea zeitgenössischen Futurismus, der im Rest der Welt eher nach Siebzigern oder Achtzigern aussieht. Ein bisschen wie in dieser anderen sozialistisch gebauten Hauptstadt, wo die Wohnblocktristesse in Marzahn in die fortschrittsfeiernden Mosaiken am Haus des Lehrers am Berliner Alexanderplatz übergehen, wo der Protz von Friedrichstadtpalast und Karl-Marx-Allee auf die Nüchternheit des Palasts der Republik prallen.

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Oliver Wainwright:
Inside North Korea

Taschen; 240 Seiten, 40 Euro

Eine Glas-und-Stahl-Phase, die gab es in Nordkorea jedoch nicht. Kein Wunder: Die Transparenz, die durchsichtige Gebäude im sogenannten Westen signalisieren, passt nicht zur Ideologie der Abschottung. "Bewohner können der Architektur nicht entfliehen", sagte der Philosoph Alain de Botton einmal. "Wenn die Gebäude um mich herum auf einmal aggressiver aussehen, bekomme ich den Eindruck, dass meine Umwelt aggressiver geworden ist."

In diesem Sinne verbreiten die Straßenzüge, Sportanlagen, Universitäten und Wohnklötze, die der Band zeigt, eine Atmosphäre der Einschüchterung. Jeder, der sich darin bewegt, ist gedrillt darauf, Teil einer Masse zu sein, kein Individuum. Stets unter dem Blick des Präsidenten - weil er selbst als riesige Marmorskulptur irgendwo herumsitzt oder von einem Wandbild oder Mega-Mosaik grinst, die Hände in die Hüften gestemmt, neben dankbaren Bauern oder Stahlarbeitern. Und weil die gesamte Umgebung eine Staatslandschaft ist: Sei es die neue Straße zum 70. Geburtstag der Arbeiterpartei, drei gigantische Granitfäuste zu ihrem 50., eine Straße zum 105. Geburtstag von Kim Jong Uns Großvater, 70-Stockwerk-hohe Wohngebäude oder der Triumphbogen zum 70. von Kim Il Sung, verkleidet mit 25.550 weißen Granitblöcken; wer nicht so schnell gerechnet hat, das ist einer pro Lebenstag.

Es scheint nur logisch, dass auch das historische Treffen mit US-Präsident Trump entsprechend gewürdigt wird. Der ließ eine lumpige Münze prägen. Das geht in Pjöngjang sicher monumentaler.

Video: Trip nach Nordkorea - Videotagebuch aus einem abgeschotteten Land

Foto: dbate.de

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