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Stil

Modest Fashion

Die Hijabistas sind los

Fließende Schleier, Goldbrokat, üppige Stickereien: Islamische Mode in Indonesien ist Märchenprinzessin statt Aschenputtel. Die Macher haben gute Chancen, damit Weltmarktführer für sittsame Couture zu werden.

Graham Crouch
Aus Indonesien berichtet
Sonntag, 03.06.2018   07:23 Uhr

Das Wunderkind der sogenannten Modest-Fashion-Szene trägt heute Gold: Dian Pelangi, 27, schreitet in einer schweren Robe und unter eng anliegendem Schleier durch den Flagshipstore ihrer gleichnamigen Modemarke. Mit seinen geschnitzten Schränken, in denen Hunderte opulenter Gewänder hängen, wirkt das traditionelle Holzhaus in Indonesiens Hauptstadt Jakarta wie die Kleiderkammer einer Märchenprinzessin. Märchenhaft sind auch die Preise. Ein Entwurf von Dian Pelangi schlägt schnell mal mit weit über 1000 Euro zu Buche. "Modest Fashion braucht viel Stoff", erklärt Pelangi die vielen Millionen Rupien auf den Preisschildern. "Lange Ärmel, lange Röcke und die Schleier - bei handgefärbter Seide geht das ins Geld."

Dian Pelangi ist in Indonesien ein Superstar, ihre Scheidung füllte kürzlich die Klatschblätter. Doch bekannt ist sie vor allem dafür, dass sie mit der Modest Fashion einen islamischen Look auf die Laufstege von Mailand, London und New York gebracht hat.

Modest Fashion - das scheint ein Widerspruch in sich. Markenmode, die den islamischen Werten der Sittsamkeit entspricht und ihre Trägerin trotzdem im besten Licht präsentiert, passt nicht zum westlichen Vorurteil der zwangsverhüllten Muslimin. Für die meisten Muslime darf Schicklichkeit jedoch gern auch attraktiv sein. "Wir sind nicht unterdrückt, der Islam feiert die Frauen. Und Mode ist die Sprache, in der wir Euch das klarmachen können", sagt Pelangi.

"Der Islam liebt die Schönheit", sagt auch Zahraudin Sultoni, Direktor für Islamstudien an der Al-Azhar-Moschee in Jakarta. Im Koran sei lediglich spezifiziert, dass "die Frauen der Gläubigen ihren Mantel um sich hüllen sollen, so dass sie zwar erkannt, aber nicht belästigt werden", sagt der Geistliche.

Mit 18 Jahren übernahm Pelangi das kleine Familienunternehmen ihrer Eltern. Neun Jahre später hat sie 4,5 Millionen Instagram-Follower, beschäftigt 500 Angestellte, liefert in den Nahen Osten, die Türkei, die USA und Europa: Wieder ein Beweis, dass sich die Frömmigkeit der wachsenden muslimische Mittelschicht direkt auf ihr Kaufverhalten niederschlägt.

In ihrem "Bericht zur Globalen Islamischen Wirtschaft" ermittelten die Nachrichtenagentur Reuters und die Beraterfirma DinarStandard im vergangen Jahr, dass muslimische Konsumenten im Jahr 2015 umgerechnet 192 Milliarden Euro für Kleidung ausgaben. Das waren 5,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Bereits 2021 werden Muslime über 288 Milliarden Euro jährlich für Kleidung aufwenden, prognostizierten die Verfasser des Berichts.

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Fromme Mode aus Indosien: Schick und sittsam

Sittsame Kleidung ist eine Branche mit enormen Wachstumspotenzial - auch deshalb, weil die muslimische Bevölkerung weltweit schnell zunimmt. Zählte das Pew Research Center in Washington 2010 weltweit etwa 1,6 Milliarden Muslime, so werden es 2050 etwa 3 Milliarden sein - ein gewaltiger Absatzmarkt. "Die Kleidung mag dezent sein, die Gewinne sind es nicht", urteilte Reuters. Dass mit Modest Fashion viel Geld zu machen ist, haben auch internationale Marken entdeckt. Dolce & Gabbana, H&M, Zara oder Nike produzieren seit einigen Jahren Linien für die muslimischen Kundinnen.

REUTERS

Model Halima Aden

Auch die indonesische Regierung hat das Potenzial der frommen Mode erkannt. Sie soll zum Motor für das Wirtschaftswachstum des 260-Millionen-Einwohner-Landes werden. "Unser Ziel ist, Jakarta zur Hauptstadt der Modest Fashion zu machen", sagt Esthy Reko Astuti vom indonesischen Tourismusministerium.

Dass Indonesien beste Chancen hat, die Vormachtstellung auf dem lukrativen Modest-Fashion-Markt zu erobern, liegt auch daran, dass der riesige Binnenmarkt des Archipels ein ideales Biotop bietet, in dem Marken wie "Dian Pelangi" heranwachsen können. Um den einheimischen Labels den Sprung auf den internationalen Markt zu erleichtern, lädt das Tourismusministerium einmal im Jahr zu "Indonesia Modest Fashion Week", bei der Einkäufer aus aller Welt in der ersten Reihe sitzen.

"Tommy Hilfiger goes Islam"

Dort zeigt auch Irna Mutiara regelmäßig ihre neuesten Kreationen. Die 48-jährige Designern betreibt zwei Label: "Irna La Perle" bietet Brautmode an, "Up2Date" Alltagskleidung. Für das Interview hat Mutiara ein Ensemble im nautischen Stil gewählt: Die Modeschöpferin trägt einen marineblauen Rock, unter dem rote Ballerinas hervorlugen. Ihre ebenfalls blaue Bluse ist an den Handgelenken gerafft, wird aber fast völlig vom Hingucker verdeckt: Einem knallroten Kopftuch, dessen Zipfel von einer Anker-Brosche gehalten wird. "Tommy Hilfiger goes Islam", kommentiert die 48-Jährige den Eigenentwurf.

Der amerikanische Modeunternehmer Hilfiger setzt mit seinen Kollektionen im Yacht-Klub-Stil jährlich mehrere Milliarden Euro um. So weit ist Mutiara zwar noch nicht, doch die indonesische Designerin ist durchaus erfolgreich. Etwa 10.000 Hochzeitskleider verkauft ihr Label "Irna La Perle" im Monat. Ihre Alltagsmodenmarke "Up2Date" bringt die Mutter dreier Kinder über 26 gleichnamige Boutiquen an die Frau, sie ist in Teheran, Dubai und Kuala Lumpur zu haben.

"Modebewusstsein und Glauben schließen sich doch nicht aus", sagt Mutiara in einem Café im teuren Süden Jakartas. Hinterm Tresen arbeitet ein Barista daran, einem Cappuccino eine perfekte Milchschaumhaube aufzusetzen. Mutiara erzählt, wie sie zum Hijab - der Kopfbedeckung der Musliminnen - und damit zu ihrem Beruf kam: Erst Anfang der Neunzigerjahre habe sie angefangen, sich nach den Vorschriften des Islam zu kleiden, sagt sie. Doch die Sachen waren damals so fad, dass die Tochter einer Schneiderin begann, ihre Sachen selbst zu nähen.

Dass sich daraus eine veritable Karriere entwickelte, verdankt Mutiara dem Erstarken des Islam in Indonesien. Wie auch weltweit hat sich im bevölkerungsreichsten muslimische Land der Erde in den letzten Jahrzehnten eine konservative Lesart der Religion durchgesetzt.

Hijab als Trending Topic auf Instagram

2015 gründete Mutiara mit zwei Designer-Freunden das "Islamic Fashion Institute". 12 Studenten schrieben sich im ersten Jahr ein, um sich neben Kursen zu Entwurf, Stoffkunde und Marketing auch in die Geschichte der islamischen Modetraditionen zu vertiefen. Der dritte Jahrgang der Modeschule in der Provinzhauptstadt Bandung ist bereits 110 Modeschüler stark: "Die Nachfrage ist riesig", sagt Mutiara.

Marina Puspitasai ist eine der ersten Absolventinnen des Instituts. Die gelernte Architektin ist eine klassische Vertreterin der "Hijabistas", wie sich modebewusste Musliminnen in Anlehnung an den Begriff "Fashionista" nennen. Hinter ihrer modisch großen Brille hervor schielt die 30-Jährige immer wieder auf ihr teures Smartphone. Soziale Medien spielen auch in der Modest Fashion-Welt eine wichtige Rolle. "Seit etwa fünf Jahren ist Hijab ein Trending Topic auf Instagram in Indonesien", sagt Puspitasai, deren erste Modelinie "Momdress" auf die moderne Muslimin abzielt. "Ich entwerfe Mode für junge Mütter. Die Kleider haben seitliche Eingriffe, um das Stillen in der Öffentlichkeit oder das Abpumpen bei der Arbeit einfacher zu machen." Puspitasai erhält über die sozialen Medien viel Feedback von ihren Kundinnen. Was sie ihr schreiben? "Jetzt kann man endlich Hijab tragen und trotzdem gut aussehen", lacht Puspitasai.

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