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Stil

Comeback traditioneller Weinstile

Alter Wein in neuen Schläuchen

Liebfrauenmilch und Badisch Rotgold galten jahrelang als der Sündenfall des deutschen Weins: billig und nicht besonders gut gemacht. Mit Premium Editionen kämpfen kleine Winzer nun gegen das schlechte Image.

DPA

Rotwein

Von Gerald Franz
Freitag, 05.10.2018   09:48 Uhr

Ursprünglich stammt die etwas seltsame Bezeichnung Liebfrauenmilch von einem Weinberg am Liebfrauenstift in Worms, auf dem noch heute qualitativ hochwertiger Riesling gelesen wird. Im 18 Jahrhundert durfte nur Wein so heißen, dessen Trauben dort gelesen wurden, wo "der Turm der Liebfrauenkirche seinen Schatten werfe".

Irgendwann war der Begriff dann nicht mehr oder nur lax geschützt. Die Folge: Verschiedene Hersteller unterboten sich, um Marktanteile zu gewinnen. "Die Liebfrauenmilch wurde immer billiger, schlechter und süßer", sagt Monika Reule, Geschäftsführerin des Deutschen Weininstituts. "Das hat dem Ansehen des deutschen Weins geschadet."

100 Millionen Liter des lieblichen Gesöffs, das laut Gesetz 19 bis 45 Gramm Restzucker haben muss, wurden 1990 exportiert. Heute ist es nur noch rund ein Zehntel. Denn auch bei den Hauptabnehmern in den USA und Großbritannien haben sich die Trinkgewohnheiten geändert. "Die Liebfrauenmilch im alten Stil hat heute dort keine Chance mehr," sagt Reule.

Doch während die großen Kellereien finden, dass der Name verbrannt ist, kommen kleinere Winzer hierzulande plötzlich auf die Idee, es nochmal zu versuchen mit der Liebfrauenmilch.

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Christoph Hammel vom gleichnamigen Pfälzer Weingut etwa hat gleich mehrere Spielarten des süffigen Weißen herausgebracht. Zwei davon vertreibt er selbst: Liebfraumilch und die "Premium-Edition" Schwarze Madonna. Beide Weine bieten gelbfleischige Fruchtaromen, die Süße ist am untersten Rand des Erlaubten angesiedelt. Die Schwarze Madonna ist frischer, was an einem hohen Riesling-Anteil liegt. In ihr finden sich auch Aromen von Kernobst. Diese Cuvée kostet etwa 13, die Einstiegsvariante sechs Euro.

Ironisches Spiel mit Alt und Neu

Auch das Familienunternehmen Ress aus dem Rheingau versucht, der Liebfrauenmilch ein besseres Image zu geben. Anders als die Geschäftsführerin des Deutschen Weininstituts, empfindet Geschäftsführer Christian Ress die internationale Bekanntheit als Vorteil. Für den Rest soll entsprechende Qualität sorgen. Die hat bekanntlich ihren Preis. Eine Flasche kostet rund acht Euro - laut Ress dreimal mehr als der Durchschnittspreis.

Die Liebfrauenmilch von Ress moussiert leicht beim Einschenken, zeigt Aromen von Steinobst und Zitrusfrüchten, etwas Kräuter und Blütenhonig. Die Süße ist bei dem aus Müller-Thurgau-Trauben gekelterten Wein recht präsent.

Bei der Verpackung setzt Ress auf den kontrollierten Tabubruch. Der Slogan spielt mit der Vorstellung des geächteten Weins: "LiebFrauMilch - Forbidden Pleasure". Das Etikett zeigt einen Stich mit der Schlange aus dem Garten Eden als Motiv. Man will ja nicht nur durch den Preis auffallen im Weinregal. Auch Christoph Hammel setzt auf stichhaltiges Marketing. Sein Etikett zeigt einen traditionellen Schwarzweiß-Stich einer Madonna, auf deren linken Auge sich ein blutroter Stern abhebt.

Weiß- und Rotwein gemischt

Wenn es um vordergründig altbackene Weinstile geht, mischt auch Bettina Schumann vom gleichnamigen Badener Weingut mit. Sie hat Badisch Rotgold neu lanciert, eine vom Aussterben bedrohte Spezialität aus dem Südwesten Deutschlands, bei der Weiß- und Rotwein verschnitten werden.

"Der Fehler bei jedem Revival-Versuch war immer: Ich nehme ein Standardetikett und schreibe Badisch Rotgold drauf", sagt Schumann. Deshalb hat sie ein schon von der Form her auffälliges rundes gewählt. Darauf sind zwei Frauen im Stile der zelebrierten Nachlässigkeit abgebildet. Die Gestaltung erinnert an den Jugendstil, die Haarfarben symbolisieren die rote und weiße Rebsorte - Grau- und Spätburgunder. Der Wein selbst hat die Farbe eines Rosé und weist Aromen von roten Beeren, Wiesenblumen und Birne auf. Er ist halbtrocken, verfügt dabei über eine leicht zitrisch-frische Note. Für rund zehn Euro fließt er ins Glas.

Wie ihre beiden Winzerkollegen aus dem Rheinland hat Bettina Schumann ein totgeglaubtes Rezept genommen und daraus einen ordentlichen Wein gemacht: nicht zu anspruchsvoll, aber durchaus einen Versuch wert.


Wein ist immer verflochten mit Menschen und ihren Geschichten. Einige davon zu erzählen, hat sich der Autor zur Aufgabe gemacht. Nachzulesen auf seinem Blog Weinsprech.

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