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Stil

Fashion Week Mailand

Wie aus dem Bilderbuch

Moschino erweckt sein Atelier-Inventar zum Leben, Prada spielt mit Kleiderklischees, Karl Lagerfeld lässt tief blicken, und Giorgio Armani fliegt mit Autopilot: Beobachtungen von der Mailänder Modewoche.

AP
Von
Freitag, 21.09.2018   17:16 Uhr

Abheben mit Air Armani. Zur Vorführung der Damen- und Herrenmode seiner jungen Linie Emporio Armani lud der Designer auf den Mailänder Flughafen Linate. Ausgestattet mit Bordkarten mussten die Besucher dann das komplette Flughafenprogramm durchlaufen, Check-in und Sicherheitskontrolle inklusive. Selbst für einen Giorgio Armani wird der Flugbetrieb nicht unterbrochen.

Per Shuttlebus ging es dann in einen Hangar, wo ein schwarzglänzender Laufsteg aufgebaut war. Die Kollektion besteht aus Freizeitlooks und Abendgarderobe, beides größtenteils in klassischen Armani-Farben: Grau, Weiß, Blau, Beige. Zwischendurch aufgelockert durch kräftiges Grün und Neontöne oder irisierende Pailletten.

Die sportlichen Outfits wurden in Lagen gestylt. Transparente Windbreaker und Anoraks wurden zu Shorts getragen. Auf Logo-Exzesse wurde glücklicherweise verzichtet. Hier und da ein "E" und ein "A" oder der Armani-Adler. Mehr nicht. Ansonsten Strickoberteile zu weiten Stoffhosen, Armani eben.

Auch bei den Damen umspielt weiter Hosenstoff die Knöchel. Die Farbpalette reicht von Altrosa bis zu schimmerndem Grau. Jeansstoff wurde zu Overalls, Shorts, Zweireihern und Mänteln verarbeitet. Auffälliger wurde es bei den Abendkleidern, wobei die Farbkombi Dunkelblau zu Neongrün dem Auge eher wehtut, als ihm zu schmeicheln. Dann doch lieber monochrom, Mitternachtsblau oder in Armanis 50 Shades of Grey.

Routine auch bei den Accessoires: Visor-Caps, Sonnenbrillen, Shopper, Rucksäcke. Ein Linienflug ohne Turbulenzen, Armani im Autopilot.

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Mailänder Fashion Week: Armani, Fendi, Prada, Moschino

Erfrischender war es bei Karl Lagerfeld, der in Mailand immer für Fendi unterwegs ist. Also viel Leder und auch - entgegen einem branchenweiten Trend - immer noch Pelz. Als neues Material brachte Lagerfeld durchsichtiges Vinyl mit. Nachdem er schon in der vergangenen Saison bei Chanel gezeigt hatte, was er daraus zaubern kann, verarbeitet er den Kunststoff nun auch für seinen italienischen Arbeitgeber.

Die transparenten Teile - ein Mantel und eine sportliche Kapuzenjacke - sind mit Lederstreifen verziert und bestückt mit vielen geräumigen Taschen. Funktionskleidung à la Fendi. Sportlich wird es auch an den Beinen, die in Radlerhosen oder Cargopants stecken. Dazu gibt es die passenden Werkzeuggürtel mit extra Taschen für XL-Smartphones, Lippenstift und was Frau noch so braucht im Großstadtdschungel.

Funktionskleidung à la Fendi

Abends steigt die Fendi-Frau dann in Lederkorsett und Bleistiftrock. Die Farbpalette reicht von Braun über Orange bis zu Pistazie. Als Muster für leichte Sommerkleider werden Kakadus genutzt. Der Hype um große Markenzeichen ist auch hier offensichtlich vorbei. Das Doppel-F beschränkt sich diesmal auf dezente Prägungen im Leder.

Miuccia Pradas Kollektion für das Frühjahr soll klassische Kleidungsstile aufmischen. Der Kampf zwischen libertären und extrem konservativen Strömungen in Italien und im Rest Europas sorge sie, sagte die Modemacherin nach der Show. Deshalb habe sie diese Saison mit spießbürgerlich Kleidungsstücken spielen wollen, um Konservativem einen "Traum von Freiheit" gegenüberzustellen.

In der Praxis sind die Grundzutaten für dieses Experiment Satin, Chiffon und Baumwolle. Daraus schneidert Miuccia Prada kurze Kleider mit A-Linie, Wickelröcke und Caprihosen. Alle Models tragen Haarreifen und Kniestrümpfe. Weil das so kein Kulturclash ist, sondern einfach nur piefig, wird der Kopfschmuck mit Nieten gespickt. Die Füße stecken in einer Art Römersandale 2.0 - aus Neopren statt aus Leder. Die Ausschnitte zieht Prada tief, so tief, dass die Oberteile mit einer Art Brustgurt zusammengehalten werden müssen. Kaschmirpullover, getragen über weißen Blusen, schneidet sie am Rücken und an den Ellbogen ein.

Moschinos lebendiges Atelier

Während es bei Prada wie immer reichlich theoretisch war, wurde es bei Moschino verspielt. Jeremy Scott erweckte wie Disneys "Zauberlehrling" das Inventar seines Ateliers zum Leben: Kleider und Kostüme, wie direkt aus dem Skizzenbuch auf den Laufsteg gesprungen. Diesen comic-haften Stil zeigt Scott schon seit einiger Zeit, aber selten so gelungen wie nun in Mailand.

Eine mit breiten schwarzen Streifen "ausgemalte" weiße Bikerjacke sieht tatsächlich aus wie mit schnellen Strichen aufs Papier gezeichnet. Das klappt auch mit Trenchcoats, Röcken und Blusen, besonders in Verbindung mit den passenden Strumpfhosen. Auch die Handtaschen sehen aus, als würden sie gerade erst entstehen.

Zum Schluss übertreibt es der Moschino-Designer aber. Einen Fingerhut oder ein Nadelkissen mag die ein oder andere Dame noch erhobenen Hauptes tragen. Auch ein gelbes Maßband als Stola zeugt noch von einem gewissen Witz. Aber Kleider, die direkt von der Stoffbahn abgerollt und mit dieser getragen werden müssen, wären dann doch besser Ideen in einem Skizzenbuch geblieben.

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