Schrift:
Ansicht Home:
Stil

Museum der zerbrochenen Beziehungen

"Es sind Beweise für die Liebe"

Die Kroatin Olinka Vistica und ihr Ex-Freund wollten nicht alle Andenken an ihre Bindung wegwerfen - und gründeten das "Museum der zerbrochenen Beziehungen". Im Interview erzählt sie, wozu Herzschmerz-Souvenirs gut sind.

Museum of Broken Relationships
Ein Interview von
Donnerstag, 08.02.2018   10:57 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Frau Vistica, wieso brauchen wir Souvenirs von Liebe und Herzschmerz?

Olinka Vistica: Weil diese Dinge eine Beziehung repräsentieren, die nicht mehr lebt. Es ist eine Frage der Perspektive: Diese Souvenirs stehen für einschneidende, meist traurige Momente, ja - aber genau das macht mein Leben rund. Sie sind Beweise, dass diese Liebe existierte. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehören für mich zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben das Museum of Broken Relationships in Zagreb mit Ihrem Ex-Partner Drazen Grubisic gegründet. Wieso haben Sie den Kram aus Ihrer Beziehung nach der Trennung nicht einfach weggeworfen?

Olinka Vistica: Unsere Trennung, damals vor über zehn Jahren, war ein Prozess, sie geschah nicht Knall auf Fall. Es war auch kein Rosenkrieg. Wir überlegten, wie wir das Trennen gut schaffen könnten, googelten viel - aber die Ratschläge, die wir fanden, passten nicht zu uns. Motto: alles in den Müll, die Vergangenheit ausradieren.

SPIEGEL ONLINE: Tabula rasa zu machen kann auch reinigend wirken.

Olinka Vistica: Eine ganze Trennungsindustrie propagiert das, von Feng Shui bis New Age. Aber wir wussten: Das sind wir nicht. Jemand, mit dem du dein Leben geteilt hast, hinterlässt eine Spur. Du bist nicht der gleiche Mensch wie zuvor. Darum wollten wir diesen Teil nicht wie mit einem Messer abschneiden. Egal wie kurz die Begegnung ist, wir sollten sie wertschätzen. Das Museum ist das Ergebnis: ein Plädoyer dafür, unsere Vergangenheit nicht wegzuwerfen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Objekte symbolisierten Ihre Beziehung?

Olinka Vistica: Wir haben so viel zusammen angeschafft, Filme, Platten, Betten, Teller. Im Museum wollten wir eigentlich nichts davon zeigen, wählten dann aber ein Ding aus, als Metapher: ein Aufziehspielzeug, wir nannten es "Honey Bunny". Wenn einer verreiste, nahm er es als Begleiter mit und schickte dem anderen Fotos: mit Drazžen in der Wüste im Iran, als Redner auf einer Konferenz. Wir brachten uns damit zum Lachen und teilten so Erlebnisse über die Distanz.

Fotostrecke

Was von der Liebe bleibt: Schuhe, Zwerge und Tretautos

SPIEGEL ONLINE: Das Museum ist eine dankbare Zwischenlösung: Man muss ein Ding nicht abfackeln, aber auch nicht zu Hause behalten.

Olinka Vistica: Es symbolisiert ein Zwischenstadium: wie die Phase, in der man sich verliebt oder trennt. Unsere Frage war: Wie lässt sich ein Gefühl sichtbar machen und mit anderen teilen? Die Objekte unseres Museums sind daher wie eine Spur: ein Dokument, dass diese Begegnung stattgefunden hat.

SPIEGEL ONLINE: Das Museum gibt es nun seit 11 Jahren, sogar mit einer Filiale in Kalifornien. Wie hat sich die Trennungskultur in der Zwischenzeit geändert?

Olinka Vistica: Wir sehen vor allem einen anderen Kulturwandel: Zum einen haben wir ein altes Nokia-Handy, das einer seiner Ex gegeben hat, damit er sie nicht mehr anrufen kann - inzwischen bekommen wir immer mehr Emails und Fotodateien, ein Ausdruck unseres digitalen Lebensstils. Insgesamt sind es etwa 3000 Objekte, geordnet nach Gefühlen wie Wut, Traurigsein, Humor. Liebe und Verlust sind universell, aber diese intimen Objekte vermitteln auch die Kultur, die Sprache, die Erfahrung, die Geschichte eines Landes.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Olinka Vistica: Da ist etwa der Brief eines 12-jährigen Jungen an ein Mädchen, das auf einem anderen Lkw das besetzte Sarajevo verließ. Oder Gegenstände von Menschen, deren Beziehungen zerbrachen, als einer von den Philippinen als Arbeitsmigrant in die USA ging oder aus dem Krieg in Afghanistan zurückkehrte. Wir lernen so über unsere Gesellschaft - aber nicht über die Nachrichten oder Facebook-Posts, sondern über diese sehr privaten Geschichten.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Herzschmerz-Objekte landen denn jede Woche bei Ihnen?

Olinka Vistica: Zwei bis drei mindestens. Es variiert, wenn wir wie momentan zwei neue Ausstellungen vorbereiten, eine in Norwegen, eine in Tokyo - wir starten Aufrufe vor Ort, daher bekommen wir mehr Post. Gerade auf die Zusendungen aus Japan bin ich gespannt: Dieses Land hat zuletzt so viele Katastrophen erlebt, dass Verlustgefühle sehr gegenwärtig sind.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Trennungssaisons?

Olinka Vistica: Wir sind sicher stärker mit den Naturkreisläufen verbunden als wir oft glauben. Als wir im Yukon Territory im hohen Norden Kanadas eine Ausstellung vorbereiteten, sagte uns die Direktorin des dortigen Kulturzentrums, sie wolle sie im März eröffnen: Denn es sei erwiesen, dass sich dann, wenn der Yukon wieder auftaue und fließe, die Menschen besonders häufig trennten.

Anzeige
Olinka Vištica, Dražen Grubišić:
Das Museum der zerbrochenen Beziehungen

Was von der Liebe übrig bleibt - Geschichten und Bilder

Rowohlt; 128 Seiten; 15,00 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Das Museum steht in Zagreb in einem sehr pittoresken Altstadtviertel. Man denkt an alles, nur nicht an Trennung. War das eine bewusste Entscheidung?

Olinka Vistica: Das war nicht der Grund. Als wir 2010 anfingen, war Zagreb kein Touristenmagnet, aber klar war: Wer immer in die Stadt kommt, wird die historische Altstadt besuchen und bei uns vorbeikommen. Wir standen ja in keinem Stadtführer. Abgesehen davon: Jemand, der sich frisch getrennt hat oder dessen Beziehung gerade zerbröselt, kann in dieser romantischen Gegend auch schöne Erinnerungen haben. Und im Winter kann es da oben mit all der Feuchtigkeit und dem Nebel auch sehr deprimierend sein.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie gerade in einer Beziehung?

Olinka Vistica: Ich? In vielen! Ich weiß heute nicht mehr über Beziehungen und Liebe als damals, es ist das gleiche Mysterium. Dank der Arbeit mit dem Museum habe ich aber gelernt, mich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Ich bin derzeit ein perfektes Maskottchen für unser Projekt: Single und glücklich. Und Drazen und ich haben eine neue Form von Beziehung gefunden. Das Objekt, das für uns steht, ist längst nicht mehr "Honey Bunny", sondern das gesamte Museum. Wenn es das nicht gäbe, wären wir sicher aus unseren Leben verschwunden.

Sagen Sie Ihre Meinung!

Verwandte Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP