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New York Fashion Week

"No-Models" haben einen Lauf

Gewicht, Gesundheit, Gender: Auf den New Yorker Laufstegen geht es mehr um Körperbilder als um Kleider. Doch bei manchem Label verkommen gesellschaftspolitische Appelle zur Effekthascherei.

Getty Images
Von Ricarda Landgrebe
Donnerstag, 15.02.2018   18:50 Uhr

Wenn während der New York Fashion Week immer wieder das Wort "Hashimoto" fällt, denkt man vielleicht an einen japanischen Avantgarde-Designer oder ein neues In-Restaurant in Brooklyn. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um eine Schilddrüsenerkrankung, an der Model Gigi Hadid leidet. Genervt von der ständigen Kritik an ihren Gewichtsschwankungen, verurteilte die 22-Jährige zu Beginn der Modewoche das Genörgel, das in der Branche "Body-Shaming" genannt wird, und kontert auf Twitter: "Lernt endlich, mehr Empathie für andere zu haben und seid Euch bewusst, dass ihr nie die ganze Geschichte kennt..."

Mit diesem Statement fordert die derzeit gertenschlanke Hadid, was viele Designer in New York propagieren: Akzeptanz für Andersartigkeit.

Schönheit ist bekanntlich Ansichtssache, doch in der Modebranche war sie lange Zeit ganz klar definiert: Models mussten dünn, jung, weiß und scheinbar perfekt sein. Heute ist schön, was einst als Makel galt. Zugegeben, Diversität ist kein gänzlich neues Fashion-Thema - 1962 schickte Yves Saint Laurent mit Fidelia das erste farbige Model auf den Laufsteg und löste damit eine Debatte aus, die auch 56 Jahre später noch relevant ist und heute neue Dimensionen erfährt: Gewicht, Gesundheit, Gender sind die derzeit diskutierten Themen.

Der jährliche "Diversity Report" des Online-Forums "The Fashion Spot" verzeichnet einen stetigen Anstieg von sogenannten Minderheiten-Models, wie sie auch auf der New Yorker Modewoche zu sehen waren: "No-Models" kurz "Nodels" haben einen Lauf.

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Ein Designer, der auf einen unkonventionellen Cast setzte, ist Christian Siriano. Für seine Jubiläums-Show ließ er Kurvenstars wie Ashley Graham, die übergewichtige afro-amerikanische Seriendarstellerin Danielle Brooks ("Orange Is the New Black") oder Transgender-Model Evie Angosta seine glamourösen Rote-Teppich-Roben präsentieren. "People are people", so das Mantra des Modemachers, zu dessen Fans auch Michelle Obama zählt. Schon seit Anbeginn seiner Karriere vor zehn Jahren macht sich Siriano für ein positives Körperbild und Individualität stark - und gerade deshalb nimmt man ihm die Botschaft ab.

Mut machen will auch Dana Donofree. Als sie mit 27 Jahren an Brustkrebs erkrankte, gründete die Amerikanerin das Label AnaOno und entwirft seitdem Unterwäsche für Frauen mit nur einer oder gar keiner Brust. In New York ließ sie nun zum zweiten Mal Brustkrebs-Patientinnen ihre Lingerie präsentieren. Stolz und lebensfroh gingen die von Narben gezeichneten Frauen über den Laufsteg, auf der nackten Haut prangte der Name einer an der Show beteiligten Charity-Organisation: "Cancerland".

"Kinder Drag-Star"

Der Kult um neue Körperbilder schien bei manch anderem Label weniger gesellschaftspolitischer Appell als vielmehr billige Effekthascherei zu sein: So schickte die Marke "Gypsy Sport" einen zehnjährigen Jungen, der sich selbst als "Kinder Drag-Star" bezeichnet, über den Laufsteg, gefolgt von Models mit Drahtspiralen-BHs und Bondage-Leder-Masken. Bei allem Respekt für Vielseitigkeit, wo bleibt da das Verantwortungsgefühl? Versuche um progressiven Aufwind in der Branche, werden zunichtegemacht, wenn nicht die Andersartigkeit im Vordergrund steht - sondern die Aufmerksamkeit, die man mit ihr erlangen will.

Was die modische Vision angeht, hatte man zuweilen das Gefühl, dass einige Designer mit der Mode(l)-Vielfalt von mittelmäßigen Kollektionen ablenken wollten. Das stilistische Spektrum reichte von Tom Fords überspitzter 80er-Jahre-Inszenierung mit ganz viel Strass, Schlangenprints und superknappen Miniröcken bis hin zu einschläfernder Eleganz bei Oscar de la Renta.

Nun zeichnen sich während der Modewoche im Big Apple selten die großen Fashion-Trends ab - es folgen noch London, Mailand und Paris - doch es fällt auf, dass immer mehr große und kommerziell erfolgreiche Marken der Modewoche in Manhattan den Rücken kehren: Nachdem Altuzarra und Thom Browne bereits nach Paris gegangen sind, will Alexander Wang seine eigene Fashion Week fernab des offiziellen Kalenders etablieren und Victoria Beckham sagt nach zehn Jahren "Bye-bye" zu New York. Die Designerin verabschiedete sich bei strömendem Regen mit einer bemerkenswerten Präsentation, die selbst ihre schärfsten Kritiker überzeugt. Als das ehemalige "Spice Girl" vor einer Dekade ihr Big Apple-Debut zeigte, wurde sie müde belächelt. Heute wird ihr Abschied beweint. Die Zeiten ändern sich.

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