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Stil

Paris Fashion Week

Oh, là, là

Zum Start der Modewoche lassen die französischen Traditionslabels alte Zeiten wieder aufleben. Dior setzt auf Patchwork-Protest aus den Sechzigern und Saint Laurent auf den Sexappeal der Achtziger.

REUTERS
Von
Mittwoch, 28.02.2018   20:39 Uhr

In ihrer zehnten Kollektion für Dior lässt Maria Grazia Chiuri die späten Sechziger wiederaufleben. Der französische Mai 1968 liefert die Schablone für eine bunte Kollektion, die zu großen Teilen aus Patchwork-Designs besteht. Aus Reproduktionen alter Dior-Stoffe ließ die Italienerin Röcke, Blazer, Cocktailkleider und sogar Stiefel zusammennähen. Teilweise kommen dabei aber so viele Farben zusammen, dass es an Harlekins erinnert.

Gefälliger sind Chiuris Mosaike aus Denim. Den Jeansstoff verarbeitet sie zu Culottehosen und Kleidern, teilweise mit Fransensaum. Kombiniert mit Bikerboots versprüht das ebenfalls einen gewissen Boheme-Schick, ist aber nicht ganz so laut. Außerdem im Angebot: Karos (als Kostüm, Zweiteiler und Schottenrock), schwarzes Leder, Lammfell und Tüllröcke, die so etwas wie Chiuris Markenzeichen geworden sind.

Natürlich mutet es komisch an, wenn ein zu einem Multi-Milliarden-Dollar-Konzern gehörendes Modelabel sich eine antikapitalistische Protestbewegung als Vorbild für seine Konsumgüter nimmt. Maria Grazia Chiuri unterstellt man jedoch gerne ein ehrbares Motiv. Klar, geht es ums Verkaufen, aber sie hat bei Dior von Anfang an auch politisch agiert. Sie baute Kollektionen auf feministischen Texten auf und mit den "We should all be feminists"-Shirts ihrer Debütkollektion liefert sie mehr als bloß ein schickes Accessoire passend zur Trump-Ära.

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Dior und YSL: Zu heiß für den Winter

Abgesehen von einem "Nein heißt nein"-Pullover, einem mit Peace-Zeichen und einem "Mein Bauch gehört mir"-Shirt sind die Slogans in diesem Jahr allerdings eher auf den Kulissen zu finden. Als Laufsteg dienten Collagen aus Modezeitschriften und alten Zeitungsartikeln mit Bildern der Studentenproteste in Paris vor 50 Jahren. Auffallend war außerdem, dass von den üblicherweise auf den Gürteln prangenden Initialen des Firmengründers nur das D geblieben ist.

Das ist eine der Gemeinsamkeiten mit dem Haus Yves Saint Laurent, das andere französische Traditionslabel, das am Dienstag zeigte. Bei YSL tilgten sie 2012 den Vornamen des Erbauers - der einst persönlich unter Christian Dior gearbeitet und nach dessen Tod drei Jahre in seinem Namen designt hatte - aus dem Markennamen. Ansonsten könnte die Kollektion, die Anthony Vaccarello für Saint Laurent aufführen ließ, unterschiedlicher kaum sein.

Zeitlich zitiert Vaccarello einen vollkommen anderen Look. Er scheint auch eine viel schmalere Zielgruppe ins Auge gefasst zu haben. So knapp wie die Säume seiner neuen Herbstkollektion sind, ist kaum vorstellbar, dass er beim Entwerfen Frauen jenseits der 25 vor Augen hatte, oder jemals bei Minusgraden mit so viel nackter Haut auf der Straße war wie seine Models am Dienstagabend. Die Mannequins wurden zwar von Schutzwänden vor dem Wind abgeschirmt, eisig war es Teilnehmern zufolge aber trotzdem unterhalb des Eifelturms, wo Saint Laurent seit vergangener Saison zeigt.

Rock-and-Roll-Vamps

Doch eins muss man Vaccarello lassen: Heiß sehen sie ja schon aus, seine ultraknappen schwarzen Ledershorts, die er mit schmalgeschnittenen Samtblazern und durchsichtigen Tops zu einem verführerischen Rock-and-Roll-Look kombiniert. Die Ausschnitte sind tief, die Schultern breit wie in den Achtzigern und die Röcke kurz. Dazu passen breitkrempige Hüte, Turbane und Stiefeletten mit und ohne Plateausohle sowie fellgefütterte Stulpenstiefel.

Die einzigen Farbtupfer sind geblümte, mit Pailletten besetzte Minikleider. Der Rest der Kollektion ist komplett in Schwarz gehalten. Leder, Pelz, Seide, Samt: alles noir, durchzogen höchstens von ein paar Silberfäden oder besetzt mit Nieten.

Die Saint-Laurent-Schau spielte nicht nur in einer anderen Zeit, sie dauerte auch länger. Das lag an den Glamrockern, die Vaccarello etwa zur Halbzeit über den Laufsteg schickte. Sie zeigten die Herrenmode für den kommenden Herbst. Glitzernde Smokings, bestickte Uniformjacken und Hemden, viel Samt und Seide; alles ähnlich körperbetont wie bei den Frauen und - bis auf wenige goldene und silberne Ausnahmen - schwarz wie die Nacht, für die es gemacht ist.

mit Material von Reuters

insgesamt 1 Beitrag
birdie 05.03.2018
1. Die absolut ausdruckslosen Gesichter der Models sind ...
ein Spiegelbild der absolut ausdrucklosen Mode, die sie als seelenlose Kleiderständer in die Gegend trampeln. Erich Kästner hat es in seinem Gedicht "sogenannte Klassefrauen" richtig beschrieben: "sie hauen sich [...]
ein Spiegelbild der absolut ausdrucklosen Mode, die sie als seelenlose Kleiderständer in die Gegend trampeln. Erich Kästner hat es in seinem Gedicht "sogenannte Klassefrauen" richtig beschrieben: "sie hauen sich die Nägel blau, wenn sie hören, dass das Mode ist".

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