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Stil

Wohnungsdesign

Man darf ja mal träumen

Elbblick, edle Materialien und Platz für die ganze Familie: In einer der ältesten Prachtstraßen Hamburgs erfüllte sich eine Unternehmerin ihren Wohntraum. Vorbild war das Haus eines einflussreichen Architekten.

Dornbracht/ Jochen Stüber
Freitag, 23.11.2018   12:44 Uhr

Die Palmaille ist eine der ältesten Prachtstraßen in Hamburg. In der großzügig angelegten Allee bauten Reeder und Kaufleute ihre repräsentativen Stadtpalais. Von vielen Punkten ist der Blick frei auf vorbeifahrende Schiffe und den Hamburger Hafen. So auch von dem gerade einmal zehn Meter breiten, schräg zulaufenden Grundstück, auf dem sich eine Hamburger Unternehmerin 2016 ihren Wohntraum erfüllte.

Nach Vorbild des "Einfensterhauses" des dänischen Architekten Christian Frederik Hansen (1756 bis 1845), dessen klassizistischer Stil bis heute das Stadtbild Hamburgs zwischen Altona und Blankenese bestimmt, entstand ein vierstöckiges Wohn- und Geschäftshaus. Gestaltet hat es der Hamburger Architekt Walter Gebhardt.

Der Bau reiht sich stimmig ein zwischen die herrschaftlichen Bürgerhäuser aus der Gründerzeit links und rechts. Keine leichte Aufgabe, die Straße ist ensemblegeschützt. Formensprache, Material, Maßstab und Farbgebung sind vorgegeben. Allein für die Fassade waren etliche Vorschläge notwendig, bis die Behörden zustimmten. Doch immerhin erlaubt der Denkmalschutz eine Neuinterpretation wesentlicher Merkmale der historischen Umgebung. Walter Gebhardt übersetzte die klassische symmetrische Dreiteilung der Fassaden in eine moderne Architektursprache.

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Fotostrecke: Neuinterpretation eines Klassikers

Weil ein Freistellen wie beim Hansen-Haus unmöglich war, wählte Gebhardt gläserne Fugen an den Seiten zu den Nachbarhäusern. Dadurch tritt die Betonfassade des monolithischen Baus optisch hervor. Ein überdimensionales Eingangsportal und ein großes Schaufenster bilden die Schnittstelle zwischen Innen und Außen. Wie beim Vorbild - das ebenfalls in der Palmaille steht - ist das Gebäude unterteilt in Sockelgeschoss, Haupt- und Dachgeschoss. Das geforderte Satteldach wurde als große Glasfläche umgesetzt, die nahtlos in das eigentliche, von der Straße unsichtbare Dach übergeht.

Da das Haus an einer Hauptverkehrsader liegt, mussten die Flächen klug angeordnet werden. Die Eigentümerin sollte den unverbaubaren Blick auf die Elbe genießen können, aber ihre Ruhe vor den Autos haben. Das Erdgeschoss dient deshalb nur als Durchgangsfläche, von der aus Stellplätze sowie das zentrale Treppenhaus mit einem Aufzug erreicht werden. Eine vermietete Bürofläche im ersten Obergeschoss bildet den Übergang zwischen Straßenraum und der Privatwohnung.

Mittelpunkt des zweiten Obergeschosses ist ein sich über zwei Etagen erstreckender Wohnraum, dessen großzügiges "Einfenster" sowohl den Blick auf die Elbe freigibt als auch als Möbelstück nutzbar ist. Im hinteren, von der Straße abgewandten Gebäudeteil ist ein Gästeapartment mit zwei Schlafzimmern, Kochnische und einem von zwei Seiten begehbaren Bad. Wie im restlichen Haus dominieren hier Holz und gedeckte Farben, Boden und Wände im Gästebad sind mit Glasmosaik gefliest.

Millimeterarbeit im Schlafbereich

Nebenan liegt der Schlafbereich der Hauptwohnung. Die Planung war Millimeterarbeit. Es musste Platz geschaffen werden für Bett, Laufwege sowie ein Bad mit freistehender Badewanne und Dusche. Am Ende blieben für das Bad nur eineinhalb Meter Breite. Allerdings: "Für eine tolle Raumwirkung braucht man keine großen Räume", sagt Nicole Stammer. Die Innenarchitektin löste die Herausforderung mit einem Kunstgriff, sie teilte den Raum in die Bereiche "Hauptbad" mit Dusche und Waschtisch und "Ruhebad" mit der Wanne direkt vor der Fensterfront. Getrennt werden die Flächen durch ein quergestelltes Badmöbel. So kann die Hausherrin von jeder Position in den Spiegel oder ins Grüne schauen.

Im Dachgeschoss befindet sich der fünf Meter hohe Wohnbereich mit Küche und Essbereich. Eine Dachterrasse verlängert den Innenraum nach außen. Die Funktionsbereiche hat Gebhardt geschickt angeordnet und so die eigentlich knappe Fläche optimal ausgenutzt. Auch bei der Auswahl der Materialien bewies der Architekt ein sicheres Gespür für Wohnqualität: Beton für die Fassade, eine individuelle sandfarbene Terrazzo-Mischung für die Böden, ein naturbelassener feiner Edelputz an Wänden und Decken sowie Nussbaumholz für die verschiedenen Einbauten und Türen. Highlight ist die geschwungene Holzlamellendecke, die auch als Schalldämmer fungiert. Eine absolut runde Sache.

löw

insgesamt 8 Beiträge
Abel Frühstück 23.11.2018
1.
Kochen gegenüber vom Bücherregal würde mich stören. Aber vielleicht stehen da auch nur laminiertee Geschäftsberichte drin. Ansonsten finde ich es ein wenig unentschlossen modern, teilweise trutschig. Da hätte man die ganze [...]
Kochen gegenüber vom Bücherregal würde mich stören. Aber vielleicht stehen da auch nur laminiertee Geschäftsberichte drin. Ansonsten finde ich es ein wenig unentschlossen modern, teilweise trutschig. Da hätte man die ganze Strecke gehen können, ist aber letztlich eine Geschmacksfrage.
westingrid 23.11.2018
2. unverbaurer Elbblick ?
Das Haus ist doch auf der Margarineseite, nicht auf der Butterseite, da kann es mit dem Elbblick nicht so weit her sein
Das Haus ist doch auf der Margarineseite, nicht auf der Butterseite, da kann es mit dem Elbblick nicht so weit her sein
Cugel 23.11.2018
3. Schwebetechnik
Wo sind eigentlich die Esstischbeine? So ein fest verbautes Monstrum wäre mir zu unflexibel.
Wo sind eigentlich die Esstischbeine? So ein fest verbautes Monstrum wäre mir zu unflexibel.
Prokrastes 23.11.2018
4. Was ich bei diesen Architekturonaniervorlagen immer vermisse
... ist eine Preisangabe. Ist so etwas wie das beschriebene Objekt noch im einstelligen Millionenbereich angesiedelt, oder ist es doch eher darüber einzuordnen?
... ist eine Preisangabe. Ist so etwas wie das beschriebene Objekt noch im einstelligen Millionenbereich angesiedelt, oder ist es doch eher darüber einzuordnen?
landsend 24.11.2018
5. eher verbaut als gebaut
Ich kann verstehen, daß die Fassade mehrfach umgestaltet werden mußte; sie ist auch jetzt mit dem Monumentalfenster keine ästhetische Meisterleistung. Die älteren Häuser weisen deutlich mehr Feingefühl für Proportionierung [...]
Ich kann verstehen, daß die Fassade mehrfach umgestaltet werden mußte; sie ist auch jetzt mit dem Monumentalfenster keine ästhetische Meisterleistung. Die älteren Häuser weisen deutlich mehr Feingefühl für Proportionierung auf. Eine Küche gegenüber von offenen Bücherregalen würde mich genauso stören, von der "Arme-Sünde-Bbank" mit Buchregal als 'Kopfstütze' links und rechts neben dem Kamin als Wohnzimmer-sitzgelegenheit ganz zu schweigen. Zur Lebensqualität tragen vermutlich auch die großen schrägen Glasflchen im Dachgeschoss, die sich im Sommer hervorragend aufheizen, nur bedingt bei. Es ist wieder einmal ein Haus zur Selbstinszenierung, kaum zum Leben, mehr gewollt als gekonnt.

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