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Rezept für WM-Vitello

Kalorien für die Bomber der Nation

Wer bei der Fußball-WM vor dem TV ganz vorn mitstürmen will, sollte dabei nichts Schweres essen. Am besten Fingerfood, damit die Augen am Ball bleiben. Zum Beispiel leckeres Vitello Tonnato - in handlichen Zucchinibechern.

Peter Wagner/ Foodbild
Von Hobbykoch
Samstag, 02.06.2018   08:21 Uhr

Das Scheitern der italienischen Mannschaft in der Qualifikation darf natürlich auch kulinarisch nicht unbeantwortet bleiben. Zwar erzeugt das erste Fehlen der Italiener bei einer Fußball-WM seit 60 Jahren bei der deutschen Nationalmannschaft die klammheimliche Hoffnung, nicht schon wieder im Viertel- oder Halbfinale gegen die Squadra Azzurra aus dem Wettbewerb zu fliegen. Andererseits entgehen uns dadurch auch etliche Trost-Grappas bei der Pizzeria um die Ecke.

Das kann diesmal nicht passieren, aber unsere Mannschaft braucht dennoch jede Unterstützung. Deshalb gilt für alle Fans, ob in Russland oder vor den heimischen Fernsehschirmen, essenstechnisch Maß zu halten. Auch komplexe Manöver mit Messer und Gabel sind zu vermeiden - die Konzentration sollte ganz dem Spielgeschehen gelten. Die Lösung: Wir naschen zu den aktuellen Testspielen gegen Österreich und Saudi-Arabien "WM-Vitello" aus der Hobbyküche.

Mit diesem Fingerfood verbeugen wir uns ein bisschen vor den armen Ballkollegen im Süden, bleiben aber mit den Augen stets am Schirm. Denn diese Version des Italo-Vorspeisenklassikers Vitello Tonnato kann mit den Händen gegessen werden - Mayoflecken auf dem "Heimtrikot Authentic WM 2018" (100 % Polyester für schlappe 130 Euro) zu machen.

Thunfisch, Kapern, Fleisch, Sardellen und Creme bleiben, werden zum Verspeisen aber in gedämpfte Zucchini-Becherchen gefüllt. Bei den Zutaten darf gern variiert werden, wir zum Beispiel haben statt des auf die Schnelle oft schwer zu bekommenden Kalbsbraten das Rezept mal mit selbst gebratener Hühnerbrust probiert und keinerlei Abstriche feststellen müssen.

Schwieriger ist natürlich die Wahl des Tunas, der bekanntlich bestandsgefährdend überfischt ist. Zum Glück stuft der WWF inzwischen Bonito aus diversen Pazifikgewässern als unbedenklich ein, und auch der Greenpeace-Fischratgeber hat für den Gelbflossenthunfisch und den Skipjack-Bonito aus so gut wie allen Fanggebieten im Pazifik (FAO 61, 67, 71, 77 und 81) den Daumen wieder nach oben gereckt.

Beim Einkauf also darauf achten, dass diese Fanggebietskürzel auf der Verpackung erwähnt sind. Und trotz einiger Irritationen in der letzten Zeit lohnt noch immer aus Nachhaltigkeitssicht, auf das Siegel des MSC zu achten, am besten kombiniert mit dem Zertifikat der US-Organisation Dolphin Safe.

Unabhängig von den Überfischungsproblemen: Angesichts der Verwendung des Thunfisches als mit viel Creme glatt pürierter Aromageber genügt Basis-Qualität. Allerdings in Lake eingelegt und nicht in Öl, das in diesen Preisklassen oft doch an der Grenze zur Minderwertigkeit kratzt. Wer die Speise durch Garnieren mit ganzen Fischwürfeln kulinarisch aufwerten möchte, braucht ohnehin bessere Ware.

Hierfür bietet sich der "Bonito del norte" aus dem nordspanischen Kantabrien an. Dort werden diese Thunfische bestandsschonend in kleinen Mengen mit Handleinen gefangen und nur die besten Filetstücke zu Superdelikatessen mit Kilopreisen bis 250 Euro verarbeitet. Diese Qualitätsware vom Weißen Thunfisch (Thunnus Alalunga) kommt sogar in Spaniens Dreisterne-Restaurants auf die Teller und wäre zum Pürieren natürlich viel zu schade.

Mit leichter Mayo über zwei volle TV-Halbzeiten gehen

Statt der Kalorienbombe Mayonnaise kann auch eine leichte Salatcreme verwendet werden. Wer voll austrainiert ist und mit totalem Körpereinsatz zwei volle Halbzeiten vor dem Fernsehgerät mitgehen will, kann für die Creme-Basis des Vitello aber auch selbst gemachte Mayo nehmen.

Ob Light- oder Vollversion, beide machen richtig Spaß, zumal moderne Kaltbinder wie Guarkernmehl oder Xanthan für die bei unserem Finger Food nötige Kompaktheit der Füllungsmasse sorgen, ohne auch nur einen Hauch von störender Mehligkeit auf den Gaumen zu bringen.

insgesamt 15 Beiträge
zeisig 02.06.2018
1. Im Ernst ?
Mit Fußball assoziiere ich eher Bier und Schweinehals. Dieses Vitello Tomato gibt's dann, wenn die WM vorbei ist.
Mit Fußball assoziiere ich eher Bier und Schweinehals. Dieses Vitello Tomato gibt's dann, wenn die WM vorbei ist.
dasfred 02.06.2018
2. Ehrlich überrascht
Herr Wagner hat hier heute mal ein Rezept, an dem ich nichts übertriebenes finde. Dazu ansprechende Fotografien. Die Zutaten sind überall leicht erhältlich, dabei auch noch variierbar. Zum Bindemittel noch ein Tipp. Wenn die [...]
Herr Wagner hat hier heute mal ein Rezept, an dem ich nichts übertriebenes finde. Dazu ansprechende Fotografien. Die Zutaten sind überall leicht erhältlich, dabei auch noch variierbar. Zum Bindemittel noch ein Tipp. Wenn die angegebenen Pulver nicht zur Hand sind, geht auch kalt lösliches Gelatine Pulver, nur muss man dann die Masse zwischendurch kalt stellen, bis sie dicklich wird, bevor man das Rezept vollendet. Und zu Forist Nr.1, zum Fussball passt alles, was eine Grundlage für ein gutes Bier schafft und schmeckt.
w.o. 02.06.2018
3.
Kochen unter falscher Flagge! Richtig wäre wohl pollo tonnato, denn von Kalbfleisch (vitello) sieht und schmeckt man nichts!
Kochen unter falscher Flagge! Richtig wäre wohl pollo tonnato, denn von Kalbfleisch (vitello) sieht und schmeckt man nichts!
ginorossi 02.06.2018
4. Eben!
@ w.o. #3: Super-Feinschmecker Wagner räumt doch im Artikel selbst ein, einen Unterschied zwischen Huhn und Kalb nicht schmecken zu können ...
@ w.o. #3: Super-Feinschmecker Wagner räumt doch im Artikel selbst ein, einen Unterschied zwischen Huhn und Kalb nicht schmecken zu können ...
autocrator 02.06.2018
5. fingerfood?
Ein schöner vorspeisengang, lauwarm oder kalt serviert, gut vorzubereiten, gegebenenfalls ein bißchen zu mächtig / kalorienhaltig – kommt auf die anderen Gänge drauf an. Aber als fingerfood? Mal ab von "Wohin mit dem [...]
Ein schöner vorspeisengang, lauwarm oder kalt serviert, gut vorzubereiten, gegebenenfalls ein bißchen zu mächtig / kalorienhaltig – kommt auf die anderen Gänge drauf an. Aber als fingerfood? Mal ab von "Wohin mit dem kapernstengel und der zitronenscheibenschale" ... ich stell' mir gerade vor, wie man beim stehempfang, in der einen hand das champagnerglas, mit der anderen hand sich so ein zucchiniteil vom tablett eines vorübereilenden kellners angelt und dann diese ding versucht zu essen ... unschöne mayo-fett-kleckse auf dem décolleté oder auf dem weißen smokinghemd sind da vorausprogrammiert, und die glitschigen sardellen (zum vitello tonnato auch too much, zu ölig, zu salzig) landen unschön auf dem boden oder im sektglas. Wie gesagt, als vorspeise sicher ansprechend, macht sich bestimmt auch auf meinem buffet in größeren mengen auf einem tablett präsentiert als eyecatcher sehr schön (oder wenn es einen deutschen tischservice gibt), aber um ehrlich zu sein: für einen fußballabend will ich bier und chips und nudelsalat und sandwiches und mayo aus dem glas, und kein kapern-schischi mit weißem thun und handgerührter kaltgebundener xanthan-edel-sauce. niggs für ungut.
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