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Architekt Christoph Ingenhoven

Heimat kann man bauen

Der Architekt baut radikal grün und versucht, in seinen Gebäuden ein Gefühl von Heimat zu erzeugen.

Myrzik & Jarisch

Christoph Ingenhoven, 57: Der Düsseldorfer Architekt erhielt für den Wolkenkratzer 1 Bligh in Sydney den Internationalen Hochhauspreis. Derzeit wird der Stuttgarter Hauptbahnhof (S21) nach Ingenhovens Plänen umgesetzt.

Aufgezeichnet von Bianca Lang, Andreas Möller und Mariam Schaghaghi
Freitag, 29.09.2017   15:21 Uhr

Wir arbeiten seit 15 Jahren auf der ganzen Welt und haben zwei Grundsätze: Wir versuchen erstens, "radical green" zu bauen. Zweitens bemühen wir uns, in einem Gebäude ein Heimatgefühl zu schaffen. Ich überlege mir: Was wäre auf dem Grundstück, wenn ich da nicht bauen würden? Weil ich der Erde etwas wegnehme, ist der erste Gedanke, ihr etwas wiederzugeben. Durch Begrünung, durch Vermehrung von öffentlichem Raum. Unsere Haltung ist: "No energy, no waste, no emission." Es hilft, wenn wir auf emittierende Materialien verzichten und biologisch korrekte Materialien verwenden. Holz zum Beispiel. Das ist, wenn man es anfasst, warm. Und es ist olfaktorisch angenehm. Vielleicht gibt es sogar eine Metaebene: Schimpansen leben auf Bäumen, wir werden auch auf Bäumen gelebt haben. Ich glaube, Menschen wollen nicht ohne Luft, Licht und öffnenden Blick sein.

Aus dem S-Magazin

Lassen Sie uns das auf Singapur übertragen, wo wir gerade das größte Haus des Stadtstaats bauen, mit über 400.000 Quadratmetern Büro- und Wohnfläche: Wir sehen solche Gebäude als Überlebensmodell für dicht besiedelte Städte. Schon heute leben 50 Prozent der Weltbevölkerung in Megacitys, bald werden es 70 Prozent sein. Dieses Wachstum müssen wir organisieren. Ohne Hochhäuser geht das nicht. Und wir hoffen, dass sich die Menschen dort wohlfühlen, weil wir ihnen eine Heimat bauen.

Fotostrecke

Christoph Ingenhovens Gebäude: Nachhaltig schön

Heimat ist immer etwas, das man sehen und fühlen kann. Ich möchte nirgends leben, wo ich "in der dritten Straße rechts im fünften Haus links" wohne und wo alles gleichmäßig und unspezifisch ist. Sucht man sich in der Natur ein Plätzchen, ist das auch eher unter einem Baum. Am Strand schaffen sich Menschen Heimat, indem sie ein Handtuch hinlegen. Man würde sich auch immer an einem Hügel niederlassen, damit man runtergucken kann und etwas im Rücken hat, das ist psychologisch wichtig und das Ergebnis von Millionen Jahren menschlicher Entwicklung, die in jeder Faser unseres Körpers steckt.

Ingenhoven Architects/ Christoph Ingenhoven

Marina One in Singapur: Die vier Hochhäuser mit einem riesigen Park gelten als gelungenes Beispiel für verdichtetes Wohnen. Sie bieten Platz für 30.000 Menschen. Das Projekt wird auf dem World Architecture Festival in Berlin vom 15. bis 17. November präsentiert

Bei dem Projekt in Singapur, das aus vier zusammenstehenden Hochhäusern besteht, haben wir eine gemeinsame Mitte geschaffen, die aus Grünraum besteht. Vorgeschrieben ist es, dass bei einem Neubau 25 Prozent Grünraum entsteht, wir haben stattdessen 125 Prozent erkämpft. In diesem Stadtteil von Singapur wird in den nächsten Jahren viel gebaut werden - deshalb haben wir nach einer starken inneren Identität gesucht. Ich glaube, dass zu wenig Heimatbildung betrieben wird.

Ein Positivbeispiel ist der Central Park in New York. Dort einen Park stehen zu lassen war genial! Es wurde ein sozialer, politischer und öffentlicher Raum, und die ganze Stadt definiert sich darüber, wie weit weg etwas vom Central Park liegt. Wenn ich Leute frage, ob sie mir ein Haus nennen können an einer schönen Straße, etwa den Champs-Élysées, passiert immer dasselbe: Niemand kann sich an ein einzelnes Gebäude erinnern. Die Straße ist der Star. Architektur wird überschätzt, öffentlicher Raum ist heimatbildend.

Heimat ist...

insgesamt 5 Beiträge
hartmannulrich 02.10.2017
1.
Das sind schöne Worte von einem, der in Stuttgart gerade an einer radikalen Zerstörung von Heimat beteiligt ist, und zwar einer Heimat, die nicht nur mit Gefühlswerten, sondern mit Mobilität und Begegnung zu tun hat. [...]
Das sind schöne Worte von einem, der in Stuttgart gerade an einer radikalen Zerstörung von Heimat beteiligt ist, und zwar einer Heimat, die nicht nur mit Gefühlswerten, sondern mit Mobilität und Begegnung zu tun hat. Angesichts der teilweisen Abholzung des Stuttgarter Schloßparks wirkt seine Hymne auf den Central Park besonders zynisch.
grommeck 02.10.2017
2. Wunderschöne Heimat, leider nur
für die Reichen und Schönen. Aber toll! Das bringt uns weiter...
für die Reichen und Schönen. Aber toll! Das bringt uns weiter...
Mr.Trumple 03.10.2017
3. Tja
da haben Sie, wie üblich, ein parr ganz untypische Menschen aufgetan. Es sind Weltbürger, weil sie es wollen, und es sich intellektuell, wie finanziell leisten können. Ihre Heimat ist eine andere, als die des [...]
da haben Sie, wie üblich, ein parr ganz untypische Menschen aufgetan. Es sind Weltbürger, weil sie es wollen, und es sich intellektuell, wie finanziell leisten können. Ihre Heimat ist eine andere, als die des Normalverbrauchers, dessen Heimat doch die ist, die Herr Ingenhoven ablehnt: "in der dritten Straße rechts im fünften Haus links" . Aber was ist schon ein Normalverbraucher gegen die "Eliten".
christoph_sieler 03.10.2017
4. No waist
Bin mir sicher, dass der Kollege Ingenhoven von "waste", also Verschwendung bzw. Müll geredet hat, und nicht von der Taille (waist). - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Redaktion [...]
Bin mir sicher, dass der Kollege Ingenhoven von "waste", also Verschwendung bzw. Müll geredet hat, und nicht von der Taille (waist). - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Redaktion Forum
Profibürger 03.10.2017
5. Apropos Ingenhoven...
Sternekoch Vincent Klink aus Stuttgart - ein Man mit Stil und Geschmack - hat den Entwurf von Ingenhofen für S21 einmal sehr treffend als 'Kloschüssel-Architektur' bezeichnet. Besser kann man es m.E. nicht sagen.
Sternekoch Vincent Klink aus Stuttgart - ein Man mit Stil und Geschmack - hat den Entwurf von Ingenhofen für S21 einmal sehr treffend als 'Kloschüssel-Architektur' bezeichnet. Besser kann man es m.E. nicht sagen.
© S-Magazin 1/2017
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