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Stil

Neue Modeltypen

Total normal

Die Models unserer Modestrecke zeigen, wie sich die Vorstellungen davon, was schön und angesagt ist, verändern, weil sie eben nicht aussehen wie die Supermodels aus der Zeit, als dieser Begriff erfunden wurde.

Peter Kaaden
Dienstag, 06.11.2018   15:52 Uhr

Vier ungewöhnliche Models, ein neues Ideal. Anna, Leni, Mario und Celine sind die Stars unseres Shootings. Sie sitzen in einem Hamburger Studioloft entspannt im Kreis, Leni und Celine in Unterwäsche, Anna im Komplettlook von Hermès, Mario in seiner alten Jeans. Wir haben sie gefragt, wie sie sich und anderen gefallen.

Mario: Bislang wurde im Fashion-Business alles gepimpt, Schönheit ist dann oft nur eine Illusion. Ich war gerade fünf Tage wandern in Berchtesgaden. Da habe ich viel Schönes gesehen.

Anna: Für mich ist alles schön, was eckig ist, nicht so glatt. Wenn ich zweimal hingucken muss, weil es mich zum Denken anregt und weiterbringt. In diesen Bruchstellen liegt für mich Schönheit. Das gilt für die Natur genauso wie für Menschen.

Celine: Mehr Echtheit ist heute gefragt. Die Leute merken, dass das Schönheitsideal der vergangenen 20 Jahre ein Zwang war, eine Photoshop-Illusion, die uns auf Dauer kaputtmacht. Jetzt geht der Trend zu mehr Natürlichkeit. Gott sei Dank brechen wir die Regeln. Man kann ja offenbar auch mit anderen Maßen als 90-60-90 schön sein.

Fotostrecke

Fotostrecke: Aus Makeln werden Markenzeichen

Leni: Ich finde das Uneindeutige schön. Ich bin ein großer Fan von Androgynität als Ausdrucksform, weil sie aufzeigt, dass Geschlechter in unserer Zeit nicht mehr so eine große Rolle spielen.

Mario: Früher sahen alle Models gleich aus. Das hat keine Aufmerksamkeit mehr erzeugt. Es brauchte Veränderung. Wer mich mit meiner Behinderung zeigt, erzielt einen Effekt. Das motiviert wiederum andere, Ähnliches zu versuchen. Einziger Haken: Man weiß oft nicht, ob es um Toleranz geht - oder doch nur um Marketing.

Aus dem S-Magazin

Anna: Gaultier hat schon vor vielen Jahren Ältere, Behinderte oder Korpulentere in seinen Shows gehabt ...

Leni: ... und das Gender-Model Andreja Peji. 2011 in Paris lief Andreja für Gaultier in Frauen- und Männer-Outfits und für Marc Jacobs in Männer-Looks. Andreja war das erste Model, das Diversität auf dem Laufsteg populär gemacht hat. Dafür feiere ich sie immer noch, obwohl sie inzwischen zur Frau geworden ist. Die Modeindustrie hat sie daraufhin weniger gebucht, weil sie nicht mehr spannend genug war. Ihr androgyner Look wurde nur benutzt.

"Ich wurde schon beschimpft von Designern"

Mario: Ich wurde auch schon beschimpft von Designern. In Paris fand mich mal einer cool in seinen Klamotten. Beim Umziehen sah er meine Prothese und ist ausgerastet. "Warum schicken die mir einen Behinderten?", hat er gebrüllt. Direkte Ablehnung habe ich sonst nicht erlebt, dann kriege ich halt einfach den Job nicht. In den ersten Jahren wurde meine Prothese immer kaschiert. Mit Reiterstiefeln etwa. Erst später wurde die Prothese mein Markenzeichen.

Anna: Als ich vor 15 Jahren wieder anfing zu modeln, wurde meine Figur gelobt, auch die Haare, aber mein Gesicht wurde so gephotoshopt, dass ich hinterher oft aussah wie gebügelt und mich selbst nicht erkannt habe. Mittlerweile werden die Falten gezeigt. Weil es sonst langweilig ist, immer das Gleiche. Frauen und Männer sehen nach Schönheitsoperationen in Wahrheit auch nicht jünger aus, sondern anders alt. Das kann man nicht wegkriegen. Ich trage auch nicht gern superkurze Röcke oder hautenge Teile, die für viel jüngere Generationen gedacht sind. Es muss noch ein kleines Fragezeichen im Raum stehen.

Celine: Ich musste an meiner Einstellung arbeiten, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Ich war nie die Dünnste und so perfekt wie die meisten anderen in der Modewelt. Es war ein langer Prozess. Gerade in der Pubertät fühlt man sich ja so unwohl in seinem Körper. Meine Mutter hat mir immer gesagt: Das Leben wird besser, je älter man wird. Heute finde ich mich schön, weil ich glücklich bin.

Im Video: Attraktiv und mollig - Curvy Model Angelina Kirsch (SPIEGEL TV 2015)

Foto: SPIEGEL TV

Leni: Für Leute wie mich haben Models wie Andreja Peji den Weg bereitet. Für die Themen Gender, Queerness, für nichtbinäre Geschlechtsidentitäten. Ich weiß, dass hinter den Kulissen anders geredet wird, dass viele doch nicht mutig genug sind, sich für Typen wie mich einzusetzen. Aber schlechte Erfahrungen habe ich nie gemacht. Die Leute versuchen natürlich, einen zu kategorisieren, als Mann oder als Frau. Das ist anstrengend. Im Englischen gibt es "They" für nichtbinäre Menschen. In Skandinavien existiert ebenfalls ein drittes Pronomen, in Deutschland kann mittlerweile ein drittes Geschlecht eingetragen werden. Ich möchte mich nicht ständig erklären müssen. Ich denke mir dann immer: "Educate yourself! Googel es!"

Celine: Ich stecke ja in der Schublade "curvy". Oft werde ich gefragt, was bei meinem Job anders ist. Nichts, antworte ich dann immer. Es ist dasselbe wie bei den Straight-Size-Models, nur dass ich mehr essen kann. Lieber wäre mir, ich würde als normales Model wahrgenommen. Ich bin ja schließlich auch ganz normal.

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