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Stil

Möbelmesse Mailand

Noch schöner wohnen

Die Möbelmesse in Mailand gilt als wichtigste Designschau der Welt. Dieses Jahr bietet die Salone del Mobile: Wohnträume von Google und gedruckte Lampen aus Berlin, Edel-Gadgets und echte Poschmeichler.

Walter Knoll
Von
Samstag, 21.04.2018   07:29 Uhr

Während des Salone del Mobile wird Mailand zum Mekka für Designliebhaber aus 165 Ländern. Die Messe ist die bedeutendste Design- und Möbelausstellung der Welt: Rund zweieinhalbtausend Designer und Möbelbauer, 200.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, mehr als 300.000 Besucher. Hier werden Trends gesetzt und wichtige Produktneuheiten vorgestellt.

Zuletzt hatte es allerdings Kritik am Salone gegeben. Die Woche sei zu unübersichtlich, lautete ein Kritikpunkt. Neben der Hauptmesse - mit den Segmenten "Classic: Tradition in the Future", "xLux" und "Design" - findet parallel die Küchenausstellung EuroCucina und die Badezimmermesse SaloneBagno statt. Alle zwei Jahre gibt es statt Küche und Bad die Leuchtenschau Euroluce und den Workplace 3.0. Außerdem ist da noch der Salone Satellite für junge Designer. Das ginge sicher alles übersichtlicher.

Viel schwerer wiegt jedoch der Vorwurf, ein "schamloser Marketingstunt" zu sein. Design, so die Kritikerin Alice Rawsthorn vor einiger Zeit in der einflussreichen Kunstzeitschrift "Frieze", werde in Mailand reduziert auf seine Funktion zur Produktion neuer Kunden. Der britische Designer Jasper Morrison (auf dem Salone 2018 unter anderem vertreten mit seinem neuen Plate Dining Table für Vitra) schlug deshalb gar die Umtaufe in "Salone del Marketing" vor.

Das sind also die Gründe, weshalb "die 57. Ausgabe der Mailänder Möbelmesse verspricht, ein Neuanfang zu werden", wie es auf der Webseite des Veranstalters heißt. In einem Manifest ruft Messechef Claudio Luti dazu auf, gutes Design für eine bessere Welt zu machen. Lutis sechsseitige Absichtserklärung ist auch eine Standortbestimmung. Es gehe darum, so der Salone-Präsident, die "Führerschaft" der Messe als auch der in der Lombardei angesiedelten Traditionsbetriebe zu erhalten. Denn mit Molteni, Minotti, Kartell, Flexform, Riva 1920 oder Lema sitzen einige der stilprägendsten Möbler in der Region, die auch in diesem Jahr wieder zeigen, dass gutes Möbeldesign nicht unbedingt aus Skandinavien kommen muss. Einige Messetrends aus Mailand:

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Fotostrecke: Trends und Highlights von der Möbelmesse

Holz und Marmor

Philippe Starck beispielsweise hat für Kartell unter Beweis gestellt, dass Holz so biegsam sein kann wie Kunststoff. Der natürliche Werkstoff feiert in diesem Jahr neben Marmor bei vielen Herstellern ein kleines Comeback. Vollkommen ohne Plastik kommt die Starck-Serie "Woody" allerdings nicht aus. Die Sitzschalen der Stühle montierte der französische Designer auf Plastikgestelle in Weiß, Schwarz oder Pistazie. Das käme für Giovanna Azzarello nicht infrage. Für Riva 1920 gestaltete die Architektin das Highboard Iron mit einer wunderschönen Holzmaserung an der Front. Neben dieser Neuheit zeigt die Firma aber auch Klassiker wie einen Tisch der spanischen Star-Designerin Patricia Urquiola.

Zeitlose Klassiker

Altbewährtes bleibt gefragt. Vitra produziert den Eames-Chair wieder in den sechs ursprünglichen Farben und aus Fiberglas, das für eine lebendige Oberfläche sorgt, in der die verschiedenen Stränge zum Vorschein kommen. Das war bisher nur Sammlern vorbehalten, die es sich leisten konnten, auf die neueren Modelle aus Polypropylen zu verzichten. Von Knoll gibt es, pünktlich zum Firmenjubiläum, eine Sonderedition des Butterfly Chair. Flos und Alessi wiederum nehmen den 100. Geburtstag Achille Castiglionis zum Anlass, um einige Entwürfe der Mailänder Designer-Legende wieder aufzulegen.

Vernetztes Wohnen

Klassiker sind schön und gut, aber sie verraten nicht, wo die Reise in Zukunft hingeht. Das tut dieses Jahr unter anderem Google und der Boxenhersteller Sonos. Der Suchmaschinenkonzern lässt seine Hardware für vernetztes Wohnen im Conceptstore von Rossana Orlandi inszenieren, der Grand Dame des Mailänder Designs. Und Sonos hat das dänische und äußerst beliebte Büro Hay um Überarbeitung seiner Wlan-Lautsprecher gebeten. Mehr als drei neue Farbtöne (Rot, Grün und Gelb) sind dabei allerdings nicht herausgekommen. Spannender ist ein auf der DesignFarm in Berlin gewachsenes Projekt: Der Produktdesigner Leon Laskowski hat die erste Lampe entwickelt, die komplett in einem Stück gedruckt werden kann, inklusive aller Mechanik. Nur der Spiegel und die Leuchte müssen noch eingesetzt werden.

Fotostrecke

Fotostrecke: Wohnzimmerwand oder Küchenzeile?

Handschmeichler

Ein weiterer Trend sind Materialien, die sich gut anfühlen und warm wirken. Zum Beispiel die neue Teppichkollektion von Walter Knoll, 31 Designs inspiriert von der afrikanischen Savanne und Sonne. Ein Hand- oder vielmehr Poschmeichler ist auch der neue Sessel von Vincent Van Duysen für Molteni. Vielversprechend ist die Initiative von Doppia Firma, die italienische Kunsthandwerker und internationale Designer zusammenbringt. In diesem Jahr mit dabei sind Studio Swine aus London und die iranische Architektin India Mahdavi, die zum Salone außerdem in der Via della Spiga einen temporären Club designt hat. Wer es nicht nach Mailand schafft, kann die Arbeit der Ausnahmearchitektin aber auch in Deutschland sehen. Die zweite Etage des KaDeWe wurde von ihr gestaltet.

Crossover

Design, Kunst, Architektur und Mode vermischen sich natürlich nicht nur in Berlins Luxuskaufhaus. Auch in Mailand überlappen sich diese Bereiche immer mehr: Cos zeigt im Palazzo Isimbardi eine Installation des Künstlers Philipp K. Smith, Louis Vuitton hat sich Einrichtungsgegenstände bei Marcel Wanders und den Campana Brüdern bestellt, Loewe zeigt Wandteppiche, und Salvatore Ferragamo schmückt seine Schaufenster mit Molteni. Das alles gehört zum bunten Programm, das es als Fuori Salone in den Showrooms, Hinterhöfen, Palazzi, Kirchen und Galerien zu entdecken gibt.

Und sonst so?

Die Bar Basso, seit den Achtzigern Treffpunkt und Kontaktbörse für Aussteller, Designer, Architekten und Journalisten, ließ sich erstmals auf eine Designkooperation ein. Das kanadische Design-Duo Gabriel Scott stattete den Laden mit Negroni-inspirierten Leuchten aus, passend zum Signature-Drink der Bar, der "falsche" Negroni (Negroni Sbagliato) mit Spumante statt Gin. Den wohl sehenswertesten Beitrag zum Fuori Salone lieferte in diesem Jahr aber das angesagte Mailänder Designbüro Studio Pepe. Der in Pastellfarben gehaltene "Club Unseen" ist ein Musterbeispiel für moderne Interieurkonzepte; Einlass allerdings nur mit Einladung (in Form eines Abziehtattoos). Aber das ist vermutlich mit ein Grund, warum Instagram voll ist von schwärmerischen Posts aus dem #ClubUnseen. Neben der tollen Einrichtung natürlich.

Video: 24h@Mailand - In der lombardischen Metropole

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 3 Beiträge
hasselfatz 22.04.2018
1. Design für Reiche
Design, das sich nur wenige Prozent der Bevölkerung leisten kann, ist kein gutes Design, es fehlt der entscheidene Faktor Alltagstauglichkeit. Von daher wäre es schön mal nicht nur über Design der High Society zu berichten, [...]
Design, das sich nur wenige Prozent der Bevölkerung leisten kann, ist kein gutes Design, es fehlt der entscheidene Faktor Alltagstauglichkeit. Von daher wäre es schön mal nicht nur über Design der High Society zu berichten, sondern über Beispiele, die auch für Otto-Normalbürger erschwinglich und trotzdem großartig sind.
friedel99 22.04.2018
2. Bauhaus
Wir brauchen wieder kreative Geister wie Henry van de Velde und Walter Gropius und alle ihre Mitstreiter um um wieder Design für alle Menschen kreieren zu können.
Wir brauchen wieder kreative Geister wie Henry van de Velde und Walter Gropius und alle ihre Mitstreiter um um wieder Design für alle Menschen kreieren zu können.
Papazaca 22.04.2018
3. Überzeugendes neues Design oder nur Marketing?
Von den Fotos her gefiel mir der wiederaufgelegte Butterfly chair und die Sitzlandschaft von Adrenalina. Bei den Küchen hatte ich das Gefühl, das einige Küchenproduzenten von Bulthaup abkupferten. Wie gut das momentane [...]
Von den Fotos her gefiel mir der wiederaufgelegte Butterfly chair und die Sitzlandschaft von Adrenalina. Bei den Küchen hatte ich das Gefühl, das einige Küchenproduzenten von Bulthaup abkupferten. Wie gut das momentane Design ist, kann man aufgrund der Fotos oder eines Besuchs der Möbelmesse wahrscheinlich nur ansatzweise beurteilen. Es sind schon soviel außergewöhnliche Möbel entworfen worden. Wirkich neues, bahnbrechendes zu entwickeln wird immer schwieriger. Aber da die Firmen ja verkaufen müssen, ist das dann die Stunde des Marketings. Bei mir mischen sich Interesse an neuen Entwürfen mit dem Überdruss an einer Konsumgesellschaft, die auf Teufel produziert. Aber letztlich sind wir fast alle Teil dieser Maschine. Es ist schwer, ihr zu entkommen.

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