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CO2-Fußabdruck

Ist Wein aus Übersee ökologisch vertretbar?

Neuseeländischer Wein boomt in Deutschland. Doch die Flaschen kommen mit einer schlechten CO2-Bilanz aus Übersee. Mit einem einfachen Kniff können Konsumenten einschätzen, ob der Kauf vertretbar ist oder nicht.

Getty Images

Weinreben am Lake Wanaka

Von Gerald Franz
Sonntag, 09.12.2018   18:17 Uhr

Sauvignon Blanc ist die mit Abstand am häufigsten angebaute Rebsorte in Neuseeland. Auf den beiden Inseln des Landes bekommt sie extrem fruchtige Noten von Maracuja und Stachelbeere, aber auch grün-grasige Noten. Daraus entstehen knackig-frische Weißweine, die in Deutschland immer beliebter werden. Laut Statistik des Deutschen Weininstituts ist die importierte Menge zuletzt um gut ein Drittel gestiegen. Wachstumstreiber ist vor allem Sauvignon Blanc.

Doch wie umweltverträglich sind eigentlich Weine, die um den halben Erdball transportiert werden? Selbst wenn man nur die Treibhausgasemissionen betrachtet, ist die Antwort alles andere als einfach. Denn CO2 und andere Klimagase, die im Kyoto-Protokoll der Vergleichbarkeit halber auch CO2-Äquivalent genannt werden, werden im Weinberg und im Keller, bei der Herstellung der Flaschen und beim Transport des Weins freigesetzt. Gerade bei der Arbeit im Weingut variiert die Umweltbelastung von Winzer zu Winzer sehr stark.

Als Durchschnittswert für Deutschland nennt Helena Ponstein, die an der Humboldt-Universität über Treibhausgasemissionen in der Weinproduktion promoviert, knapp ein Kilo CO2-Äquivalent für die Produktion einer Flasche Wein. Für andere Länder liegen ihr keine Informationen vor. Aber betrachtet man nur den Strom, der im Weingut verbraucht wird und damit Teil des CO2-Fußabdrucks ist, stehe Frankreich am besten da, so Ponstein: "Das liegt an der hohen Anzahl von Atomkraftwerken dort." Dann kämen Neuseeland und Österreich und am Schluss Deutschland, das in seinem Strommix mehr auf CO2-lastige Kohlekraftwerke setzt.

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Maximilian Freund kennt keine genauen Zahlen für die internationale Weinproduktion. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Önologie-Institut der Hochschule Geisenheim sagt jedoch, dass die Weingüter in Übersee oft größer, moderner und effizienter seien, was auf eher niedrigere Emissionen schließen lasse.

Zum Winzer fahren ist auch nicht besser

Doch macht der weite Transport der Weine aus Übersee die etwaigen Klimavorteile bei der Produktion nicht mehr als zunichte? "Bei Weinen aus Übersee ist der Transportfaktor nur schwer durch andere Faktoren aufzuholen", sagt Ponstein. Allerdings sei er auch nicht exorbitant hoch. Laut einer Studie würden beim Transport aus Down Under pro Flasche ungefähr 300 Gramm CO2 emittiert. Das ist etwa so viel wie ein Auto auf zwei Kilometern in die Luft bläst.

Hier setzt auch Weinkenner Freund an. Manche Verbraucher führen extra 100 Kilometer zum nächsten Weingut, um dort direkt beim Winzer einzukaufen. "Für die CO2-Bilanz ist es besser, den Wein beim Händler um die Ecke zu kaufen." Selbst bei der Frage, ob konventionell angebauter oder Biowein vorteilhafter sei, ist es nicht unbedingt so, wie man vermuten mag. Die Herstellung von Düngern und Spritzmitteln, wie sie konventionell arbeitende Winzer verwenden, benötige bei der Herstellung in der Fabrik zwar viel Energie. "Andererseits fährt der Bio-Winzer auch etwa dreimal öfter durch seine Reben und stößt mit dem Traktor Abgase aus", sagt Freund. Das liegt daran, dass die Biospritzmittel nicht in die Pflanze eindringen und vom Regen schnell wieder abgewaschen werden.

Anhaltspunkte für den CO2-Fußabdruck anhand von Zertifikaten zu gewinnen, ist laut Freund schwierig. "Die deutschen Nachhaltigkeitssiegel garantieren letztlich nur das, was gesetzlich vorgegeben ist. Der Transport bleibt außen vor." Und bei entsprechenden Bescheinigungen aus Übersee seien die Kriterien teilweise sehr unterschiedlich und häufig laxer als in der EU.

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Außer das eigene Fahrzeug möglichst wenig zu bewegen, könnten die Verbraucher beim Weinkauf jedoch einen weiteren Anhaltspunkt beachten: das Gewicht der Flaschen. Von mindestens 400 bis 600 Gramm reiche die Spannweite, so Nachhaltigkeitsforscherin Ponstein. Sowohl bei ihrer Herstellung als auch beim Transport falle jedes Gramm mehr bei der CO2-Bilanz negativ auf. "Die Flasche ist wirklich wichtig", sagt Ponstein. Diese prüfend in die Hand zu nehmen, gebe zumindest einen Anhaltspunkt, wie viel Glas dafür verwendet wurde. Sauvignon-Blanc-Freunde haben Grund zur Hoffnung: Weißwein kommt eher in leichtere Gebinde.


Wein ist immer verflochten mit Menschen und ihren Geschichten. Einige davon zu erzählen, hat sich der Autor zur Aufgabe gemacht. Nachzulesen auf seinem Blog Weinsprech.

insgesamt 35 Beiträge
catcargerry 09.12.2018
1. Ziemlich daneben
Wieso wird der Wein aus NZ als politisch inkorrekt gebrandmarkt, obwohl wegen seines Preises - ungeachtet seiner entsprechenden Qualität - sowieso nur eine begrenzte Menge hier landet? Die australischen Massenprodukte werden fast [...]
Wieso wird der Wein aus NZ als politisch inkorrekt gebrandmarkt, obwohl wegen seines Preises - ungeachtet seiner entsprechenden Qualität - sowieso nur eine begrenzte Menge hier landet? Die australischen Massenprodukte werden fast genau so weit kutschiert und böten sich da viel mehr an. Die im Lande nun einmal so und nicht anders verfügbare Energie in die Bewertung mit einzubeziehen, halte ich auch für ein zweifelhaftes Vorgehen. Und beim Händler eine Handelsstufe zu bezahlen, die man oft nicht braucht, ist keine Alternative zur Abholung beim Winzer. Die ist ja meist mit Urlaubstagen verbunden, der Vergleich hinkt daher auch hier. Sonst kann man sich den Wein auch vom Winzer schicken lassen. Das ist ökologisch nicht bedenklicher als eine Anlieferung beim Händler, aber für den Konsumenten billiger als beide anderen Alternativen. Wenn ich allein wegen Wein zum Winzer fahre, mache ich das mit einem Bulli oder Sprinter (und nicht allein), dann relativiert sich der Umweltfrevel bereits wieder. Für einen vergleichbare Spaßfaktor steigen andere in ein Flugzeug.
nonsense_forever 09.12.2018
2. Wieso haben die Mengenlieferanten
nicht längst ein Mehrwegsystem für Weinflaschen eingeführt? Auch die verfemte PET Flasche macht da Sinn bei langen Transportwegen. Kommt vereinzelt in den deutschen Handel zB aus Australien. Ist nicht im Pfandsystem somit liegt [...]
nicht längst ein Mehrwegsystem für Weinflaschen eingeführt? Auch die verfemte PET Flasche macht da Sinn bei langen Transportwegen. Kommt vereinzelt in den deutschen Handel zB aus Australien. Ist nicht im Pfandsystem somit liegt die fachliche Entsorgung in der Sorgfalt der Konsumenten.
lotharbongartz 09.12.2018
3. Absolut korrekt
Wir trinken hier in Neuseeland veganen Sauvignon Blanc - am besten natürlich bei einer Fahrradtour entlang der Weingüter.
Wir trinken hier in Neuseeland veganen Sauvignon Blanc - am besten natürlich bei einer Fahrradtour entlang der Weingüter.
manicmecanic 09.12.2018
4. seltsame Wahl
mit dem Neuseelandwein.Die politische Korrektheit artet immer mehr aus.Ich fahre auch schon mal zu einer Kooperative wegen deren sauguten supergünstigen Vouvray.Die verkaufen ihn nur vor Ort und lehnen es strikt ab an wen auch [...]
mit dem Neuseelandwein.Die politische Korrektheit artet immer mehr aus.Ich fahre auch schon mal zu einer Kooperative wegen deren sauguten supergünstigen Vouvray.Die verkaufen ihn nur vor Ort und lehnen es strikt ab an wen auch immer zu liefern,tun es nichtmal in France.Ich verbinde es meist mit einem Besuch von Verwandten,aber würde es auch ohne diesen anderen Fahrtanlaß tun.
intercooler61 09.12.2018
5. @2. nonsense
"Auch die verfemte PET Flasche macht da Sinn bei langen Transportwegen." --- Ich weiß ja nicht, was für Weine Sie goutieren, aber PET ist mW nicht gasdicht. Was meinem Geschmack bei Cola und Limonaden durchaus [...]
"Auch die verfemte PET Flasche macht da Sinn bei langen Transportwegen." --- Ich weiß ja nicht, was für Weine Sie goutieren, aber PET ist mW nicht gasdicht. Was meinem Geschmack bei Cola und Limonaden durchaus entgegenkommt, bei Wein allerdings nicht. --- Ansonsten bin ich da bei Ihnen; PET ist fantastisch leicht und wird (wenn im Pfandsystem) relativ sortenrein wieder eingesammelt.

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