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Das Geschäft mit dem Skateboarder-Look

"Kein Skater kauft Tausend-Euro-Taschen"

Immer mehr Luxusmodemarken bedienen sich an der Ästhetik der Skater-Szene. Skateboarding ist aber keine Mode, findet Autor Jürgen Blümlein - und rechnet vor allem mit einem Label ab.

Gingko Press/ Glen E. Friedman
Ein Interview von Lorenzo Taurino
Montag, 26.02.2018   12:35 Uhr

Zur Person

Jürgen Blümlein (*1973) ist neben Dirk Vogel der Co-Autor von "Skateboarding is Not a Fashion". Er selbst steht seit 1987 auf dem Skateboard und kuratiert weltweit Ausstellungen für Schuh- und Bekleidungsfirmen.

SPIEGEL ONLINE: Louis Vuitton bringt eine Kollektion mit dem New Yorker Skatelabel Supreme heraus und Kris Van Assche machte 2017 eine Skate-Kollektion für Dior. Gefällt Ihnen das?

Jürgen Blümlein: Dior who? Louis what? Ich kenne keinen Skateboarder zwischen 15 und 35, der sich eine Louis-Vuitton-Tasche für Tausende von Euro kauft, um sein Skateboard sicher in den Park zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen Skateshops wie Supreme?

Blümlein: Supreme startete Mitte der Neunziger als Shop in New York und ist heute ein global agierendes Label, das immer wieder Kollaborationen mit anderen Marken herausbringt. Da wundert es nicht, dass auch High-Fashion-Brands ein Auge darauf werfen, was gerade in solchen Läden hängt oder wer da abhängt.

SPIEGEL ONLINE: Welche abkupfernden Designer gilt es zu tolerieren?

Blümlein: Jeremy Scott! Wobei seine 2013er-Hommage an die Grafiken von Jim Phillips etwas zu nah an den Originalen dran waren. Es gibt durchaus Art Direktoren und Kreative, deren Output man ansieht, dass sie mal auf dem Brett standen, immer noch skaten oder Freunde in der Skateboard-Szene haben.

SPIEGEL ONLINE: Was ja positiv sein kann.

Blümlein: Durchaus! Gerade den Freunden aus der Szene hilft wiederum der Kontakt zu den Kreativen in der Modebranche. So kreieren Skateboarder wie Alex Olson mit Bianca Chandon oder Jason Dill mit Fucking Awesome eigene Fashion-Labels. Außerdem werden ehemalige und aktuelle Pros wie Brian Anderson oder Scott Bourne als Models auf den Laufsteg geholt. Dylan Rieder, der 2016 verstarb, lief für DKNY.

SPIEGEL ONLINE: Welche "Fashion meets Skate"-Kooperation schlägt Ihnen auf den Magen?

Blümlein: Mein aktuelles Lieblingsbeispiel ist der Kurzfilm "That One Day" von Crystal Moselle für das Modelabel Miu Miu im Rahmen derer "Women's Tales"-Kampagne. Was da als Werk für heranwachsende Frauen produziert wurde, soll ihnen vermeintlich dabei helfen, sich selbst zu definieren und sich in der von Jungs dominierten Skatepark-Welt voller "rollender Macho-Arschlöcher" zurechtzufinden.

SPIEGEL ONLINE: Das mit den Macho-Arschlöchern hört sich nach Larry Clark an.

Blümlein: Dem ist auch so. Die Skatepark-Szene wurde in Larry Clark's "Kids"-Look gedreht und als Kontrast dazu wurden die Mädchen in deplatzierten und fast schon lächerlich wirkenden High-Fashion-Fantasien eingehüllt und in einer Traumsequenz durch den Skatepark geschickt. Das i-Tüpfelchen bringt die Regisseurin selbst, die in der Beschreibung ihres Films tatsächlich sagt, dass das Tragen der überteuerten Kollektion von Miu Miu ein wichtiger Teil ihrer Entwicklung hin zur reifen Frau war.

Fotostrecke

Fotostrecke: Die Entstehung des Skate-Style

SPIEGEL ONLINE: Weibliche Superstars wie Rihanna, aber auch Musiker Justin Bieber haben dem Skatemagazin "Thrasher" zu sagenhaften Absatzzahlen verholfen.

Blümlein: Justin Bieber ist aktiver Skateboarder. Weshalb sollte er nicht ein Hoodie von einem Skateboard-Magazin tragen? Thrasher bezeichnet sich selbst als "Core Magazine" und hat Sorge, dass dieses Image durch Celebrities und Models dauerhaften Schaden nehmen könnte. Aber im Falle von Thrasher denke ich mal, dass hier keine Gefahr besteht. Dafür ist Thrasher als Marke zu einzigartig und etabliert. Mehr zu kämpfen hat das Magazin mit den vielen Logo Rip-Offs, die von Modeketten wie H&M oder Forever 21 begangen wurden.

SPIEGEL ONLINE: Szenefremde Medien berichteten gern über den eigenwilligen Sport.

Blümlein: Stimmt, aber die Skateboard-Welt schlägt auch hier gerne kreativ zurück. Als die "Vogue" online viel über "Skater"-Models und skatende Models berichtete, gab es auf einmal die tollsten "Vogue Skateboard Magazine"-Shirts in den Skate-Stores.

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Jürgen Blümlein, Dirk Vogel:
Skateboarding is Not a Fashion

The Illustrated History of Skateboard Apparel

Gingko Press; 628 Seiten; 59,90 Euro

SPIEGEL ONLINE: Was war der Ansatz für das Buch "Skateboarding is Not a Fashion"?

Blümlein: Dem Buch liegen acht Jahre Recherche, Interviews, Foto-Shootings, Text und Layout zugrunde. Das war ein sehr lebendiges Projekt, das sich nun über 630 Seiten erstreckt. Wir haben uns gesagt, dass wir nicht das x-te Hochglanz-Buch mit den "Best of 100 Skate Shirts" auf den Markt bringen werden. Das haben wir auch geschafft! Wir haben alles drin. Von der Mütze bis hin zur Socke - und sehr gerne auch die Dreckwäsche.

SPIEGEL ONLINE: Was macht das Buch auch für Nicht-Skater lesenswert?

Blümlein: Jeder, der sich für Mode, Grafik- und Logo-Design, Jugendkultur oder Sporthistorie interessiert, wird viele gute Stunden mit Anschauen und Lesen verbringen können. Viele - und manche bis dato unveröffentlichte - tolle Aufnahmen von Fotografen-Legenden wie beispielsweise Glen E. Friedman, J. Grant Brittain, Jim Goodrich, James Cassimus und Ted Terrebonne sind drin. New Wave und Punk-Shirt-Freunde kommen auch auf ihre Kosten, da viele Skateboarder auch in dieser Szene verwurzelt sind und sich deshalb mehrere Kapitel im Buch damit befassen. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere beim Durchblättern an seine wilde Jugendzeit oder findet eine neue "alte" Anregung für den nächsten eigenen Look.

insgesamt 21 Beiträge
Sukram71 26.02.2018
1. Jetzt bin ich aber echt beleidigt
Jetzt bin ich aber echt beleidigt, dass meine Brot- und Butter-Marke Luis Vuitton hier dermaßen herunter gemacht wird. Ich bin sicher, viele andere SPON Leser sind bei Louis Vuitton genauso Stammkunde, wie ich ... XD
Jetzt bin ich aber echt beleidigt, dass meine Brot- und Butter-Marke Luis Vuitton hier dermaßen herunter gemacht wird. Ich bin sicher, viele andere SPON Leser sind bei Louis Vuitton genauso Stammkunde, wie ich ... XD
dweik01 26.02.2018
2. "Kein Skater kauft Tausend-Euro-Taschen"
aber Leute, die 1.000 Euro Taschen kaufen (können) wollen so cool sein wie ein Skater! So what?!
aber Leute, die 1.000 Euro Taschen kaufen (können) wollen so cool sein wie ein Skater! So what?!
adrianhb 26.02.2018
3.
schon gewundert, warum Spiegel ein Interview mit soviel Stuss bringt Buch verkaufen, alles klar ...
schon gewundert, warum Spiegel ein Interview mit soviel Stuss bringt Buch verkaufen, alles klar ...
m-cutolo 26.02.2018
4. hat ja nix zu heißen...
Also die Skater Klamotten haben ihren Stil, klar aus dem hip hop Bereich abgekupfert. Aber darum soll es nicht gehen...es gibt ja auch inzwischen Luxus hip hop Labels.... Obwohl der gemeine hip Hop Fan, genau so wenig Geld [...]
Also die Skater Klamotten haben ihren Stil, klar aus dem hip hop Bereich abgekupfert. Aber darum soll es nicht gehen...es gibt ja auch inzwischen Luxus hip hop Labels.... Obwohl der gemeine hip Hop Fan, genau so wenig Geld besitzt, um sich diese Klamotten leisten zu können. Fakt is da einfach, wenn eine Kultur ein gewisses Level an Bekanntheit erfährt. Stürzen sich die Kapitalisten drauf und machen es Kommerz ... Erste Moderatoren ziehen die Sachen an, obwohl sie die Kultur überhaupt nicht mögen... Schon gilt die tief sitzende Hose, die zuvor belächelt wurde als modern. Dann dauert es nicht mehr lange und die verkommerzialisierte Gesellschaft, schließt sich dem an. Obwohl davon keiner hip hop mag. So ist es auch im techno Bereich gewesen... Nun Beuten die Modelabel halt die skaterkultur aus. Damit sich alle, vorfallem aber die die es sich leisten können , mal so richtig als Skater fühlen dürfen...
chiemseecorsar 26.02.2018
5. Interessiert ...
... niemanden. Außer vielleicht irgendwelche Pseudos. Ich hatte mein erstes deck mir 9, 1973. Und seit ´74 Wind-surfer. Und mit 4 zum ersten mal auf den ski. Uns war als kids und auch späret -wenn überhaupt - NICHT so [...]
... niemanden. Außer vielleicht irgendwelche Pseudos. Ich hatte mein erstes deck mir 9, 1973. Und seit ´74 Wind-surfer. Und mit 4 zum ersten mal auf den ski. Uns war als kids und auch späret -wenn überhaupt - NICHT so durchgestylt und dresscodemäßig unser ding zu machen. Wir haben Großvaters alte Lodenjacken zum Skiing getragen - das Label heißt jetzt Luis Trenker, surfen mit den alten Chuck, bis es Sexwax zu kaufen gab. Windsurfing Chiemsee find damals an. Ums Eck. Wen interessierts heut noch? Dieses Buch macht inhaltlich doch die gleiche Suppe wie die, die versuchen Grafittis zu katalogisieren. Der Sinn erschließt sich nur dem, der es selber macht. Und auch früher schon war es wichtiger schifahren zu können als den teuersten ellesse-Anzug zu haben. OneWorld.NoBorder. PS: hab Rihanna noch nie aufm Board gesehen...

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