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V&A Dundee

Fetter Pott

Auch die schottische Stadt Dundee hat einen BER, irgendwie: Ein neues Designmuseum wurde vier Jahre zu spät fertig, kostete dreimal so viel wie geplant. Aber - es hat sich gelohnt.

Hufton + Crow
Von
Freitag, 28.09.2018   11:55 Uhr

Als das Gebäude in der Ingram Street im Herzen Glasgows 1971 abgerissen werden sollte, wussten die Verantwortlichen zum Glück um das Juwel, das sich in seinem Inneren verbarg: Der Oak Room, zwischen 1900 und 1912 entworfen und gebaut von dem vielleicht bis heute berühmtesten Designer und Architekten Schottlands: Charles Rennie Mackintosh.

Der Oak Room war Teil von Miss Cranston's Lunch and Tea Rooms on Ingram Street. Ein eichengetäfelter Saal mit Balustrade, Holzstrukturen und Buntglaslichter schmückten den Raum. Ein Musterbeispiel für den Glasgow Style - Schottlands Antwort auf den Jugendstil, dessen bedeutendster Vertreter Mackintosh war.

Bevor die Bagger anrückten, wurde also Mackintoshs Ensemble behutsam abgebaut und Stück für Stück nummeriert und kategorisiert. Mit Zeichnungen des Originalzustands versehen lagerten die 800 Einzelteile anschließend im Depot der Kelvin Hall, bevor sie schließlich vor 14 Jahren wieder aus ihrem Kisten geholt und zusammengebaut wurden.

Das Ergebnis ist seit kurzem in der ostschottischen Küstenstadt Dundee zu sehen. Als Herzstück der Sammlung des ersten schottischen Designmuseums der Welt, gebaut vom Büro des japanischen Architekten Kengo Kuma.

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Wie zwei gestrandete Tanker ragt das Bauwerk aus seiner Hafenumgebung heraus. Oder sind es Wale? Die kurvigen Außenwände mit ihren 2500 Steinlamellen sind eine Reminiszenz an die rauen, schottischen Felsklippen. Je nach Betrachtungswinkel ergeben sich interessante Schattenspiele, abends spiegeln sich die Lichter des Museums im Hafenbecken.

Dreimal teurer, vier Jahre zu spät

Das V&A Dundee ist eine Außenstelle des Londoner Victoria & Albert Museums. Die erste Dependance des berühmten Designmuseums soll wie die Hamburger Elbphilharmonie zum Anziehungspunkt für eine Stadt und ihr neues Uferviertel werden. Und wie in Hamburg wurden auch in Dundee Kostenrahmen und Zeitpläne gesprengt. Am Ende war der Bau dreimal teurer (100 statt 30 Millionen Euro) als geplant und vier Jahre zu spät fertig.

Doch es hat sich gelohnt. Der Körper steht zwar nicht wie ursprünglich geplant vollständig im Wasser, sondern nur zum Teil. Seiner Wirkung tut das aber keinen Abbruch. An ihrem Berührungspunkt bilden die beiden umgedrehten Pyramiden einen Torbogen, der den Fluss Tay auf seinem Weg in die Nordsee rahmt. Auch die beiden Brücken nach Edinburgh sind zu sehen. Im Hintergrund liegt die RSS Discovery, mit der Scott und Shackleton einst Richtung Antarktis aufbrachen.

So düster das Gebäude von außen wirkt, umso heller ist es in seinem Innern. Durch den höhlenartigen Eingang gelangen die Besucher zunächst in ein hoher Raum. Hier hat Kuma Paneelen aus hellem Holz verbaut. Um das Foyer herum schlängelt sich eine schwarze Marmortreppe nach oben zu den beiden Ausstellungsbereichen: einer für wechselnde Ausstellungen (aktuell Ozeanriesen) und einer für schottisches Design.

Tartanstoff und Computerspiele

Material für die Scottish Design Gallery ist reichlich vorhanden. Die 300 Objekte der Sammlung bilden das gesamte Spektrum schottischer Kreativität ab: Tartanstoffe, Strickpullover mit traditionellem Fair-Isle-Dessin und schottische Paisley-Paschminas, eine diamantene Tiara der Herzogin von Roxburghe, prächtige Möbel des neoklassizistischen Designers Robert Adams. Aber auch: zeitgenössische High Fashion des Modemachers Christopher Kane, Hunter-Gummistiefel, ein Mantel aus " Star Wars" und der Computerspiel-Klassiker "Lemmings".

Hauptattraktion, und Lieblingsstück des Museumsdirektors Philip Long, ist jedoch der Oak Room aus der Ingram Street. Für rund 1,3 Millionen Pfund restauriert ist er nun erstmals seit 50 Jahren wieder zu sehen. Das ist umso bedeutender, da Mackintoshs Meisterwerk - die Bibliothek der Glasgow School of Art - 2014 bei einem Brand für immer zerstört wurde. Damit ist zumindest ein Hauptwerk des Architekten heute wiederhergestellt. Pünktlich zum 150. Geburtstag des Master of Glasgow Style.

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