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Wein-Bier-Hybride im Test

Trauben und Malz, Gott erhalt's

Eine Handvoll Winzer und Brauer experimentiert gemeinsam mit Wein-Bier-Hybriden. Dafür werden Traubenmost und Würze zusammen vergoren. Das Ergebnis schmeckt überraschend gut und ist sehr gefragt.

SPIEGEL ONLINE
Von Gerald Franz
Mittwoch, 31.10.2018   19:58 Uhr

Um seinen Hybriden aus Bier und Riesling Kabinett namens Brau.nett überhaupt zum Probieren einschenken zu können, muss Kai Schätzel eine Flasche davon aus einer Mainzer Weinbar zurückholen. Der Winzer aus dem rheinhessischen Nierstein hat alle 8000 Exemplare längst verkauft. Neue Bestellungen liegen bereits vor. Um diese zu befriedigen, müssten laut Schätzel beim nächsten Mal bereits 100.000 Flaschen befüllt werden.

Wein mit Bier ist kein neues Mischgetränk. Traubenmost und Würze, die zwei Ausgangsstoffe für Wein und Bier, werden schon im Herstellungsprozess vereinigt und zusammen vergoren.

1. Brau.nett - mehr Bier als Wein

Nicht nur Kai Schätzel, auch den wenigen anderen Herstellern, die mit Weinbier experimentieren, werden die Flaschen aus den Händen gerissen - zu Preisen, von denen Bierbrauer und viele Winzer nur träumen können. Ein Drittelliter Brau.nett etwa kostet 6,90 Euro.

So rar die Hersteller der Hybride noch sind, so groß sind die geschmacklichen Unterschiede. Das Getränk, das Kai Schätzel zusammen mit der Mainzer Brauerei Kuehn Kunz Rosen zubereitet, ist mehr Bier als Wein. Aus einer typischen Bierflasche fließt es kräftig schäumend ins Glas. Die Nase ist sehr frisch und leicht hopfig. Erst am Gaumen merkt man auch die Fruchtigkeit des mitvergorenen Kabinetts. Das Zwittergetränk schmeckt säuerlich, und die Tannine aus der Traubenschale sorgen für Struktur und herben Geschmack. Dieses Weinbier, das mit knapp fünf Prozent Alkohol auskommt, ist ein Essensbegleiter oder was für heiße Sommerabende.

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2. Wier - besser nicht so schnell trinken

Weit weniger sauer schmeckt das Wier des Badischen Winzerkellers Breisach. Optisch ähnelt es eher einem Weißwein: strohgelb und ohne Schaumkrone präsentiert es sich im Glas, in der Nase melden sich Aromen von gelben Früchten, erst geschwenkt treten auch hopfige Aromen hinzu. Das mit der Freiburger Brauerei Ganter hergestellte Wier hat wegen seiner dezent herben Ausprägung und der leichten Perlage einen guten Trinkfluss. Bei zwölf Prozent Alkohol und einem Verkaufspreis von 8,90 Euro sollte man die 0,75-Liter- Flasche jedoch nicht wie ein schnelles Helles trinken.

Es verkauft sich jedoch wie Bier. Kistenweise gehe das Getränk in Freiburg weg, sagt Katharina Ganter-Fraschetti, die mit Alixe Winter vom Haus der Badischen Weine die Idee für das Wier hatte. Daher wurde nach dem ersten Versuch mit rund 1000 Flaschen beim zweiten Durchgang schon die dreißigfache Menge produziert. Die wachsende Nachfrage kann jedoch nicht von heute auf morgen bedient werden. Während Bier jederzeit nachgebraut werden kann, muss für neues Weinbier bis zur nächsten Traubenlese gewartet werden.

3. bis 5. Riesling People, Spätale und Winale - fruchtige Noten

"Craft-Beer-Trinker kennen das ja: Wenn es ausgetrunken ist, ist es ausgetrunken", sagt Matthias Meierer vom gleichnamigen Weingut in Kesten an der Mosel. Mit seinem Rieslingmost braut die junge Brauerei Mikkeller aus Dänemark drei verschiedene Weinbiere: Riesling People, Spätale und Winale. Alle drei fließen naturtrüb und relativ hell ins Glas, verlieren schnell ihre Schaumkrone und zeichnen sich durch fruchtige Noten aus, die mal deutlicher (Grapefruit beim Riesling People), mal zurückhaltender (etwas Birne und Ananas beim Winale) ausfallen. Alle drei weisen eine leicht seifige Konsistenz auf der Zunge auf. Anders als beim Brau.nett fehlt es etwas an Struktur und Grip. Der Alkoholgehalt von sieben bis neun Prozent liegt zwischen Brau.nett und Wier. Beim Winale harmonieren Hopfen, Frucht und Frische am besten.

6. Vinator - Experiment aus dem Unterfränkischen

Die Brauerei von Helmut Bayer im unterfränkischen Theinheim ist ein Traditionsbetrieb. Doch seit der Chef durch die Craft-Beer-Bewegung gelernt hat, dass Pils, Weizen und Bockbier nicht alles sind, experimentiert auch er. Das von ihm gebraute Vinator gibt es als "alkoholhaltiges Malzgetränk mit Traubenmost", wie es aus rechtlichen Gründen auf dem Etikett kompliziert lautet. Die roten und weißen Moste bezieht Bayer vom Winzerhof Vogt aus dem nahegelegenen Oberschwappach. Vergoren werden sie mit Würze für Bockbier, entsprechend üppig und mit etwa zehn Prozent Alkohol kräftig fällt das Ergebnis aus.

Von den Theinheimer Weinbieren gefällt vor allem das mit dem weißen Müller-Thurgau, das trotzdem dunkel-bernsteinfarben ist. Die süßlich-malzige, nur leicht herbe Nase erinnert erstmal wenig an Wein. Am Gaumen setzt sich die kräftig-malzige Ausprägung fort, wobei die Bittere und eine leichte Apfelnote puffernd wirken und das Vinator nicht zu breit und sättigend werden lassen.

Braucht man diese Brauspezialitäten? Nicht unbedingt. Für den überzeugten Wein- oder Biertrinker schmecken sie vermutlich zu ungewohnt. Wer offen für neue Geschmackserlebnisse zwischen Bier und Wein ist, sollte die Hybride aber unbedingt probieren - wenn er denn eine der begehrten Flaschen ergattern kann. Jetzt nach der Weinlese stehen die Chancen sicher am besten.


Wein ist immer verflochten mit Menschen und ihren Geschichten. Einige davon zu erzählen, hat sich der Autor zur Aufgabe gemacht. Nachzulesen auf seinem Blog Weinsprech.

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