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17.02.2012
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Party-Logbuch Köln

"Glaub 'nem Kölner immer nur die Hälfte"

"Stronzo Polizia Colonia!" In der Domstadt testet Markus Flohr das studentische Nachtleben vor dem Karneval. Er trifft einen Party-Taliban, trinkt "Kettenfett" und stürzt sich, als sonst nichts mehr auf hat, in eine Gay-Party. Und lernt: Köln denkt, es sei Paris, liegt aber nahe Leverkusen.

18.00 Uhr Coskun zieht den Pulli aus, die Zeit drängt. Wir knien auf dem Boden einer Galerie, tief unten in den Katakomben von Köln, und schrauben muffige Kinosessel zusammen. Die Galerie ist nebenher eine Bar, sie heißt Arty Farty, überall an der Wand sind Graffiti zu sehen. Heute werden viele Leute erwartet: Kölns Kunstszene feiert das "Passagen"-Festival, und das Arty Farty ist ein ganz heißer Tipp.

19.30 Uhr Coskun ackert jetzt schwitzend im Feinrippunterhemd, die ersten Besucher schauen verstört. Man kann Angst vor Coskun bekommen - er hat ziemlich breite Schultern, einen Taliban-Bart, er guckt manchmal sehr böse und wirkt schlecht gelaunt. Die mutigsten unter den Kunst-Hipstern defilieren an unserer Baustelle vorbei und beschauen sich die Graffiti an der Wand. Ich ziehe die letzte Mutter fest. Mit einem Krachen fällt der Sessel um. "Ist ein Happening", brummt Coskun. "Kunst." Er stampft hinter den Tresen und ruft: "Herzlich willkommen in meiner Bar!" Alle gaffen ihn an. Diesem Party-Taliban gehört der Laden?

20.00 Uhr Noch was vergessen. Der Sprit wird nicht reichen. Coskun wedelt mit einem Zettelchen: "4 x Gin, 5 x Wodka, 2 x Grasovka, 1 x Jägermeister, 1 x Tanqueray, 1 x Bombay, 1 x Jack Daniels" ... und 30 Zeilen später: "2 x Russian Standard". Raus auf die Straße, ab zum Supermarkt. Über den Dächern der leuchtenden Stadt bohren sich die Türme des Kölner Doms in den Abendhimmel. In den Pfützen auf dem Gehweg spiegelt sich ein blaues U-Bahn-Schild. Eine Gruppe junger Menschen kommt mir entgegen, alle haben ein Sektglas mit roter Flüssigkeit in der Hand und ein rotes Krönchen auf dem Kopf. Außerdem eine rote Pappnase im Gesicht. Ach ja. Köln. Immer Karneval. Wir sind alle gut gelaunt.

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Studentenstädte im Nachttest: Abfeiern von Passau bis St. Pauli
21.00 Uhr Zurück im Arty Farty mit Alkohol en masse. Kaum noch Platz zum Stehen. Das alte Steingewölbe beginnt zu wackeln, ein DJ legt Elektro auf, die Gäste bestellen Apfelsaft mit Gras-Wodka. Trinkt man hier so. Pilo und Lars erklären mir Köln. Pilo wohnt hier seit Jahren, fährt am Wochenende aber meist woandershin, um auszugehen. "Ich glaube, ich bin zu alt für Köln", sagt er. Also erklärt mir Lars die Stadt: "Wir wissen schon, dat Köln keine Großstadt ist. Rhein-Metropole, Millionen-City, na ja. Et is wie beim 1. FC Köln: einmal gegen Augsburg gewonnen, schon in der Champions League. Dat ist grenzenloser Größenwahn, aber wir Kölner wissen dat und lachen drüber. Ich gebe dir einen Tipp: Glaub 'nem Kölner immer nur die Hälfte von dem, was er erzählt."

23.00 Uhr In Köln ist ein Laden nur dann gut, wenn man sich nicht mehr bewegen kann. Wir sind im Barracuda, aber der Name ist nicht wichtig, die Schuppen sehen alle ähnlich aus. Sie sind schmal, mit einem großen Tresen mittendrin. Wie schmale Kölschgläser drücken sich die Leute aneinander, der Einzelne kann nur hoffen, dass er hin und wieder an den Erfrischungen hinter der Bar vorbeigetragen wird. Nach drei Minuten kennt man den halben Laden. Francesco, Türsteher von gegenüber, erzählt mir, dass er heute "zu erste Male bei Schwarzfahre" erwischt wurde. "Dachte, isse nichte ernste, sondern Maskerade Karnevale. Aber hatte gekostet 40 Euro. Stronzo Polizia Colonia!"

1.00 Uhr Wir latschen irgendeine Ausfallstraße Richtung Pulheim, Bergheim oder Frechen hinunter. Alles öde, menschenleer. An einer baufälligen Mauer hängt eine Leuchtreklame: Sonic Ballroom. Ist das ein Bordell? Auf der Mauer ist Stacheldraht gespannt, und alles schimmert hier so rot. Pilos Anweisung ist eindeutig: "Rein da." Heute ist Sixties-Disco. Rock 'n' Roll, Garage, Punkrock, Beat, Freakbeat, Psychobilly, alles, was in die Beine geht.

1.45 Uhr Der Ballroom tanzt. Fast alle tragen die Garderobe der britischen Mods und Beatniks auf. Die Damen gern mit Röckchen, die Jungs mit Hemd. Basti zum Beispiel: rotes Hemd mit schwarzem Kragen, Pilzfrisur wie Paul McCartney. "Köln ist so eine Friede-Freude-Eierkuchen-Stadt", sagt er. "Komm, wir müssen jetzt tanzen." Ich drehe mich wie ein Brummbär im Kreis, eine Dame mit langem braunem Haar und Lederhose fasst nach meiner Hand. Linksherum, rechtsherum, jetzt aneinander vorbei, das geht mir alles zu schnell. Rock 'n' Roll ist Schwerstarbeit. Ich torkele benommen Richtung Tresen. Pilo fängt mich auf und drückt mir ein Schnapsglas in die Hand: "Kettenfett", sagt er. Sieht auch so aus. Schmeckt nach Lakritze.

3.30 Uhr Kein Zentimeter Platz mehr im Sixpack. Nur Coskun steht fest wie ein Leuchtturm. Da ist wieder Francesco, der Türsteher, und erzählt dem Nächsten von seiner Schwarzfahrt: "Kontroletti Vaffanculo." Mindestens jeden zweiten Gast habe ich heute Abend schon in einem anderen Laden gesehen. Neben uns tanzt ein Barmann aus dem Arty Farty. Natürlich im Unterhemd. "Dat is Köln", sagt Coskun.

5.00 Uhr Hin zur "Werkstatt": Gay-Party. An der Garderobe ist die Dame verwirrt, dass wir kommen und nicht gehen. Ist wohl schon ein wenig spät. Manchmal ist Köln die Mitte zwischen Berlin und Paris, aber manchmal auch eine Mischung aus Leverkusen und Brühl. Im Disconebel steht eine Frau vor mir: blonde lange Haare, Zopf, riesige Brille. Wir tanzen. Sie erzählt, dass sie Svenja heißt und aus Uppsala in Schweden kommt. Ihr Englisch wird von einem Kölner Singsang verschönert. Sweden, Uppsala, blonde Frau. Na klar. Wie war das noch? Glaub in Köln immer nur die Hälfte.

Forum

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insgesamt 65 Beiträge
1. is esu !
canUCme 17.02.2012
Tja, und trotzdem wollen alle hierhin, oder bleiben nach dem Studium hier hängen. Muss doch was dran sein ....
Zitat von sysopMatthias Jung"Stronzo Polizia Colonia!" In der Domstadt testet Markus Flohr das studentische Nachtleben vor dem Karneval. Er trifft einen Party-Taliban, trinkt "Kettenfett" und stürzt sich, als sonst nichts mehr auf hat, in eine Gay-Party. Und lernt: Köln denkt, es sei Paris, liegt aber nahe Leverkusen. http://www.spiegel.de/unispiegel/heft/0,1518,815779,00.html
Tja, und trotzdem wollen alle hierhin, oder bleiben nach dem Studium hier hängen. Muss doch was dran sein ....
2. NICHT Alle !!!
Bluemikey 17.02.2012
Als Ruhrpott-Kind halte ich es mit Frank Goosen: "Nach Köln gehe ich nur, wenn ich Geld dafür bekomme!" Zu dem "glaub 'nem Kölner nur die Hälfte" würde ich nach Ihrer Aussage noch einen [...]
Zitat von canUCmeTja, und trotzdem wollen alle hierhin, oder bleiben nach dem Studium hier hängen. Muss doch was dran sein ....
Als Ruhrpott-Kind halte ich es mit Frank Goosen: "Nach Köln gehe ich nur, wenn ich Geld dafür bekomme!" Zu dem "glaub 'nem Kölner nur die Hälfte" würde ich nach Ihrer Aussage noch einen ausgeprägten Hang zu Verallgemeinerungen hinzufügen ;)
3.
Ernst August 17.02.2012
Ich liebe Köln. Ich habe da mal an einer Stadtführung teilgenommen. Der Stadtführer war ein richtigen drolligen Jeck und der Spaß begann mit ihm direkt vor dem Bahnhof. Er zeigte ohne zu zögern auf eine alte Kirche [...]
Zitat von BluemikeyAls Ruhrpott-Kind halte ich es mit Frank Goosen: "Nach Köln gehe ich nur, wenn ich Geld dafür bekomme!" Zu dem "glaub 'nem Kölner nur die Hälfte" würde ich nach Ihrer Aussage noch einen ausgeprägten Hang zu Verallgemeinerungen hinzufügen ;)
Ich liebe Köln. Ich habe da mal an einer Stadtführung teilgenommen. Der Stadtführer war ein richtigen drolligen Jeck und der Spaß begann mit ihm direkt vor dem Bahnhof. Er zeigte ohne zu zögern auf eine alte Kirche und sagte meine Damen un Herren wennn sie bitte mal hier schauen können sie de Dom sehen und davor die Domplatte die aber nicht ganz so alt ist. Begeisterung bei den Geführten. Dann ging wir über die Komödienstraße (da ging die Komödie erst richtig los) vorbei an der Rechtschule und Hohe Straße (wunderschöne Geschäfte wie ich sie noch nie sah: HM, Tschibo, Würstchenbuden u.s.w. und ein Köbes vor wunderschönen Häusern wie man sie nirgends anders findet.) Wir erreichten inmitten historischer Bauten Am Hof. Unser Führungsjeck, der nicht locker ließ uns mit Humor und rheinischer Fröhlichkeit Köln als die schönste Stadt der Welt zu verkaufen, drehte sich zu uns und sagte erleichtert: Meine Damen und Herren wenn sie bitte mal hier schauen würden dann sehen sie de Dom. Begeisterung über so viel Schönheit inmitten der anderen Schönheit unter den langsam rheinische Fröhlichkeit annehmenden Geführten, Beschwingt ging es weiter Richtung Rhein und die Heiligkeit seiner beim Weltjugendtag hinterlassen Fußspuren gingen auf die Geführten über und wir erreichten den Weltjugentagsweg und unsere beseelte rheinische Führungskraft drehte sich sichtbar erleichtert aber leicht erschöpft von der eigenen rheinischen Art um und sagte: Meine Damen und Herren wenn sie bitte mal dort rüber schauen würden dann können sie de Dom sehen. Seitdem heißt Köln bei mir, und bestimmt auch bei den anderen Geführten, nur noch De Dom (De Dom hat wieder verloren und der eher polnische De Domer Lukas bringt es auch nicht mehr und haut immer öfter daneben) weil es bei mir zu Hause auch Häuser auf beiden Straßenseiten gibt (sogar mit Geschäften) aber keinen Köbes und dafür mehrere Kirchen die nicht Dom heißen.
4. Sehr interessant
einuntoter 17.02.2012
Und solche Berichte erscheinen dann demnächst über jedes Kaff mit mehr als 20000 Einwohnern? So kann man seine Seiten auch füllen
Und solche Berichte erscheinen dann demnächst über jedes Kaff mit mehr als 20000 Einwohnern? So kann man seine Seiten auch füllen
5. alaaf alaaf
scientist-on-hartz4 17.02.2012
Wo bitte schön, hat sich der Markus Flohr denn da nur rumgetrieben? Ich kenne das Art Farty nicht obwohl ich in Köln aufgewachsen bin und dort studiert hab. Gut, seit 2004 lebe und arbeite ich in Berlin und war zuletzt 2008 [...]
Zitat von sysopMatthias Jung"Stronzo Polizia Colonia!" In der Domstadt testet Markus Flohr das studentische Nachtleben vor dem Karneval. Er trifft einen Party-Taliban, trinkt "Kettenfett" und stürzt sich, als sonst nichts mehr auf hat, in eine Gay-Party. Und lernt: Köln denkt, es sei Paris, liegt aber nahe Leverkusen. http://www.spiegel.de/unispiegel/heft/0,1518,815779,00.html
Wo bitte schön, hat sich der Markus Flohr denn da nur rumgetrieben? Ich kenne das Art Farty nicht obwohl ich in Köln aufgewachsen bin und dort studiert hab. Gut, seit 2004 lebe und arbeite ich in Berlin und war zuletzt 2008 in meiner Heimat. Kann daher sein, dass der Laden erst seit kurzem existiert. Es wäre aber schön, wenn der Autor in einem Reisebericht auch die Adresse oder zumindest die Straße nennen könnte, wo sich die von ihm besungenen Kneiben befinden. Und mit der Ausfallstraße Richtung Pulheim Frechen können ja wohl nur die Dürener oder Luxemburger Straße jenseits des Gürtels gemeint sein. Denn im Kwatier Lateng, dem eigentlichen Studentenviertel zwischen Zülpicher Platz und Innerer Kanalstraße tobt nachts um eins der Geizbock auch noch am Aschermittwoch. Aber da hat Missjöh Floh sich nicht wohl rumgetrieben, wie ich annehme. Sollte er aber, vor allem Karnevalsdienstag abends, wenn die Nubbel in der Roonstraße auf dem Scheiterhaufen enden.

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