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15.09.2003
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Von Beruf Politiker

Ran an die Macht

Von Jörg Hackhausen

"Ich will da rein", rief der junge Gerhard Schröder und rüttelte am Kanzleramtszaun. Längst Legende. Dabei ist schon der Weg in den Bundestag schwierig. Wer sich in jungen Jahren vornimmt, Volksvertreter zu werden, sollte die Karriere gründlich planen - und ein wenig Glück haben.

Berlin, Reichstagsufer, Eingang des Paul-Löbe-Abgeordnetenhauses. "Ich habe es eilig, bitte kommen Sie schnell." Die Worte kaum gesagt, das Handy zusammen geklappt und in der Brusttasche des Jacketts verschwunden, schon rollt die Limousine heran. Mercedes E-Klasse, Farbe schwarz, verdunkelte Scheiben. Der Chauffeur steigt aus, eilt zur Beifahrertür, hält sie auf: "Wo soll es hin gehen, Herr Abgeordneter?" Antwort: "Einmal ins KaDeWe. Die haben so eine gute Feinkostabteilung."

Mit der Fahrbereitschaft zum Einkaufen, jederzeit auf Abruf quer durch Berlin, das ist nur eine der kleinen Annehmlichkeiten der zurzeit 603 Abgeordneten im Bundestag. Das Leben als Volksvertreter könnte ganz gefällig sein, lastete durch die ständige Öffentlichkeit, durch Talkshows, Fernsehduelle und PR-Beratung nicht auch ein unheimlicher Druck auf dem Politiker.

Nur ein Profi kann sich im harten Geschäft behaupten, das gilt für die Leute in der ersten Reihe wie für die auf den hinteren Bänken - spätestens im Wahlkreis steht jeder permanent an der Front. Politik ist für Parlamentarier zum Hauptberuf geworden. Etwa 30 Prozent der Abgeordneten im aktuellen Bundestag sind dem Karrieretyp "Berufspolitiker" zuzuordnen - Tendenz steigend, wie aktuelle Studien belegen. Politiker beginnen heute nicht mehr allein als Quereinsteiger oder Nebenberufler, der Berufspolitiker plant seinen Aufstieg und ist wirtschaftlich abhängig vom Erfolg.

Nebenjob als Sprungbrett

Schon während des Studiums - drei Viertel der Abgeordneten sind Hochschulabsolventen - sitzen die jungen Karrieretypen auf einem besoldeten Posten im Parteiapparat oder arbeiten als Assistent eines Politikers. Politikwissenschaftler Stephan Bröchler von der Fernuni Hagen hat erforscht: "Die Mitarbeit bei einem Abgeordneten ist das Sprungbrett, um selbst einer zu werden."

Uwe Brinkmann ist seit drei Jahren Referent für den SPD-Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs aus Hamburg, seit kurzem sogar dessen Büroleiter - fest angestellt. Von dem Verdienst kann der 26-Jährige leben. "Seit ich 16 bin, bin ich in der SPD und mache Politik, es ist mein Hobby", erklärt Brinkmann. "Ein Job bei einem Bundestagsabgeordneten ergänzt das ganz gut. So baut man sich ein persönliches Netzwerk auf."

Wer von einem großen Mentor gefördert wird, kommt bei der "Ochsentour" von der kommunalen Ebene schneller nach ganz oben. Die Auswahl der Kandidaten für ein Wahlkreis-Mandat erfolgt schließlich in kleinen, informellen Parteizirkeln. Diesen Zirkeln gehören im Wesentlichen die Funktionäre an, die über die Macht auf lokaler Ebene verfügen.

Dass Brinkmann an seinem Netzwerk fleißig bastelt, glaubt man sofort. Sein Händedruck ist fest. "Dynamisch", muss man wohl sagen, will man den Mann mit einem Wort charakterisieren. Fast schon nebenbei studierte er Jura, machte das erste Staatsexamen und sitzt zurzeit an der Doktorarbeit. Thema: Rüstungsexporte.

In der Außen- und Sicherheitspolitik ist er ein Kenner. Wenig kann er davon allerdings im Moment für seine eigene politische Karriere nutzen, denn die besteht aus der Arbeit als Juso-Kreisvorsitzender in Hamburg. International sind seine Themen da eher nicht, viel mehr muss er sich mit hanseatischen Flügelkämpfen beschäftigen.

Bei den Kleinen schneller nach oben

Auch wenn es manches Mal mühsam ist: Es ist unerlässlich, als Referent nebenher selbst ins politische Geschäft einzusteigen. Denn sich auf einen prominenten Chef zu verlassen und zu hoffen, dass in seinem Gefolge eines Tages eine Stelle im Ministerium abfällt, geht selten gut. Der Wähler ist schon mal launisch und der Chef vielleicht zur nächsten Legislaturperiode abgewählt.

Bis man sich in den Bundestag gearbeitet hat, vergehen Jahre: Das durchschnittliche Partei-Eintrittsalter der Abgeordneten liegt bei 24 Jahren, dann kommt die kommunalpolitische Arbeit bis das erste öffentliche Wahlamt herausspringt, die Arbeit als Stadt- bzw. Gemeinderat oder als Mitglied von Kreistagen. "Nach sechs bis acht Jahren Kommunalpolitik entscheidet sich, ob jemand für ein Parlamentsmandat aufgestellt wird oder nicht. Das ist der Schweinezyklus", erklärt Wilhelm Weege vom Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages. Durchhaltevermögen ist nötig.

Weitere Eigenschaften, die Aufsteiger in der Politik auszeichnen, sind schwer zu erlernen: Persönlicher Ehrgeiz, das Streben nach politischem Einfluss, Entschlusskraft, Konfliktfähigkeit sowie die Lust am öffentlichen Auftritt. "Rhetorische Fähigkeiten, komplexe Sachverhalte einfach ausdrücken zu können, das hilft", findet Brinkmann, "außerdem Ausdauer und Dickhäutigkeit." Auch Machtbewusstsein? "Ja, zielstrebig muss man auch sein."

Student, Referent und Kommunalpolitiker in einem: Wer die Karriereleiter erklimmen will, muss ein Arbeitstier sein - und das richtige Parteibuch haben. "Bei den kleinen Parteien sind die Aufstiegschancen erstmal größer, da die Personaldecke dort viel dünner ist", so Bernhard Weßels vom Wissenschaftszentrum Berlin.

Politologen werden Politiker

In welchem Studiengang man seinen Abschluss macht, ist übrigens für die politische Karriere gar nicht so wichtig. Immer noch sitzen viele Juristen im Parlament. Weil eine günstigere Arbeitsmarktlage für Anwälte, Richter und Staatsanwälte lange nicht in Sicht ist, gilt der Weg in die Politik als Alternative zum klassischen Berufsbild. Seit den neunziger Jahren aber ist das traditionelle "Juristenmonopol" verschwunden, die Zahl der Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler wächst stark.

Bei den Mitarbeitern der Abgeordneten sieht es ähnlich aus: "Allein die Hälfte hat Politikwissenschaft studiert, 35 Prozent der Referenten sind Juristen, 27 Prozent haben Geschichte studiert", erklärt der Politologe Stephan Bröchler. Rekrutierungsfeld Nummer eins für den politischen Nachwuchs bleiben die Universitäten. Bröchler: "Früher kamen viele der wissenschaftlichen Mitarbeiter von der Uni Bonn, das hat sich jetzt an die Universitäten in Berlin verlagert."

Bei aller Planung, Vorbereitung und Taktik, ein unsicheres Element ist und bleibt: der Wähler. Uwe Brinkmann weiß: "Mehrheiten sind oft unberechenbar. Ich halte mir erstmal alle Wege offen, könnte mir auch vorstellen, als Anwalt zu arbeiten. Als junger Mensch sollte man sich nicht zu früh festlegen und ein Politiker muss etwas vom Leben mitbekommen haben." Der junge Mensch denkt von Wahl zu Wahl und bleibt bescheiden: "Erstmal den Kreisvorsitz der Jusos verteidigen. Bei der nächsten Wahl in Hamburg 2004 in die Bezirksversammlung einziehen, vielleicht auch in die Bürgerschaft. Das ist ja eine Art Feierabend-Parlament, da kann ich vielleicht die Doktorarbeit nebenher machen."

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