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25.10.2005
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Studentenjob im Dunkeln

Von hier an blind

Von Almut Steinecke

Kellner müssen sich oft herumkommandieren lassen. Sie werden aber unentbehrlich, wenn die Gäste das eigene Essen vor Augen nicht sehen. Michael Wahl, 25, serviert im Dunkelrestaurant "Unsicht-Bar" - der Kölner Student hat nur fünf Prozent Sehkraft.

"Bleiben Sie ganz ruhig stehen. Ich bin in 30 Sekunden wieder bei Ihnen." Michael Wahls Stimme kommt von links, bevor sie sich entfernt für ein paar Augenblicke, die wie eine Ewigkeit erscheinen. Aber der Kellner wird Wort halten. Gleich wird er wieder bei der jungen Frau sein, die sich verloren fühlt in der Dunkelheit, sie nach links ziehen und sanft auf einen Stuhl drücken, ihrem Mann gegenüber, den Michael zuvor an den Tisch geführt hat. Und die beiden Gäste werden jedem Wort ihres Kellners gehorchen.

Der 25-jährige Student Michael Wahl arbeitet in der "Unsicht-Bar", einem Dunkelrestaurant in Köln. "Ich serviere nicht nur Essen und Getränke, sondern betreue die Gäste rundum", betont Michael, "sie müssen mir hundertprozentig vertrauen."

Vom Interieur der "Unsicht-Bar" im Kölner Eigelsteinviertel sehen die Gäste nämlich nichts. Keine Umrisse, die sich abzeichnen, keine noch so kleine Lichtquelle, die sich auch nur erahnen ließe. Nur Dunkelheit, die zuschnappt wie eine Falle, sobald Michael mit den Gästen durch die "Schleuse" tritt, die Tür zum dunklen Gastraum. Sie funktioniert wie eine umgekehrte Lichtschranke: In dem Bruchteil der Sekunde, in der man sie öffnet, erlischt die Beleuchtung eines schmalen Korridors, der das finstere Lokal mit dem hellen Foyer verbindet.

Das Überraschungsmenü sieht man nicht

Im Foyer haben die Besucher zuvor ausgewählt, was sie gleich essen möchten. Die Speisekarten geben jeden Gang der sechs Menüs in Rätseln wieder, schließlich soll der Restaurantbesuch zum kulinarischen Blindflug werden, in dem nur Fühlen, Hören, Schmecken erlaubt ist.

Diese Sinne sind bei Kellner Michael von Geburt an geschärft - auf dem linken Auge ist er von Geburt an blind, auf dem rechten hat er ganze fünf Prozent Sehkraft. Eine Brille trägt Michael nicht, denn mangelndes Scharfstellen der Linse ist nicht sein Problem. "Mitten auf der Netzhaut, im schärfsten Punkt des Sehens, habe ich eine Narbe, an der ich immer vorbeigucken muss", erklärt er seine Sehbehinderung. Entsprechend rastlos irrt die Pupille seines rechten Auges ständig hin und her.

Mit der Sehschwäche könnte der Student anderswo nicht als Kellner jobben. Die Kölner "Unsicht-Bar" beschäftigt jedoch ausschließlich blinde und sehbehinderte Servicekräfte. "Wir sind es gewohnt, uns bei Dunkelheit zurechtzufinden, während sie gesunde Menschen vor ein Rätsel stellt", erklärt Michael.

"Gegen die Realität gelaufen"

Zweimal pro Woche kellnert er für acht Euro pro Stunde, neben seinem Studium der Germanistik, Philosophie und Politik an der Kölner Uni. Seit sechs Semestern besucht er Vorlesungen, schreibt Hausarbeiten am Rechner, büffelt in der Bibliothek wie jeder Student mit voller Sehkraft auch.

Michael legt Wert darauf, keine typische "Blindenkarriere" einzuschlagen. "Schon als Jugendlicher war für mich klar, dass ich nicht auf eine Schule für Sehbehinderte gehe." Als er mit 18 den Führerschein machen wollte und es nicht konnte, sei er "plötzlich gegen die Realität gelaufen - ich hatte meinen Zustand völlig verdrängt."

Den Kick der selbstgewählten Orientierungslosigkeit kann Michael sich zwar vorstellen, aber nicht nachvollziehen. Denn bei ihm ist es genau umgekehrt. "Im Hellen bewege ich mich immer angespannt, immer mit dem Risiko im Hinterkopf, mich oder andere gefährden zu können. Dagegen bedeutet Dunkelheit für mich Entspannung, da ich keine visuellen Reize verarbeiten muss."

Das Kölsch scheint doppelt so stark zu sein

Durch die "Unsicht-Bar" habe er sich ernsthafter mit seinem Leiden auseinander gesetzt. "Da bin ich zum ersten Mal mit Sehbehinderten in Kontakt gekommen, die haben mir Dinge erzählt, von denen ich bisher nichts wusste." Dass in die Geländer mancher Bahnhöfe etwa die Gleisnummern graviert sind, damit Blinde wissen, auf welchen Bahnsteig sie gehen müssen. Dass es Farblesegeräte gibt, auf denen eine Stimme mitteilt, ob ein Pullover rot ist oder blau.

In der "Unsicht-Bar" arbeitet Michael mit kleinen Kassettenrekordern, auf denen die Kölner Köche aufsprechen, was wo auf dem zweistöckigen Servierwagen steht. Vorne sind die Getränke, dahinter steht die Vorspeise, eine Etage tiefer das Hauptgericht. Zusätzlich hält Michael stets ein Handy bereit, um sich mit den anderen Kellnern zu verständigen. Falls einer der Gäste die Finsternis nicht verträgt und Panik bekommt, ist er auch sofort zur Stelle. Oder bei angeheiterten Besuchern, bei denen die Kölsch im Dunkel manchmal doppelt so stark zu wirken scheinen.

Die Unsicherheit der Gäste im stockdusteren Restaurant ist ständig fühlbar. Ein männlicher Bass, rechts hinten: "Was ist denn das hier, eine Gurke?". Vorne links ein ängstliches Kieksen, "Schatz, du bist ja so still, bist du noch da?" Ein diskretes Räuspern, irgendwo mittig, "Herr Kellner, können Sie mir helfen, ich müsste da mal wohin..."

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