28.11.2005
Praktikantenprotest
Flashmob in der Kantine
Von Gregor WaschinskiZentrum des symbolischen Generalstreiks war Paris, außerdem fanden Aktionen in Toulouse, Nantes, Lyon und Lille statt. In der französischen Hauptstadt machten die Demonstranten in der vergangenen Woche seit dem Morgen mobil, richtig los ging es aber erst am späten Nachmittag, als die Praktikanten Feierabend hatten - ein Recht zu streiken haben sie nämlich nicht.
Mehrere Hundert "stagiaires" trafen sich an der Place de la Concorde zu einer "Deklaration der Rechte der Praktikanten". Darin fordern sie eine Mindestvergütung für ihre Tätigkeiten und eine Reform des Praktikantenstatuts im Arbeitsrecht. Praktika sollen in Zukunft ausschließlich der Ausbildung dienen - und nicht dazu, dass sich Unternehmen und öffentliche Verwaltungen mit billigen Arbeitskräften versorgen.
Der Streik ist der vorläufige Höhepunkt des französischen Praktikantenprotests, der mittlerweile auch in der Politik Gehör findet. Angefangen hatte alles mit der Wut einer jungen Frau, die sich Katy nennt. Katy ist 32 Jahre alt, hat zwei Universitätsabschlüsse und eine zweistellige Anzahl Praktika im Lebenslauf, viele davon waren unbezahlt. Als ihr Anfang September anstatt einer Arbeitsstelle wieder nur ein Praktikum angeboten wurde, schrieb sie einen zornigen Weblog über das ewige Praktikantendasein, und viele junge Franzosen mit dem gleichen Problem antworteten ihr.
So entstand in wenigen Wochen im Internet die Bewegung "Génération Précaire", die bislang etwa 10.000 Unterschriften für die Reform des Praktikantenstatuts gesammelt hat.
"Katy" ist nur ein Pseudonym, ihren richtigen Namen will sie nicht verraten. Wie auch die anderen rund 20 Aktivisten, die bei "Génération précaire" - der Generation von ewigen Praktikanten, die keine Festanstellung bekommen und deshalb in eine schwierige soziale Lage rutschen - den Praktikantenprotest organisieren. Sie fürchten, dass sie von den Unternehmen zukünftig nicht einmal mehr ein Praktikum angeboten bekommen, wenn die von ihrem Engagement erfahren.
Die gesichtslosen Mitarbeiter
Bei ihren Aktionen treten sie immer in schwarzen Kleidern und mit weißen Masken auf. "Die weißen Masken sollen einerseits unsere Anonymität schützen", sagt Sarah, die seit den ersten Wochen mit dabei ist. "Andererseits stehen sie für die Situation der Praktikanten. In den Unternehmen sind die Praktikanten die unsichtbaren Mitarbeiter. Sie kommen und gehen, niemand erinnert sich an ihr Gesicht."
Sarah kümmert sich bei "Génération précaire" um die Pressearbeit, sie hat viel zu tun. Seit sich die erzürnten Dauerpraktikanten im Oktober aus dem Internet heraus auf die Straßen von Paris gewagt haben, werden sie von den französischen Medien aufmerksam begleitet.
Denn Sarah und ihre Mitstreiter wissen ihren Protest öffentlichkeitswirksam zu inszenieren, zum Beispiel mit Flashmobs in Kantinen von großen Pariser Unternehmen. Sie fallen dort zur Mittagszeit ein, verteilen Flugblätter und sammeln Spenden, sozusagen als Entschädigung für die ausgebeuteten Praktikanten.
Eine Million Praktika pro Jahr
Sarah hat Kommunikationswissenschaft studiert, kann fünf Praktika vorweisen und sucht seit sechs Monaten eine Arbeit. Die 25-jährige sagt, sie sei ein typischer Vertreter der "Génération précaire. "Etwa eine Millionen junge Franzosen machen jedes Jahr ein Praktikum", sagt sie. "Darunter befinden sich mehrere zehntausend verdeckte Arbeitsverhältnisse, wo Praktikanten echte Stellen besetzen, anstatt ausgebildet zu werden."
In den vergangenen Wochen haben sich Praktikanten-Vertreter mit allen großen Gewerkschaften und Unternehmerverbänden und mit Abgeordneten der Nationalversammlung getroffen, um für ein Praktikantenstatut im Arbeitsrecht zu werben. Der Bildungsminister hat verkündet, dass sein Ministerium sich mit den Forderungen der Praktikanten befassen werde. Eine Delegation von "Génération précaire" sprach während des Generalstreiks beim französischen Arbeitsminister vor.
Auch aus anderen europäischen Ländern wird dem französischen Praktikantenprotest immer mehr Interesse entgegen gebracht. "Wir bekommen sehr viele Mails aus Italien, Deutschland oder Spanien", sagt Sarah. "Die Ausbeutung von Praktikanten ist kein französisches Problem. Wir sind nur die ersten, die sich dagegen wehren."