05.06.2007
Kreatives Umtopfen
Bachelor und Master auch für Tischler?
Von Barbara Hans und Jochen LeffersWie weit kommt ein deutscher Handwerksmeister in Frankreich? Oder in Großbritannien? Nicht weit genug, meinen die Wirtschaftsminister der Bundesländer. Das soll sich in Zukunft ändern, indem Meister und Techniker international vergleichbare Titel erhalten - den "Bachelor Professional" oder "Master Professional". Dafür haben sich die Minister, die gerade in Eisenach tagen, ausgesprochen. Der Titel soll vergleichbar machen, was bislang nicht vergleichbar war. Und nach Ansicht der Hochschulen auch nicht verglichen werden sollte.
Denn der Plan, deutschen Handwerkern einen neuen schmucken Titel zu verpassen, ist höchst umstritten. Die Wirtschaftsminister müssten sich nicht nur gegen die Kultusminister und die Hochschulrektoren durchsetzen, sondern auch gegen Teile der Wirtschaft. Die Kritiker befürchten Verwässerungs- und Verwechslungsgefahr: Bachelor und Master sind in Deutschland noch recht neue Titel - und sie zieren bisher ausschließlich Akademiker.
Die Wirtschaftsminister indes halten die englischen Titel für eine gute Idee zur Aufwertung der beruflichen Bildung. Bei ihrem Treffen im letzten Jahr hatten sie den Arbeitskreis "Berufliche Bildung" laut einem internen Papier, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, beauftragt, einen Vorschlag zur "Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und internationalen Lesbarkeit der deutschen Abschlüsse" zu erarbeiten. In Eisenach haben die Wirtschaftsminister dem Sechs-Punkte-Plan zugestimmt.
"Lediglich eine Übersetzungshilfe"
In der Vorlage heißt es, dass "eine Reihe hochwertiger, im Wege der beruflichen Bildung erworbenen Qualifikationen mit akademisch erworbenen Qualifikationen gleichwertig" sei. Es geht offenkundig um eine Frage der Ehre: Ziel sei es, "das Niveau beruflicher Aus- und Weiterbildung deutlich zu machen und damit das Ansehen der beruflichen Bildung zu steigern".
Nach Auffassung der Wirtschaftsminister haben deutsche Fachkräfte Nachteile, weil ausländische Kollegen auch in Deutschland ihre Bachelor- und Master-Titel uneingeschränkt führen dürfen, diese Titel aber in Deutschland bislang Akademikern vorbehalten bleiben.
Auch der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) plädiert für eine Umbenennung der Abschlüsse. ZDH-Bildungsexperte Friedrich Hubert Esser hat das in einem Fachartikel begründet: Ziehe die berufliche Bildung bei der Internationalisierung der Studienabschlüsse nicht nach, werde sie "im Wettbewerb um leistungsstarke Schulabgänger in den nächsten Jahren massiv ins Hintertreffen geraten". In erster Linie solle der "Bachelor Professional "lediglich als Übersetzungshilfe fungieren".
Das schätzen die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) und die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) völlig anders ein und werfen dem Handwerksverband vor, Verwechslungen mit voller Absicht zu ermöglichen. Nichts als Trittbrettfahrerei und Etikettenschwindel bedeutet der Berufs-Bachelor aus ihrer Sicht - "der Titel verwirrt und führt zu mangelnder Akzeptanz des Bachelor-Grades insgesamt", erklärten die beiden Organisationen in einer ungewöhnlich harsch formulierten Stellungnahme. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt: "Unternehmen werden endgültig die Übersicht verlieren. Ein 'Bachelor Professional' wertet die Berufsbildung nicht auf, sondern sorgt dafür, dass 'Bachelor' nichts mehr aussagt."
Mehr als nur akademischer Standesdünkel
Ähnlich argumentiert die HRK-Generalsekretärin: "Unserer Meinung nach handelt es um eine Mogelpackung, das haben die berufspraktischen Abschlüsse nicht nötig. Sie müssen nicht so tun, als hätten sie einen akademischen Hintergrund", sagte Christiane Gaehtgens SPIEGEL ONLINE. Steckt hinter der Empörung nur akademischer Standesdünkel? Keineswegs, sagt Gaehtgens: "Wir wollen uns nicht abschotten. Im Gegenteil, das können wir uns gar nicht leisten. Aber es gibt einfach unterschiedliche Kompetenzen - der Hochschulabsolvent kann auch nicht die Aufgaben des Meisters übernehmen."
Bislang ist es von Bundesland zu Bundesland verschieden, ob ein Meistertitel ausreicht, um an einer Hochschule zu studieren. Mit Einführung des "Bachelor Professional" werde eine Stufe der Qualifikation übersprungen, kritisiert die HRK-Generalsekretärin: Dann habe man mit dem Meisterbrief einen zumindest akademisch klingenden Abschluss in der Tasche. Den fliegenden Wechsel zwischen Beruf und Studium wollen auch Rektoren und Arbeitgeber erleichtern - aber nicht durch verwirrend ähnliche Titel, sondern durch den Vergleich von Kompetenzen.
Hintergrund für den Streit ist der europaweite "Bologna-Prozess". Wie 45 andere Staaten hat sich auch Deutschland verpflichtet, die Studienabschlüsse bis 2010 zu internationalisieren - von Diplom und Magister zu Bachelor und Master. Für die deutschen Hochschulen ist das die größte Reform seit Jahrzehnten. Sie haben schwer damit zu kämpfen. Mitunter endet die Umstellung im Chaos, viele Professoren wehrten sich vehement, vor allem die Technik-Fächer kleben noch heute am guten alten "Dipl.-Ing made in Germany".
Studienanfänger sind oft ziemlich skeptisch, Arbeitgeber ebenfalls. Vor allem bei kleineren und mittleren Firmen hat sich kaum herumgesprochen, was es mit den neuen Abschlüssen auf sich hat. Noch müssen Bachelor- und Master-Absolventen heftig um Akzeptanz ringen - da haben Wirtschaftsminister, die zusätzliche Verwirrung stiften, den Hochschulen gerade noch gefehlt.