23.12.2009
Kulturschock in Brasilien
Der Weihnachtsdekorateur von Rio
"Meine Frau ist Brasilianerin. Sie lebte seit 15 Jahren in Deutschland, als wir uns in einer Kölner Werbeagentur trafen, für die wir beide arbeiteten. Sie wollte unbedingt nach Brasilien zurück. Jedes Jahr im Herbst fing sie an zu weinen, wenn es dunkel wurde und kalt. Ich hatte auch keine Lust mehr auf den permanenten Stress in der Agentur, also habe ich gesagt: Lass uns das Abenteuer wagen.
Zwei Jahre später sind wir nach Rio de Janeiro gezogen. Wir hatten uns zum Ziel gesetzt, erst einmal zwei Jahre zu bleiben - mittlerweile sind es fast fünf Jahre. Ich fühle mich hier wie im Dauerurlaub. Wir wohnen im Stadtteil Flamengo direkt an einem großen Park. Von unserer Wohnung im elften Stock aus können wir durch ein Panoramafenster die Guanabara-Bucht überblicken, auf der anderen Seite sehen wir auf Santa Teresa, das Künstlerviertel von Rio.
Am Wochenende setzen wir uns manchmal ins Auto und sind in eineinhalb Stunden auf einer Insel, die das ist, was sich Deutsche unter einem Urlaubsparadies vorstellen: weiße Strände, türkisfarbenes Wasser, Palmen. Für mich ist das immer noch, als würde ich eine Reise in die Karibik unternehmen.
Ich arbeite hier selbständig als Designer und Fotograf. Unter anderem habe ich ein thailändisches Restaurant in einem Shopping Center gestaltet und das komplette Design gemacht, vom Logo über die Speisekarte bis zur Möblierung. In Rio gibt es insgesamt nur vier thailändische Restaurants. Das kommt hier erst noch - was allerdings jetzt schon sehr beliebt ist: deutsches Essen. Die Brasilianer lieben Würstchen, Sauerkraut und Eisbein.
Ein Riesenbaum zieht Familien aus dem ganzen Land an
Weil es hier bisher so wenig thailändisches Essen gibt, hat das Restaurant für Aufsehen gesorgt. Der Manager des Shopping-Centers hat mir nach der Eröffnung angeboten, die Weihnachtsdekoration zu gestalten. Aber leider haben die ihn kurz danach rausgeschmissen, und der Kontakt war futsch.
In diesem Jahr gestalte ich dafür die Weihnachtsdekoration in einem anderen Shopping-Center. Das Fest ist hier ganz groß: Schon im Oktober werden Plastikbäume verkauft, in den Schaufenstern funkelt und glänzt es. Brasilianer sind zu Weihnachten gern in den festlich geschmückten Malls, die schon Tage vorher rund um die Uhr geöffnet und brechend voll sind. Zur Beliebtheit tragen sicher auch die Klimaanlagen bei - denn kalte Winter gibt es hier nicht.
Das Highlight ist einer der größten Weihnachtsbäume der Welt: Inmitten der Lagune Rodrigo de Freitas wird ein baumartiges Gerüst auf einem Floß aufgebaut, dazu gibt es Lasershows. Familien reisen aus ganz Brasilien an, um das zu sehen.
Anfangs war ich ganz begeistert von den Brasilianern, weil sie immer sehr positiv eingestellt sind, wenn man ihnen ein Projekt vorstellt. Dass ich aber aufpassen muss, auch wenn Kunden hier 'Ja! Toll!' jubeln, habe ich später gelernt. Denn wenn man hier einmal den Zuschlag bekommt, ist das Angebot, das man gemacht hat, absolut bindend. Am Kostenvoranschlag darf nichts geändert werden - auch wenn der Kunde später hier und dort noch um Änderungen bittet. Der Preis bleibt gleich, Zeit spielt keine Rolle. Ich muss also immer sehr genau rechnen, so dass ich später nicht noch draufzahle.
Die Angst, vieles aufgeben zu müssen
Insgesamt ist hier aber alles wesentlich lockerer: Man duzt sich, und bei Kunden habe ich immer den Eindruck, dass sie sich nicht wie in Deutschland vor dem Chef profilieren und entsprechend hart verhandeln müssen. Auch die Kleiderordnung ist weniger streng. Zwar kann ich hier bei einem Meeting auch nicht in kurzen Hosen auftauchen, aber ein T-Shirt statt Hemd ist normalerweise völlig okay.
Es geht sehr herzlich zu zwischen den Menschen: Kommt man zum Beispiel in ein Geschäft, kann es gut sein, dass der Verkäufer oder die Verkäuferin einen anhält, fragt, wie man heißt, und dann säuselt: 'Ja Liebster, du musst ein bisschen warten, bist gleich dran.' Auch auf der Straße werden wir oft angesprochen, wenn wir mit unserem kleinen Hund unterwegs sind - da kann's schon mal passieren, dass man von wildfremden Leuten umarmt wird.
Wegen meiner noch immer begrenzten Sprachkenntnisse finde ich nur schwer persönlichen Zugang zu Brasilianern, die allgemein viel und laut schwatzen. Sie sind zwar sehr offen - aber auch sehr oberflächlich. Richtige Freundschaften kann man kaum aufbauen. Vieles läuft einfach recht unverbindlich ab.
In der Wohnung trifft man sich so gut wie nie, alles spielt sich draußen ab. Selbst wenn jemand Geburtstag hat, gibt es die Mitteilung, in welchem Restaurant gefeiert wird. Man erfährt wenig von den Leuten, alle sind immer einer Meinung, finden alles toll. Richtig gestritten wird eigentlich nie - dabei gehört das doch einfach dazu.
Das Heimweh endet am Strand
Eine Rückkehr in naher Zukunft schließe ich dennoch aus, weil ich einfach das Gefühl in mir trage, hier noch längst nicht fertig zu sein, viele Dinge einfach noch nicht erledigt zu haben. Da ist auch die Angst, vieles aufgeben zu müssen, was man sich mühevoll aus eigener Kraft erarbeitet hat. Unser komplettes Leben mussten wir ja von Grund auf neu beginnen.
Es kostet täglich aufs Neue sehr viel Kraft, die hohen Kosten für unsere Lebenshaltung aufzubringen. Schon die Schule für unsere Kinder verschlingt einen Großteil der Einkünfte. Aber das macht auch den Reiz aus - es zu schaffen! Merkwürdigerweise fühle ich mich den Deutschen als Nation in der Ferne mehr verbunden, als es noch zu Hause der Fall war. Es mag auch daran liegen, dass uns die Brasilianer mehrheitlich sehr bewundern und unsere Kultur sehr schätzen.
Nach deutschen Filmen oder Musik kann es auch schon mal vorkommen, dass mir aus Heimweh das eine oder andere Tränchen über die Backe kullert. Dann halte ich es wie die Brasilianer, die in ihrer kultivierten 'Saudade' (der Sehnsucht) kollektiv dahinschmachten. Ich höre deutsche Musik und zelebriere meine Traurigkeit, bis es wieder heißt: Auf zum Strand!"
Aufgezeichnet von Birger Menke