08.01.2010
Das Leben der Gutachter
Arbeiten wie Aschenputtel
Von Christine Prußky
Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen: Gutachterei ist ein Aschenputtel-Job - meist umsonst, wenn auch nicht vergebens
Erkenntnis, Reputation und Macht - das ist die Währung, die in der Wissenschaft zählt. In dieser Währung werden und wollen Gutachter in Deutschland ganz offensichtlich bezahlt werden. Das zeigt die IFQS-tudie ebenso wie die Erfahrung der Forschungsorganisationen: "Die Max-Planck-Gesellschaft hat einen Marktvorteil. Professoren schreiben gern in ihren Lebenslauf, Mitglied des Fachbereichsrates eines Max-Planck-Instituts zu sein. Das ist gut für ihre Reputation als Wissenschaftler", sagt Dr. Enno Aufderheide. Der letzte Satz ist natürlich blanke Werbung für die Max-Planck-Gesellschaft.
Dass sie überhaupt nötig ist, zeigt: Angebot und Nachfrage halten sich nicht mehr die Waage. Während die Nachfrage nach Gutachtern in den vergangenen Jahren deutlich stieg, stagnierte die Zahl der Peers. Fallzahlen der DFG zeigen das. Um ihre Fördermillionen an den Mann beziehungsweise die Frau zu bekommen, waren 2008 knapp 11.000 Professoren als Gutachter für die DFG aktiv. Zusammen produzierten sie knapp 23.000 Gutachten - und schafften in diesem einen Jahr fast genauso viele Gutachten wie davor in zwei Jahren.
"Man merkt natürlich, dass die Leute schwer belastet sind. Am schlimmsten ist es bei guten Wissenschaftlerinnen. Sie werden von allen Seiten bestürmt", räumt DAAD-Generalsekretär Dr. Christian Bode ein. Trotzdem bleibt er dabei: "Wir möchten Überzeugungstäter, denen es allein um die Sache geht - und davon gibt es gottlob noch genug." Die Frage ist nur, wie lange noch. Auch wenn sich in der IFQ-Studie mehr als die Hälfte der DFG-Fachkollegien gegen die Einführung von Gutachter-Honoraren aussprachen, votierten doch 37,2 Prozent der Befragten für die finanzielle Entschädigung und signalisierten damit: Vorsicht, der quantitative Anstieg bedroht langsam, aber sicher die Qualität der Gutachten!
Unentgeltlichkeit stößt an Grenzen
Tatsächlich macht sich nicht nur die Basis darüber Gedanken, wie sich die Qualität der Gutachten bei steigender Quantität halten lässt. Nachgedacht wird darüber auch in den Führungsetagen der Wissenschaftsorganisationen. Die Meinungen gehen noch auseinander, auch an der Basis.
Während die einen eine Reduzierung des Lehrdeputats fordern, halten andere Honorare für sinnvoll. Wieder andere schlagen Mischformen vor: "Ich fände es nicht gut, wenn Gutachten wie bei einem Ingenieurbüro in Auftrag gegeben würden", sagt zum Beispiel Prof. Dr. Michael Spiteller, Chemiker an der Technischen Universität Dortmund. Dennoch steht für ihn fest: Es gibt eine Grenze für die Belastung der Gutachter, und diese muss benannt und reguliert werden. Und so schlägt Spiteller eine Kontingentierung vor, wonach Professoren für deutsche Wissenschaftsorganisationen nicht mehr als fünf Gutachten pro Monat zum Nulltarif erstellen sollten. Jedes weitere Gutachten wäre dann zu honorieren.
"300 Euro pro Gutachten könnte eine Kennzahl sein", sagt Spiteller. Der Betrag entspricht ziemlich genau der Summe, die die DFG bei der Begutachtung der Anträge für die Exzellenzinitiative den ausländischen Wissenschaftlern überweist. Bei einem Tagessatz von je 350 Euro summierten sich Ausgaben für ausländische Gutachter in der Exzellenzinitiative auf insgesamt knapp 650.000 Euro. "Diese Honorare sind äußerst moderat und liegen weit unter den international üblichen Sätzen für die Begutachtung von Förderanträgen. In der nächsten Runde der Exzellenzinitiative werden wir die ausländischen Gutachter wieder bezahlen", sagt DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek und betont: "Das bleibt die absolute Ausnahme."
Ob und wie lange es bei diesem Präzedenzfall bleibt, vermag im Moment zwar keiner abzuschätzen. Doch natürlich wissen Deutschlands Wissenschaftsförderer, dass der Bedarf an Gutachtern in dem Maße steigen wird, in dem der Wettbewerb in der Wissenschaft forciert wird. "Die öffentliche Hand darf sich nicht zu sehr daran gewöhnen, dass internationale Spitzenleute ihre Zeit zur Verfügung stellen, ohne dass dies in irgendeiner Weise honoriert wird", betont der Generalsekretär des Wissenschaftsrates Thomas May und lobt folgerichtig den "idealistischen Ansatz".
Deutschlands Wissenschaftssystem im Dilemma
Idealismus und Solidarität - das sind Begriffe, die fremd wirken in einer Zeit, in der sich der Erfolg in der Wissenschaft zunehmend an ökonomischer Verwertbarkeit misst. "Man kann nicht auf Markt und Wettbewerb setzen und sich dann wundern, wenn dies ernst genommen wird. Alles hat seinen Preis - auch die Gutachter", sagt Max-Emanuel Geis und bringt damit das Dilemma auf den Punkt, vor dem Deutschlands Wissenschaftssystem steht.
Nicht umsonst hat Deutschland sein Wissenschaftssystem massiv reformiert und mit dem Einzug des sogenannten "New Public Management" in Hochschulen und Forschungsorganisationen den Wettbewerb forciert. Wer sich international behaupten will, so der wissenschaftspolitische Mainstream, der muss Zuschüsse projektorientiert vergeben. Doch eben dieser Trend bedroht zugleich die Stärke, die Deutschland gegenüber dem Ausland hat. "Bei uns ist Wissenschaft nach dem Bottomup-Prinzip organisiert. Die DFG erfüllt ihren Förderauftrag als Selbstverwaltungsorganisation der deutschen Wissenschaft und arbeitet alleine nach wissenschaftlichen Kriterien. Jeder weiß, dass er selbst gefragt ist, um das System aufrechtzuerhalten. In anderen Ländern werden Forschungsgelder dagegen programmorientiert vergeben. Dort läuft die Vergabe über Ministerien, die diese Aufgabe oft auch an Agenturen weitergeben", sagt Dorothee Dzwonnek.
Würde dieses Prinzip in Deutschland eingeführt, wäre das ein Schreckensszenario für Professoren wie für Wissenschaftsmanager. Und doch wissen alle: Das System der Unentgeltlichkeit stößt an seine Grenzen und birgt Gefahren für den Standort. Denn die Zeit, die Profs für Gutachten investieren, fehlt ihnen für die Forschung und damit die Tätigkeit, für die sie bezahlt werden. Was also tun? Eine Antwort darauf ist noch nicht gegeben.
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Christine Prußky ist Leitende Redakteurin der duz.