10.05.2010
Hilfskräfte
Uni-Mulis rackern für ein paar Euro Mickerlohn
Von Philipp Alvares de Souza SoaresSchon seit dem dritten Semester arbeitet Moritz Husmann als studentische Hilfskraft an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er studiert Chemie und Bioingenieurwesen und ist mittlerweile bei seiner dritten Uni-Stelle angelangt. Der erste Job brachte gerade mal 6,50 Euro in der Stunde, dafür musste Husmann oft mit hochgiftigen Chemikalien hantieren. Risiko und Verdienst standen für ihn in keinem vernünftigen Verhältnis.
Inzwischen arbeitet er an einem anderen Lehrstuhl: "Das war es mir damals einfach nicht mehr wert", sagt er. 6,80 Euro Stundenlohn bekommt er nun für einen weniger riskanten Job und ist froh, auf das Geld nicht wirklich angewiesen zu sein - denn der Verdienst ist im bundesweiten Vergleich miserabel.
Die Uni Erlangen-Nürnberg begründet den geringen Stundensatz mit der angespannten Haushaltslage: Finanzkrise ist an den Hochschulen ja immer. Ohne das Stundenvolumen erheblich zu kürzen, sei mehr nicht drin, erklärt eine Pressesprecherin. Würde man mehr bezahlen, wären manche Fachbereiche "kaum noch in der Lage, Hilfskräfte einzustellen".
Hilfskräfte sind Arbeitnehmer zweiter Klasse
Wie Moritz Husmann arbeitet etwa jeder vierte erwerbstätige Student als Hilfskraft an seiner Hochschule, wie die 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks belegt. Im Schnitt erhalten sie neun Euro in der Stunde - doch das sagt nicht viel aus, denn die Bezahlung klafft je nach Hochschule und Region sehr weit auseinander. Für ihr meist spärliches Gehalt kümmern sich die Studenten um vieles: um Tutorien, die Uni-Computer oder die Studienberatung. Ohne sie würde der alltägliche Hochschulbetrieb kaum funktionieren - und doch sind sie nur Beschäftigte zweiter Klasse: Die Packesel der Wissenschaft arbeiten meist mit Kurzzeitverträgen, geringem Lohn und ohne Personalvertretungen.
Oft nehmen Studenten die Jobs trotz schlechter Rahmenbedingungen an, denn sie versprechen sich von einer Hiwi-Stelle andere Vorteile, etwa einen besseren Draht zum Professor oder die Mitarbeit an interessanten Forschungsprojekten. Auch Moritz Husmann schätzt die "Einblicke in den Hintergrund der Uni".
Vielen studentischen Hilfskräften ist nicht bekannt, dass auch sie einen Urlaubsanspruch haben oder dass sie Krankheitstage nicht nacharbeiten müssen. Weil es sich kaum jemand mit einem potentiellen zukünftigen Prüfer verscherzen will, sind sie oft gehemmt, wenn es um die Durchsetzung ihrer Rechte geht - es könnte auch die Wiedereinstellung im nächsten Semester auf dem Spiel stehen. Manche Hochschulen versuchten gar Tutoren oder Hilfskräfte für null Euro anzuheuern- sie könnten dabei schließlich wertvolle Erfahrungen sammeln.
Studenten, die am Lehrstuhl jobben, sind "Sachmittel"
Allen Widrigkeiten zum Trotz hält sich seit Jahren an vielen Hochschulen eine kleine, tapfere Protestbewegung: "Hiwi-Initiativen" kämpfen für die Rechte des Wissenschaftsprekariats. In Frankfurt, Braunschweig, Potsdam und anderer Uni-Städten setzen sie sich für bessere Arbeitsbedingungen ein.
Auch in Marburg gärt Unzufriedenheit. An einem Donnerstagabend trifft sich die Hilfskraftinitiative in einem Hörsaal. Motto des Abends: "Anders. Besser. Mehr." Zur Krisensitzung kam es, weil die Uni sparen muss: Ein Einstellungsstopp droht, wahrscheinlich auch Ausgabenkürzungen. Darum sammelt die Initiative Ideen für Protestaktionen und überlegt, wie man die Kollegen dafür mobilisieren kann. "Das ist oft leider gar nicht so einfach", sagt Roman George, Mitbegründer der Initiative. Hilfskräfte werden oft nur für kurze Zeit angestellt, so müssen jedes Semester viele neue angesprochen werden.
Als die Initiative ihre Anliegen im Uni-Senat vortrug, blies ihr bisher eher kalter Wind entgegen. Kein Wunder: Höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen - da geht es auch um die Lehrstuhlbudgets der Professoren, die mit ihren Beamtenbezügen selbst im Warmen sitzen. "Haushaltstechnisch gehören Hiwis zu den Sachmitteln", erklärt Roman.
Die Uni Marburg will sich zu den Hiwi-Forderungen nicht konkret äußern. Ein Sprecher erklärt nur, dass man der Initiative gegenüber prinzipiell aufgeschlossen sei, über mögliche "Änderungsoptionen aber erst nach einer genauen Überprüfung der Lage" entscheiden werde - vager geht's kaum.
48 Cent Steigerung, nach 15 Jahren Durststrecke
Die Initiative kann bereits einen Teilerfolg verbuchen: 2008 erreichte die Initiative beim zuvor 15 Jahre eingefrorenen Marburger Hiwi-Lohn einen leichten Anstieg von 8,02 Euro auf nunmehr 8,50 Euro. Außerdem können inzwischen auch Studenten in höheren Semestern der alten Diplom- und Magister-Studiengänge einen Stundensatz von zehn Euro erhalten, der für Hilfskräfte mit Bachelor-Abschluss vorgesehen ist.
Auch an der TU Braunschweig wollten Hilfskräfte ihre prekäre Lage nicht klaglos hinnehmen. Im Januar 2009 demonstrierten sie mit Hunderten roten Luftballons für ein Ende der Ausbeutung, für Lohnsteigerungen und Urlaubsanspruch. "Soweit sind wir zwar leider noch nicht, aber immerhin wurden nach den Protesten auch bei uns in Niedersachsen die Löhne erhöht", sagt Kai Fricke von der Braunschweiger Initiative. Für FH-Studenten etwa stieg der Stundensatz beträchtlich, von knapp fünf Euro auf 8,32 Euro. Der Forderung nach einem Tarifvertrag nahm das allerdings "den Wind aus den Segeln", sagt Fricke, die Protestbereitschaft sei zunächst zurückgegangen. Doch auch in diesem Jahr will die Hiwi-Initiative weiter kämpfen.
Die Richtlinien der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) sehen kurioserweise keine Mindestlöhne vor - nur Obergrenzen. Davon weichen die Bundesländer zum Teil ab, manche Hochschulen unterbieten mühelos jede Schamgrenze. Am schlimmsten gekniffen sind Hilfskräfte an Fachhochschulen. In Nordrhein-Westfalen etwa bekommen sie 5,96 Euro, an ostdeutschen FHs oft sogar unter fünf Euro. Da kann man den Geldeingang auf dem Konto leicht mal übersehen.
Berlin ist bundesweit Vorbild
Als Muster, was man mit Beharrlichkeit erreichen kann, dienen die - vergleichsweise - luxuriösen Arbeitsbedingungen studentischer Hilfskräfte an Berliner Hochschulen. Sinan Ekmekçi etwa arbeitet am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Uni und erhält 10,98 Euro die Stunde und 31 Tage Urlaub pro Jahr, mit einem festen Zwei-Jahres-Vertrag über 40 Stunden monatlich.
Seit über 30 Jahren hat Berlin einen eigenen Hiwi-Tarifvertrag, damals mit Warnstreiks durchgesetzt und Mitte der achtziger Jahre per "Tutorenstreik" verteidigt. Für die Interessen der Hilfskräfte setzt sich eine eigene Personalvertretung ein. Manchmal gebe es Unstimmigkeiten, sagte eine Sprecherin der Humboldt-Uni SPIEGEL ONLINE, generell stehe man aber hinter dem Tarifvertrag. Kürzungen seien nicht geplant, die "Aufwand-Nutzen-Relation" stimme.
Sinan Ekmekçi sieht das auch so. "Ich mag die Arbeit hier sehr und würde sogar für weniger arbeiten", sagt er. Allerdings sei er auf das Geld auch nicht unbedingt angewiesen. Hinter die in Berlin erstrittenen Vereinbarungen zurück will der Student nicht und wünscht sich für Kollegen außerhalb der Hauptstadt, dass sie mindestens dasselbe bekommen wie er - "alles andere wäre nicht angemessen."

