17.12.2010
Narzisstische Hochschulchefs
Die Uni, das bin ich!
Von Grit Weirauch
Gefährliche Eigenschaft? Narziss bewunderte sich so lange selbst, bis er im Wasser ersoff
Das Beispiel Larry Ellison zeigt: Je erfolgreicher solche Menschen, ob Business-Boss, Präsident oder Professor, desto stärker treten ihre Schwächen hervor. Sie sind abhängig von der Bestätigung anderer, sie verlangen nach Bewunderung und Unterwerfung. Kritik ist dabei unerwünscht. Überaus empfindlich gegen einen Angriff auf seine Person verfügt ein Narzisst auch im Universitätsbetrieb über beste Abwehrmechanismen: Ein Student wird in der Vorlesung bloßgestellt, im Institut verbreitet der gekränkte Narzisst ein Klima der Angst, unter der sich schwer wissenschaftlich konstruktiv arbeiten lässt. Im schlimmsten Fall hebelt er im Alleingang demokratische Gremien aus.
Von all dem und den unangenehmen Folgen können Personalräte an den Universitäten ein Lied singen: Unzufriedenheit unter den Mitarbeitern, ein hoher Krankenstand oder Fluktuation am Institut, fehlende Kommunikation zwischen Belegschaft und Führungsriege. Rainer Hansel, Vorsitzender des Personalrats der Humboldt-Universität in Berlin beschreibt das Phänomen des Alleinentscheiders so: "Als Präsident kann man Visionen entwickeln, aber man läuft Gefahr, dabei die Uni zu verlieren. Nach dem Motto 'Niemand soll mich daran hindern, meine Ideen umzusetzen' wollen viele bewusst die Rückkopplung nicht. Dabei kann man nur dann eine Idee sinnvoll umsetzen, wenn man andere mitnehmen kann und wenn sie von einem großen Teil der Einrichtung getragen wird."
"Viele Studierende legen den Kopf in den Nacken"
Doch genau das ist das Perfide an der narzisstischen Persönlichkeit. Umgeben von einer riesigen Schutzmauer, glaubt solch ein Mensch, dass ihm Feedback nichts nützt. Hilfe anzunehmen fällt dieser Person besonders schwer, denn dies würde ja bedeuten anzuerkennen, dass der andere etwas hat, was man selbst benötigt. Solche Muster entwickeln sich oft über Jahrzehnte. Der Narzisst ist allerdings blind dafür. Einzig die Umwelt merkt es.
Gerade in den Universitäten galt bisher: Über destruktiven Narzissmus wurde nicht offen gesprochen, er wurde ertragen. "Das Hochschulsystem stützt das", sagt der Wirtschaftswissenschaftler und Psychologe Dr. Boris Schmidt aus Leipzig, "und viele Studierende legen den Kopf in den Nacken". Und auch Personalrat Hansel will nicht nur eine Schwäche der Persönlichkeit erkennen, sondern auch ein strukturelles Problem durch die kritiklose Übertragung von Traditionen, wie sich schon im "Rekrutierungsmechanismus" zeige. "Bei jedem kleinen Referatsleiter wird ein Assessment-Verfahren angewendet, aber welcher Uniprofessor muss ins Assessment-Center?", fragt sich Hansel.
In solch einem Assessment-Center würde sich zeigen, wie teamfähig manch führender Wissenschaftskopf wirklich ist und welche Eigenschaften unter Stress und Belastung zutage treten. Zuviel Eigenliebe würde überall dort behindern, wo es darum gehe, konstruktiv und mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten, wo immer das gebraucht werde, ob in den Sozial-, Geistes- oder Naturwissenschaften, sagt Wissenschaftscoach Schmidt. "Wenn jemand wie Gott da vorne steht, gibt es keine Entwicklung und keine neue Lehre."
Ist Narzissmus männlich?
Die Romanistin und Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Barbara Vinken von der Ludwig-Maximilians-Universität in München hält Narzissmus in jedem Fall für kontraproduktiv. Ein guter Wissenschaftler dürfe sich nicht wie Narziss in der Mythologie in seinem Forschungsgegenstand spiegeln. Stattdessen fordert sie Leidenschaft für eine Disziplin. "Gute Forschung ist zutiefst antinarzisstisch", sagt die Professorin. Wissenschaft bräuchte Unbedingtheit, Demut und Hingabe. Vinken unterscheidet denn auch Forschung von "nicht gerade intrinsisch motivierten Institutionskarrieren", in die sich viele kompensatorisch flüchteten.
Narzissten hat Vinken viele gesehen in ihrer Karriere. Für sie ist Narzissmus "ein spezifisch männliches Phänomen". Frauen neigten weniger dazu, sagt sie. Ein Problem also, dem ausschließlich Männer erliegen? Jein. Die grandiose Form des Narzissmus - jemand, der sich größer macht, als er ist - trete in der Tat häufiger bei Männern auf, bestätigt die Münchner Psychologin Bärbel Wardetzki. Aber auch bei Frauen finde man hin und wieder Narzissmus, wenn auch eher versteckt, als Äußerung depressiver Stimmungen.