17.12.2010
Narzisstische Hochschulchefs
Die Uni, das bin ich!
Von Grit Weirauch
Gefährliche Eigenschaft? Narziss bewunderte sich so lange selbst, bis er im Wasser ersoff
Lange Zeit hat der französische Staatschef Nicolas Sarkozy Millionen Franzosen hinter sich gewusst. Mit enormer Durchsetzungskraft, glamourösem Lebensstil und Charisma hat er das Wählervolk für sich gewonnen. Doch mittlerweile ist aus dem unerschrockenen Selfmademan eher eine Person geworden, die in Politikmagazinen karikiert und von Psychiatern mit dem Etikett "narzisstische Persönlichkeitsstörung" behaftet wird.
Oder Thilo Sarrazin: Der ehemalige Finanzsenator von Berlin hat den maroden Haushalt der Stadt saniert, wie kein anderer es gekonnt hätte. Im Gedächtnis behalten wird man den späteren Bundesbankvorstand allerdings mit seinen ausländerfeindlichen Thesen. Seine Verbohrtheit und seine menschenverachtende Propaganda zeigen ihn als einen "Narzissten, der mit den Ängsten der Menschen spielt, um sich an der öffentlichen Resonanz zu laben", wie ein Berliner CDU-Politiker es beschrieb.
Die ehrgeizigen Selbstdarsteller und Egomanen vermutet man genau dort, in hochdotierten Jobs in den höchsten Etagen der Wirtschaft, der Politik. Aber sie forschen auch in Laboren, operieren in Universitätskliniken oder bestimmen als Präsidenten und Rektoren über die Zukunft der Wissenschaft. "Nur gilt dort eine andere Währung der Anerkennung als Geld", sagt Dr. Gerhard Dammann, Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen am schweizerischen Bodensee.
Narzissmus - die Leitneurose der Gegenwart
Und zwar Publikationen, Drittmittel, akademische Ehrungen. "Überall da, wo es um Erfolg und Status geht, sitzen sehr häufig narzisstische Persönlichkeiten, vor allem in einem elitären System, wie es die Universität ist", sagt auch die Münchner Psychologin Bärbel Wardetzki.
Ob der brillante, aber selbstverliebte Doktorvater, der ehrgeizige Teamleiter, der alle Forschungsergebnisse für sich einkassieren will, oder ein alle demokratischen Gremien aushebelnder Rektor - meist steckt ein kluger Kopf dahinter. Aber als Chefs sind diese Menschen für ihre Mitarbeiter oft unerträglich. Waren früher oft autoritäre Charaktere in Führungspositionen, landen heute eher die narzisstischen ganz oben. Das Streben nach Exzellenz und Elite befördert schließlich auch in die Universitäten Persönlichkeiten, die ihre Kompetenzen immer wieder zur Schau stellen, die dem enormen Leistungsdruck standhalten und die gerne mit anderen um Anerkennung ringen wollen.
Narzissmus ist für Gerhard Dammann die Leitneurose der Gegenwart. Die derzeitige Umwälzung in der Wissenschaftslandschaft hin zu mehr Wettbewerb brauche aber auch Narzissten, behauptet der Schweizer Psychologe. In Zeiten des Wandels und der Krise sei immer stärker ein Managertyp gefragt, der innovativ sei und seine Visionen durchsetzen könne.
"Narzissmus per se ist nicht gut oder schlecht"
"Es kann Sinn ergeben, einen produktiven Narzissten zum Chef zu machen, der ohne große Rücksicht auf Traditionen das Bestehende ändert." Das seien Leute, die Lust haben zu gestalten, Neues zu denken und vor allem auch zu wagen. "Dass jetzt Provinzuniversitäten anfangen zu leuchten, hat auch mit einzelnen, sehr von sich überzeugten Personen zu tun", meint Dammann.
Was aber ist ein produktiver Narzisst? Wie viel Selbstherrlichkeit benötigt eine Führungskraft, um erfolgreich sein zu können? Und wann schadet sie? Für Dammann ist "Narzissmus per se nicht gut oder schlecht, sondern ein Kontinuum, das von positiven bis destruktiven Formen reicht." Die Bandbreite reiche von normaler zu übertriebener, aber produktiver, bis hin zu pathologischer Selbstverliebtheit. An der Freien Universität Berlin untersucht die Psychologin Aline Vater derzeit, wie viel Narzissmus konstruktiv und wie viel schon pathologisch ist.
Das Positive an einem Narzissten: Überzeugt von sich und seiner Wirkung, weiß er Gefolgschaft anzuziehen, die sich von seinen Ideen mitreißen lässt. Er ist nicht selten ein begnadeter und kreativer Stratege, der das Ganze sieht und vor allem das Risiko nicht scheut, die Welt nach seinem Bilde zu formen. Für den amerikanischen Narzissmus-Forscher Michael Maccoby (siehe Literaturhinweise im Kasten links) ist der ehemalige US-Präsident Bill Clinton dafür ein Paradebeispiel.
Für Gerhard Dammann wiederum ist Alfred Herrhausen, der frühere Chef der Deutschen Bank, ein faszinierendes Beispiel eines Narzissten. Ehrgeizig und elitebewusst widmete er sich frühzeitig Themen wie Globalisierung und Umweltschutz - nicht zuletzt dank seiner visionären Kraft, wie Dammann meint. Oder aber der Gründer und Chef des Software-Unternehmens Oracle: Larry Ellison. Er hat aus einer kleinen Datenverarbeitungsfirma einen Konzern geschaffen, der sich heute mit SAP und Microsoft anlegt. Ellison ist inzwischen reichster Mann Kaliforniens. Sein Ziel: seine Hauptkonkurrenten zu schlagen. Etwas anderes kommt nicht in Frage. Auf einem zweiten Platz fühle er sich, wie er sagt, als Verlierer.