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22.02.2012
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Karriere und Etikette

Vorsicht vor der Dünkelfalle

Von Andrea Brandt
Helmut Wachter

Auf dem Weg zur Karriere ist guter Benimm unerlässlich, sagt die Vodafone-Stiftung - und lehrt exzellente Studenten in Seminaren, worauf es in der Beletage der Gesellschaft ankommt. Doch etwas Vorsicht ist geboten: Denn wer perfekt ist, neigt zur Arroganz.

Helmuth Haas spürte die Angst beim Kaffeetrinken in einem Vier-Sterne-Hotel. Der 23-Jährige konnte plötzlich nicht mehr ruhig atmen, die Hand, die die Tasse hielt, zitterte. Eine "total fremde Welt" sei das Luxusdomizil mit den weichen Teppichen und den goldblitzenden Treppengeländern gewesen. Nicht seine Welt.

Haas stammt aus Rumänien, aufgewachsen ist er mit sieben Geschwistern in einem Dorf bei Tübingen. Sein Vater, ein Werkzeugmechaniker, bedient eine Fräsmaschine. Der Sohn ist der Traum aller Integrationspolitiker. Von der Realschule wechselte er aufs Gymnasium, machte Abitur mit einem Notenschnitt von 1,0, war Schülersprecher.

Jetzt will er durchstarten, in die "Champions League der Chemie, weltweit". Doch mit guten Noten allein, sagt er, "ist das nicht zu schaffen". Das Förderprogramm "Vodafone Chancen", finanziert von der Stiftung des Mobilfunkanbieters, soll Haas und 42 anderen talentierten Zuwandererkindern zur großen Karriere verhelfen.

Elitenbildung: Fischmesser-Kurs und Weinglaskunde

Es geht nicht um die formalen Anforderungen in den Stellenanzeigen, die erfüllen die Stipendiaten sowieso alle, sondern um die ungeschriebenen Regeln. Wer sie nicht kennt, wird nicht nach ganz oben gelangen, denn nach wie vor rekrutiert sich die Wirtschaftselite im Wesentlichen aus sich selbst. Entscheidend ist der richtige Habitus - und der hängt von der Herkunft ab.

Was anderen in die Wiege gelegt oder vom Kindermädchen beigebracht wird, lernt Haas darum im Restaurant eines teuren Münchner Hotels. Tisch an Tisch mit anderen Stipendiaten zerlegt der Chemiestudent gedünsteten Lachs mit dem Fischmesser. An einem anderen Seminartag wurde ihm schon erklärt, wie man Rot- und Weißweingläser voneinander unterscheidet und die vielen Besteckteile in der richtigen Reihenfolge benutzt.

So sitzen Sie richtig
Daheim stellten sich solche Probleme nicht, sagt Haas, dort werde alles mit dem Löffel gegessen. Natürlich wäre es naiv zu glauben, dass ein bisschen Gläserkunde als Karrierebeschleuniger ausreicht. Die Stipendiaten bekommen darum nicht nur Benimmkurse. "Wir wollen Migrantenkinder mit Spitzenpotentialen so umfassend fördern, dass ihnen tatsächlich alle Türen offenstehen", sagt Geschäftsführer Mark Speich.

Vier von fünf Managern stammen aus dem Bürgertum

Die Stiftung bezahlt das Bachelor-Studium an renommierten Privatuniversitäten wie der Bucerius Law School in Hamburg oder der WHU in Vallendar. Die Aufsteiger werden zudem von Mentoren betreut und nehmen an verschiedenen Seminaren teil. In Weimar widmeten sie sich etwa der deutschen Klassik.

Als Vorbild für das Programm dienten seinen Machern britische Internate, die sie eigens inspizierten. In Deutschland stammen mehr als vier Fünftel der Spitzenmanager aus dem Bürger- oder dem Großbürgertum, hat der Soziologe Michael Hartmann herausgefunden. Ihre Eltern gehörten zu den oberen 3,5 Prozent der Bevölkerung. Das sei in Großbritannien oder Frankreich zwar nicht grundsätzlich anders. Aber dort gebe es "Elitebildungsinstitutionen" wie die Grandes Écoles, in denen dank Stipendien jeder schon früh das soziale Rüstzeug für den Aufstieg lernen könne.

Da diese Einrichtungen in Deutschland bislang fehlten, spiele bei der Besetzung von Top-Positionen die soziale Herkunft eine deutlich größere Rolle als in anderen Ländern, folgert Hartmann. Die von Herkunft und Klasse geprägten Persönlichkeitsmerkmale seien "letztlich ausschlaggebend im Auswahlverfahren".

"Dünkel" steht in roten Lettern an der Wand

Die Kandidaten müssten über Umgangsformen und Kleidung Bescheid wissen sowie bildungsbürgerliches Wissen, unternehmerischen Geist und souveränes Auftreten besitzen. Das ist schon für Kinder aus deutschen Unterschichtsfamilien kaum zu erreichen - und für viele Migranten erst recht nicht. Die vielfältigen Förderprogramme in der Schule können ihnen den Start erleichtern, aber ins Ziel kommen sie damit noch nicht.

Klar hätte er irgendwie auch ohne Komfortbetreuung ein Studium hingekriegt, sagt Haas, der als Schüler jahrelang putzen ging. Aber nicht in dieser Qualität und nicht mit der Chance, wichtige Kontakte für den Berufseinstieg zu knüpfen: "So lerne ich schon im Studium die Welt kennen, die mich erwartet."Leicht ist es ihm nicht gefallen. Er habe drei Semester gebraucht, um seine "Selbstzweifel loszuwerden, ob ich hier überhaupt richtig bin", sagt Haas, der an der Jacobs University Bremen kostenfrei studieren durfte.

Dort traf er auf Diplomatenkinder, viersprachig, mit geschliffenen Manieren und pointierten Ansichten zur Weltpolitik. "Ein Schock" sei das gewesen, sagt Haas. In seinem Elternhaus habe es keine Tageszeitung gegeben, sein eigener Horizont habe damals nur "bis zum Bodensee" gereicht. Heute studiert er an der ETH Zürich, einer internationalen Spitzenuniversität.

Haas darf also auf eine große Karriere hoffen, wenngleich nach den Erfahrungen der Vodafone-Stiftung eine besondere Gefahr des Scheiterns für erfolgreiche Stipendiaten wie ihn besteht: Starallüren. In roten Lettern prangt im Münchner Seminarhotel das Wort "Dünkel" auf der Leinwand. Der Dozent Moritz Freiherr von Knigge, ein Nachfahre des Benimmbuch-Autors, warnt die Teilnehmer: Gerade für Aufsteiger gebe es ein "hohes Verführungspotential, auch mal arrogant zu sein".

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