10.05.2012
Krasse Schweizer Studiengebühren
HSG, bald bist du dein Klischee
Von Jonas LeppinFür die Studenten an der Universität St. Gallen (HSG) kann ein Hochschulbesuch demnächst richtig teuer werden. Das sogenannte Sparpaket II bedeutet für die angehenden Akademiker nichts Gutes. Anfang Mai hatte die Kantonregierung auf 117 Seiten ihre neusten Sparpläne für die Stabilisierung des Staatshaushalts präsentiert. Botschaft: Rund 200 Millionen Franken (etwa 167 Millionen Euro) sollen eingespart werden.
Auch für die Schweizer Universität ist eine Mehrbelastung angedacht, die sich wie folgt zusammenfassen lässt: Höhere Gebühren für Masterstudierende, höhere Gebühren für Langzeitstudierende, höhere Gebühren für Ausländer. Gleichzeitig soll bei der Lehre kräftig gespart werden.
Neben Kürzungen im Bildungsbereich soll das "Sparpaket II" nicht nur sparen, es soll auch zusätzliche Einnahmen sprudeln lassen - und die möchte der Kanton auch von seinen Studenten haben. Besonders für ausländische Studenten sehen die Pläne eine drastische Studiengebührenerhöhung von jährlich 2000 bis 3000 Franken (etwa 1665 bis 2500 Euro) vor.
Dabei wurden schon im vergangenen Jahr die Gebühren für ein Studium in der Schweiz deutlich angezogen: Für einheimische Studenten von 1600 auf 2000 Franken (1330 auf 1665 Euro) im Jahr, für Hochschüler aus dem Ausland von jährlich 1900 auf 3800 Franken (1582 auf 3164 Euro) sogar fast verdoppelt.
Die nun vorgestellten Zahlen des Bildungsdepartements schlagen eine weitere Erhöhung von 400 bis 800 Franken (333 bis 666 Euro) für heimische Masterstudenten und 2900 bis 4800 Franken (2415 bis 3996 Euro) für Langzeitstudenten vor. Richtig zugelangt wird bei ausländischen Studenten. In der Schweiz ist es üblich, dass die jeweiligen Heimatkantone für die Ausbildung ihrer Studenten innerhalb des Landes aufkommen. Bei Nicht-Schweizern sind diese Ausgleichzahlung nicht möglich, daher die höheren Gebühren.
"Generelle Chancengleichheit bedroht"
Zusätzlich wurde mit dem Sparpaket ein Verzichtsplan für Lehre und Verwaltung an der Universität ausgearbeitet. Lehrveranstaltungen, Projektfinanzierungen und Fremdsprachenförderungen sollen in St. Gallen gestrichen werden. Anstehende Gebäudereperaturen würden laut Plan in die Zukunft verschoben. Die Lehrbelastung für Dozenten möchte die Kantonregierung allerdings erhöhen.
Gegen die Kürzungen demonstrierten Hunderte von Studenten Anfang der Woche mit einem Flashmob in der Innenstadt von St. Gallen. "Es ist für viele Studenten ein Problem, wenn sie mit dem Studium beginnen und nicht wissen, wie viel es schließlich kostet", sagte ein Student der Schweizer Regionalzeitung St. Galler Tagblatt.
Die Studenten befürchten, die Atmosphäre an der Hochschule könnte sich nachhaltig verändern, wenn in St. Gallen nur noch studieren kann, wer finanziell bessergestellt ist. Philipp Wellstein, Präsident der Studentenschaft der HSG, erinnerte an die angedachten Qualitätsverbesserungen der Universität. Diese seien durch die zusätzlichen Einnahmen im vergangenen Jahr versprochen worden: "Jetzt soll aber mit einer Verzichtsplanung Qualität abgebaut werden, und gleichzeitig sollen Studenten mehr bezahlen. Das weckt schon großen Unmut."
Auf der Homepage der Studentenschaft heißt es, eine erneute Erhöhung der Gebühren sei "nicht nachvollziehbar", eine "generelle Chancengleichheit bedroht". Die Studenten der HSG hätten nun die Möglichkeit, sich in den Prozess einzuschalten. Ein Sprecher der Universität sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Wir sollen grundsätzlich Einsparungen vornehmen, aber die genannten Zahlen sind nicht verbindlich. Noch ist nichts fix."
Zustrom aus Deutschland macht Ärger
Für die international ausgerichtete Universität wäre eine erneute Belastungen in so kurzer Zeit kein gutes Zeichen. Laut dem Schweizerischen Bundesamt für Statistik besuchten im vergangenen Wintersemester knapp 135.000 Studenten eine Hochschule. Fast 24 Prozent kamen aus dem Ausland, die größte Gruppe ist aus Deutschland.
Ein Studium in der Schweiz bedeutete lange Zeit das Studieren unter hervorragenden Bedingungen: Die Gebühren waren vergleichsweise niedrig und viele Studiengänge hatten keine Zulassungsbeschränkungen.
Weil aber immer mehr ausländische Studenten in die Schweiz strömten, wurden die Zugangsbedingungen an diversen Universitäten durch Gebühren und Zulassungsprüfungen verschärft. St. Gallen hat schon lange eine Quote von 25 Prozent für ausländische Studenten festgelegt.
Weil der Zustrom aus Deutschland für manche Politiker und Hochschulen zum Problem wurde, kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Spannungen zwischen den Ländern. Vor kurzem wetterte eine Abgeordnete der nationalkonservativen Schweizer Volkspartei gegen deutsche Zuwanderer: "Einzelne Deutsche stören mich nicht, mich stört die Masse", sagte Natalie Rickli der Zeitung "Sonntags-Blick".
Im Juni 2012 wird der Regierungsrat in St. Gallen endgültig verkünden, welche Kosten direkt auf die Studenten zukommen und was auf die Universität und Lehre abgewälzt wird: "Jetzt müssen wir abwarten. In der Verwaltung haben wir unsere Budgets jedenfalls bis 2016 schon zusammengestrichen", sagt ein Sprecher der Universität.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hatte es geheißen, die Universität St. Gallen habe auf ihrer Homepage die erneute Gebührenerhöhung kritisiert. Die Zitate stammen jedoch von der Homepage der Studentenschaft.

