Lade Daten...
10.12.2012
Schrift:
-
+

Erfinder von "Roche & Böhmermann"

Studenten als Produzenten

Von Laura Gitschier
Fotos
Laura Gitschier

Die Studenten Philipp Käßbohrer und Matthias Schulz haben mit der Talkshow "Roche & Böhmermann" mal eben eine der innovativsten Sendungen des Jahres gemacht. Dabei schauen die beiden Produzenten selbst kaum Fernsehen - und kennen oft nicht mal die Gäste.

Wie zwei artige Praktikanten saßen die beiden Studenten zu Beginn ihrer Produzentenkarriere da und warteten auf den Leiter von ZDFkultur. Der kam ins Büro und unterhielt sich zunächst nur mit Moderator Jan Böhmermann und seiner Agentin, so erzählen sie es. Irgendwann drehte er sich dann zu den beiden jungen Männern mit Kapuzenpulli und Baseballmütze um und fragte: "Und wer seid ihr so?"

"Ihr so", dass sind Philipp Käßbohrer und Matthias Schulz, 29 und 28 Jahre alt. Zwei Studenten der Kölner Kunsthochschule für Medien, die dem ZDF mal eben eine der umjubeltsten Sendungen des Jahres beschert haben.

Die Sendung "Roche & Böhmermann" ist seit März 2012 auf dem Digitalsender ZDFkultur zu sehen und eine leicht anarchische Talkshow, mit dem Geist des frühen Fernsehens. Der Sender hat mittlerweile entschieden: Auch 2013 soll sie weiter laufen und nachts im Hauptprogramm wiederholt werden. Hier darf noch geraucht, gesoffen und gepöbelt werden. Verpackt in eine nostalgische schwarz-weiß Ästhetik, angereichert mit kleinen Einspielfilmen für die fünf Gäste und ausgestattet mit Gimmicks, wie ein Knopf zur Selbstzensur in der Mitte des Tischs. Moderiert wird die Sendung von Charlotte Roche und Jan Böhmermann.

Laut FAZ.net ist dies die "unbestreitbar beste Talkshow, die es derzeit im deutschen Fernsehen (und Internet!) gibt". Die taz sah darin einen "post-modernen Presseclub." Der durchschnittliche Marktanteil liegt bei 0,3 Prozent, das ist nicht viel, aber der dreifache Senderschnitt von ZDFkultur. Im Oktober gewannen die beiden Jungproduzenten Käßbohrer und Schulz für das Format den Deutschen Fernsehpreis.

Dabei hatten die beiden Studenten aus dem neunten Semester von Talkshows eigentlich keine Ahnung. "Markus Lanz" hatten sie zuvor noch nie gesehen. Die meisten ihrer späteren Gäste kannten sie auch nicht. Und wie Fernsehen gemacht wird, wussten sie nur theoretisch aus ihren Vorlesungen.

Die eigene preisgekrönte Sendung als Uni-Projekt

Ein Großraumbüro in Köln: In der Küche blinkt die volle Spülmaschine, auf dem großen Holztisch stehen Apfelsaftflaschen und liegen Brötchentüten. Nebenan tippen fünf Menschen auf ihren Macs. An der Wand hängt ein großer Plasma-Bildschirm, den ZDFkultur-Kanal können sie hier allerdings nicht empfangen. Das sind die Räume der "bildundtonfabrik" (btf) - die Produktionsfirma, die Käßbohrer und Schulz Anfang des Jahres gründeten, als es mit "Roche & Böhmermann" ernst wurde.

Matthias Schulz sieht mit seinen verstrubbelten blonden Haaren aus wie der nette Student von nebenan. Sein Freund Philipp Käßbohrer, Dreitagebart und Kappe, ähnelt ein wenig Moderator Jan Böhmermann. Beide benutzen gerne mal Wörter wie "artifiziell", sagen zwischendurch aber auch "das war schon richtig krass!"

An der Uni waren die Studenten schon seit einem Jahr nicht mehr: Die Zeiten von Seminaren und Theorie haben sie hinter sich und fast alle Scheine schon in der Tasche. Ab und an kommt es aber doch vor, dass einer der Studenten wegflitzt, um mit einem Professor ein Projekt abzusprechen. Oder man lässt sich, wie Matthias Schulz es gemacht hat, die eigene preisgekrönte Sendung noch fix als Projekt anrechnen.

Die meiste Zeit verbringen Käßbohrer und Schulz aber tatsächlich in dem Hinterhof in Köln-Ehrenfeld, zusammen mit 20 weiteren Kreativen. Mit diesem Team haben sie bereits Kurzfilme gedreht, ein Musikvideo für eine Indie-Band und eine Fassade für eine Bank gestaltet.

Und: Schulz und Käßbohrer sind mit Moderator Jan Böhmermann befreundet, der schneidet bei den Studenten seine Harald-Schmidt-Beiträge. Böhmermann wollte schon länger eine neue, andere Talkshow machen zusammen mit seiner Kollegin Charlotte Roche.

"Ich war mir sicher, dass sich das Sendungskonzept von Charlotte und mir nicht mit einer großen, bekannten Produktionsfirma umsetzen lässt", sagt Böhmermann. "Normale Fernsehmenschen gucken Fernsehen. Philipp und Matthias gucken kein Fernsehen, nie, ein bisschen ekeln sie sich sogar vor diesem schmutzigen Medium." Also brachte Böhmermann alle Beteiligten an einen Tisch und gemeinsam überlegten sie, wie neues Fernsehen aussehen könnte.

Studenten entwerfen eine Talkshow auf dem Reißbrett

Die Studenten erinnerten sich zurück, an das Fernsehen der sechziger Jahre, an Bilder, die ihnen ihre Professoren vorgespielt hatten, als Gäste noch hitzig diskutierten, sich anschrien und krachend das Studio verließen. Gemeinsam entwarfen sie eine Talkshow auf dem Reißbrett, so als würden sie ein fiktives Uni-Projekt machen, ohne Einschränkungen.

Aus der Fiktion wird schnell Realität. ZDFkultur gibt einen Piloten, eine erste Test-Sendung, in Auftrag. Darin zeigen die Studenten ein dunkles Studio angelehnt an Stanley Kubricks War-Room, krawallige Moderatoren, schräge Gäste umnebelt von Rauchschwaden, Whiskey und Zigaretten. Käßbohrer und Schulz haben keine Ahnung, wer das gucken soll. Sie machen einfach eine Sendung, wie sie sie gerne sehen würden.

Das ZDF ordert erst eine und später noch eine Staffel. "Da haben wir zum ersten Mal gedacht: Krass, das ist ja ein richtiger Auftrag!", sagt Schulz. Die Studenten nehmen sich ein Urlaubssemester und grübeln täglich über Gästekonstellationen und originelle Beiträge.

Die Produktion der kompletten Sendung liegt jetzt in der Hand der btf, in der Hand von knapp 20 Kunststudenten - und das ZDF lässt sie machen. Am Küchentisch helfen die Moderatoren aus, wenn die Studenten nicht weiterwissen: "Wir kennen ja keine Leute", sagt Philipp. "Mir musste erst mal jemand erklären, wer Micaela Schäfer ist. Jan und Charlotte schleppen die dann ran."

"Retro-Look und die Seele der Sendung"

Was dann in den Staffeln folgt, sind seltene und kuriose Fernsehmomente. Wo sich Moderator Jan Böhmermann mit eben jenem Nacktmodel Micaela Schäfer über das Geschäftsmodell Ausziehen unterhält. Wo Charlotte Roche Max Herre vorhält, dass seine Texte heute viel schlechter seien als früher. Wo Klaas Heufer-Umlauf mit Henryk M. Broder über Organspende diskutiert.

Aber lustig machen allein wollte sich das Team nicht über die Sendung oder das imitierte Jahrzehnt. Deshalb mussten alle Mitarbeiter während der Aufzeichnung Anzüge und Abendgarderobe tragen. Das Credo: Die große Ehrfurcht der sechziger und siebziger Jahre vor dem Medium Fernsehen paaren mit der Schnodderigkeit von heute.

Die Jury lobt den "Retro-Look und die Seele der Sendung". Wie es mit "Roche & Böhmermann" langfristig weitergeht, wissen die Studenten noch nicht. Arbeit gibt es aber genug: Bald müssen die Studenten endlich mal ihren Diplomarbeitsfilm fertigstellen: Darin geht es um den ersten bemannten Raketenstart der Welt, der 1945 auf der Schwäbischen Alb stattfand.

Lesen Sie mehr über Studenten als TV-Macher

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
1. Der Look ist gut
mk84 10.12.2012
... ansonsten eine banale Talkrunde, welche eigentlich nur dem unbändigen Selbstdarstellungstrieb von Frau Roche dient. Naja, wohl eine der überbewertetsten Sendungen der letzten Jahre.
... ansonsten eine banale Talkrunde, welche eigentlich nur dem unbändigen Selbstdarstellungstrieb von Frau Roche dient. Naja, wohl eine der überbewertetsten Sendungen der letzten Jahre.
2. optional
gruenertee 10.12.2012
Gute Sendung, schau ich eigentlich immer gern (in der Mediathek). Die Sendung ist nicht perfekt und das muss sie auch nicht, teilweise Patzer, Fehler und merkwürde Momente machen die Sendung menschlicher. Interessant finde ich [...]
Gute Sendung, schau ich eigentlich immer gern (in der Mediathek). Die Sendung ist nicht perfekt und das muss sie auch nicht, teilweise Patzer, Fehler und merkwürde Momente machen die Sendung menschlicher. Interessant finde ich dass man die Gäste ganz anders wahrnimmt, wie als sie sich in den Medien porträtieren. Teilweise wirkt es aber auch gezwungen, was dann an manchen Stellen extrem nervt! Das gute ist wenn ein paar Gäst nicht zu Wort kommen kann man sie ein zweitesmal einladen :=)
3. "geraucht, gesoffen und gepöbelt"
ach 10.12.2012
OK, geraucht und gesoffen wurde früher schon im Fernsehen. Gepöbelt aber nicht. Es sind also reine Äußerlichkeiten, die einen Bezug zum [i] Geist des frühen Fernsehens [\i] haben.
Zitat von sysopDie Studenten Philipp Käßbohrer und Matthias Schulz haben mit der Talkshow "Roche & Böhmermann" mal eben eine der innovativsten Sendungen des Jahres gemacht. Dabei schauen die beiden Produzenten selbst kaum Fernsehen - und kennen oft nicht mal die Gäste. Studenten als Produzenten der Talkshow "Roche & Böhmermann" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/studenten-als-produzenten-der-talkshow-roche-boehmermann-a-867420.html)
OK, geraucht und gesoffen wurde früher schon im Fernsehen. Gepöbelt aber nicht. Es sind also reine Äußerlichkeiten, die einen Bezug zum [i] Geist des frühen Fernsehens [\i] haben.
4.
Shivon 10.12.2012
Ich hab gestern am 09.12 noch spät die Folge/Wiederholung gesehn. Echt toll die Sendung, Gäste waren gemischt, B-Gäste (was mir aber egal war). Musste total lachen als der Böhmermann den Boll erzählt hatte, dass seine Filme ein [...]
Ich hab gestern am 09.12 noch spät die Folge/Wiederholung gesehn. Echt toll die Sendung, Gäste waren gemischt, B-Gäste (was mir aber egal war). Musste total lachen als der Böhmermann den Boll erzählt hatte, dass seine Filme ein 2-Minuten-Vergnügen für ihn waren (Anspielung auf das Thema mit J.Bach). und die darauffolgenden Reaktionen :D. Tolles Format, leicht trashig, aber lustig und unterhaltend und !nicht! pseudo-wichtig.
5. ja, ja der look ist gut, aber eben nicht nur....
soistes 10.12.2012
eine der wenigen, ne die einzige wirklich lockere, innovative und unterhaltsame talkrunde im deutschen fernsehen. sie macht vor allem spaß, da die moderatoren wohl kein enges inhaltliches korsett tragen und keine massenkompatiblen [...]
eine der wenigen, ne die einzige wirklich lockere, innovative und unterhaltsame talkrunde im deutschen fernsehen. sie macht vor allem spaß, da die moderatoren wohl kein enges inhaltliches korsett tragen und keine massenkompatiblen verhaltensmuster an den tag legen müssen. das wirkt nicht nur, sondern ist auch authentisch und frisch. inhaltlich und optisch großartig. es tut sich was bei den ör. leider bisher nur bei den spartenkanälen wie zdf neo oder zdfkultur!

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Fotostrecke

Buchtipp

Buchtipp
  • Wege in den Traumberuf Journalismus
    Deutschlands Top-Journalisten verraten ihre Erfolgsgeheimnisse - mit praktischem Studienführer.

    Herausgegeben von Jan Philipp Burgard, Moritz-Marco Schröder

    Solibro Verlag; 286 Seiten; 16,95 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.

Fotostrecke

Verwandte Themen

Wo geht's denn hier in den Journalismus?

"Irgendwas mit Medien..."
Für viele Abiturienten und Studenten ist Journalist ein Traumberuf. Rechtlich darf jeder sich so nennen - das garantiert Artikel 5 des Grundgesetzes, die Pressefreiheit verbietet jede Reglementierung des Berufszugangs. In Deutschland gibt es rund 70.000 Journalisten, rund die Hälfte Freiberufler. Wer davon leben will, muss sein Handwerk lernen und beherrschen.
Der klassische Weg: Volontariat
Praxis pur verspricht das Volontariat - bei Zeitungen und Zeitschriften, in Online-Redaktionen, bei Radio und Fernsehen, privat oder öffentlich-rechtlich. Die Ausbildung dauert zwischen zwölf und 24 Monaten und ist meist durch Tarifverträge geregelt. Typischerweise fahren Volontäre Karussell: Sie durchlaufen verschiedene Ressorts ("Volo, du Amöbe, mach' du den Abendtermin!") und nehmen an Fortbildungen teil. Ein vorheriges Studium ist keine Pflicht - aber längst die Regel.
Der Königsweg: Journalistenschule
Viel Andrang, rare Plätze: Journalistenschulen sind ein Nadelöhr. Auch hier dominiert die Praxis. Es unterrichten gestandene Journalisten, in Praktika wird das Gelernte eingesetzt und ausgebaut. Die Ausbildung dauert in der Regel anderthalb bis zwei Jahre. Mal zahlen Journalistenschüler Gebühren, mal erhalten sie Geld.

Zu den wichtigsten Einrichtungen zählen die Henri-Nannen-Schule (Hamburg), die Deutsche Journalistenschule (München), die Berliner Journalisten-Schule, die Axel-Springer-Akademie und die Evangelische Journalistenschule (alle in Berlin). Die RTL-Journalistenschule (Köln) bildet speziell für TV-Berufe aus, die Electronic Media School (Babelsberg und Bremen) für Radio, Fernsehen und Internet. Die Holtzbrinck-Schule (Düsseldorf) und die Kölner Journalistenschule sind auf Wirtschaft spezialisiert.
Der Trampelpfad: Studium
Und wo bleibt die Theorie? Hier: Studiengänge in Journalistik oder Publizistik, Medien- oder Kommunikationswissenschaft gibt es an beinah jeder größeren Universität (siehe Hochschulkompass). Besonders bekannt sind die Journalistik-Studiengänge in Leipzig, Dortmund und München. Dort absolvieren die Studenten auch Pflichtpraktika - wer nur theoretisch weiß, wie eine gute Glosse entsteht, hat es schwer.

Was Chefredakteure der ganz alten Schule von den Absolventen halten? Sie rümpfen die Nase, rollen die Augen und raten: "Studieren Sie lieber etwas Handfestes, Jura oder BWL oder sogar Byzantinistik." Damit haben sie nicht unbedingt Recht, ein Medienstudium kann schon nahe an den Beruf heranführen. Trotzdem gehen Absolventen meist noch ins Volontariat oder in eine Journalistenschule - denn ein schickes Uni-Zeugnis allein beeindruckt im Journalismus niemanden. Erstklassige Arbeitsproben und sinnvolle Praktika schon.
Der Sonderweg: Rein ins Wasser, Schwimmen lernen
Was ebenfalls geht: Man wird Journalist, indem man's einfach ist - "Learning by doing" in Neudeutsch. Medienberufe sind offen für Autodidakten und Quereinsteiger mit krummen Biografien. Wer viel und gut schreibt, der findet auch seinen Platz. Praktika und Kontakte sammeln, sich als Experte für bestimmte Themen einen Namen machen, die Arbeit intelligent organisieren - und irgendwann fragt niemand mehr nach Ausbildung und Abschlüssen. Für das große Heer der freien Journalisten gilt das ohnehin, für Redakteursjobs nur bedingt. Da zählen bei der Einstellung auch formale Qualifikationen.

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter RSS
alles zum Thema Medien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten