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07.12.2012
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Neues Jugendmagazin "Tonic"

Low-Budget, aber smart

TONIC

Trotz Print-Krise erscheint diese Woche ein neues Jugendmagazin: "Tonic" will sich gegen die Glücksdiktatur anderer Zeitschriften wehren. Die jungen Macher arbeiten ehrenamtlich, ohne Verlag und Anzeigen. Chefredakteur Fabian Stark, 21, Student aus Berlin, erklärt, wie das geht.

SPIEGEL ONLINE: Mehrere Zeitungen werden in diesen Wochen eingestellt, und Sie bringen jetzt ausgerechnet ein gedrucktes Magazin auf den Markt. Geht's noch?

Stark: Unser Heft war nicht als "Print lebt noch"-Signal gedacht. Dass die erste Ausgabe jetzt in diese Krisenphase fällt, ist reiner Zufall. Wir glauben, dass gerade junge Leute, die den ganzen Tag im Internet rumhängen, sich etwas wünschen, was sie in die Hand nehmen und herumliegen lassen können. Und sie wollen in Ruhe lesen, ohne dass parallel ein Facebook-Chatfenster oder eine neue E-Mail blinkt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Heft sieht aus wie das noch schrumpelige Baby von Mama "Neon" und Papa "Zeit-Magazin". Haben Sie Vorbilder?

Stark: Tatsächlich haben wir uns am "Zeit-Magazin" orientiert, über die "Dummy" haben wir auch viel gesprochen. Und über "Tempo", dieses Magazin, das ich selbst noch nie gelesen habe. Und "Neon", tja, da sind wir gespalten, meistens ist die Stimmung: Okay, die haben manchmal ganz gute Reportagen, aber eigentlich sind die doof. Bei denen geht es ständig um glückliche junge Menschen, wie in der Werbung werden da Wunschbilder und Jugendklischees erzeugt. Vielleicht wälze ich mich auch einmal fröhlich auf einer Wiese, aber das ist nicht mein zentraler Lebensinhalt.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Themen spiegeln die Lebenswelten von Außenseitern: ein Flüchtling aus Ghana, HIV, junge Strafgefangene und Polyamorie. Das ist doch auch abgekoppelt von dem Alltag der Masse.

Stark: Interessant, so habe ich das noch nie gehört. Es gibt auf jeden Fall ziemlich viele junge Leute, die nicht damit zufrieden sind, was in Deutschland und anderen Teilen der Welt politisch und gesellschaftlich abläuft. Und wir haben als Nach-Mauerfall-Kinder meistens mit Anfang zwanzig schon mehr von der Welt gesehen als unsere Eltern.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine politische Ausrichtung?

Stark: Auch wenn wir etwas linkskritisch wirken und ein paar von uns eher grün oder SPD-nah sind, soll "Tonic" eine Austauschplattform für alle Lager sein. Bei uns kann auch gern mal ein Burschenschafter seine Meinung veröffentlichen.

SPIEGEL ONLINE: Was macht "Tonic" besser als die anderen?

Stark: Unser großer Vorteil gegenüber "Neon", "Jetzt" und "Spiesser" ist unsere komplett andere Struktur: Nur etwa die Hälfte von uns will Fotograf oder Redakteur werden, wir stecken also nicht so tief in diesem Journalistenmilieu und den ständigen Hypes drin. Und wir selbst sind unsere Zielgruppe: junge Menschen zwischen 16 und 25, die beruflich und privat auf der Suche sind. Und wir werden bestimmt keinen 50-jährigen Soziologen zum Thema Liebe befragen, ich will von so jemandem einfach nicht beraten werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben keine einzige Werbung im Heft und produzieren Low-Budget. Ohne Auflagen- und Anzeigenzwänge sagen sich solche Sätze leicht...

Stark: Mag sein. Aber das ist nun mal unsere Idee: Wir sind 32 junge Leute, die alle ehrenamtlich und von zu Hause aus dieses Heft machen. Entstanden ist die Idee vor zwei Jahren nach dem SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb. Keiner von uns verdient damit Geld. Gerade haben wir die 3000 Exemplare unserer ersten Auflage selbst mit dem Auto von Schleswig-Holstein nach Berlin gefahren. Ich persönlich habe ungefähr 500 Euro in das Projekt reingesteckt, das kriegen wir über die Verkäufe über unsere Website aber wieder raus.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie sicher? In dem Heft ist keine einzige Anzeige, und der Leser kann den Preis selbst bestimmen - zwischen einem und fünf Euro hätten Sie gern. Bisschen naiv, oder?

Stark: Wir haben über diesen Idealismus heftig diskutiert. Einerseits finden wir, dass unser Heft mindestens zehn Euro wert ist, andererseits gibt es Leute, die wirklich nicht viel Geld haben. Und wissen Sie was?

SPIEGEL ONLINE: Was?

Stark: Bei den Vorbestellungen zahlen die Leute im Durchschnitt 5,47 Euro. Obwohl es alles anonym ist, scheint unser Konzept also zu funktionieren.

Das Interview führte Lena Greiner

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
1. optional
MikeNaeheHamburg 07.12.2012
Gute Idee. Das gab es aber wohl in ganz früher Vorzeit schon mal: Nachrichten und Reportagen wurden verbreitet und damit konnte man dann unter Umständen später Geld verdienen, weil es ein gut gemachtes Objekt war. Heute wollen [...]
Gute Idee. Das gab es aber wohl in ganz früher Vorzeit schon mal: Nachrichten und Reportagen wurden verbreitet und damit konnte man dann unter Umständen später Geld verdienen, weil es ein gut gemachtes Objekt war. Heute wollen viele Verlage erst einmal abchecken ob man mit einer Publikation Geld verdienen kann und sucht sich dann zielgruppenrelevante Themen für die Anzeigenkunden ;-)
2. klasse!
option42 07.12.2012
... wenn es endlich mal eine alternative gibt. Und die Preis-Idee ist auch einen Versuch wert.
... wenn es endlich mal eine alternative gibt. Und die Preis-Idee ist auch einen Versuch wert.
3. Papier
Ruler 07.12.2012
ist das neue Vinyl, irgendwie cool und fast schon retro. Ich begrüße jeden neuen Printtitel. Ob dasKonzept von TONIC aufgeht? Wer weiß, als Fingerübung taugt es auf alle Fälle. Und stemmt sich gegen die fortschreitende [...]
ist das neue Vinyl, irgendwie cool und fast schon retro. Ich begrüße jeden neuen Printtitel. Ob dasKonzept von TONIC aufgeht? Wer weiß, als Fingerübung taugt es auf alle Fälle. Und stemmt sich gegen die fortschreitende Digitalitis.
4. Klasse.
axelkli 07.12.2012
Interessantes Konzept. Man kann den Machern nur alles Gute, aber auch etwas mehr Drang zu wirtschaftlichem Erfolg wünschen. Ich finde das Design allerdings langweilig. Heute sehen alle neuen Zeitschriften entweder wie [...]
Interessantes Konzept. Man kann den Machern nur alles Gute, aber auch etwas mehr Drang zu wirtschaftlichem Erfolg wünschen. Ich finde das Design allerdings langweilig. Heute sehen alle neuen Zeitschriften entweder wie Neonbrandeinszeitmagazin oder so fies knallig wie GQBusinesspunk aus. Es muß doch auch was dazwischen geben.
5.
jamblichos 07.12.2012
Die Idee ist nicht schlecht. Ich finde das mit dem Preis jedoch naiv. Und die Aussage mit dem 50-jährigen Soziologen klingt reichlich unreif. "Von so jemanden"....Hm, hat er ein Soziologen-Trauma?
Die Idee ist nicht schlecht. Ich finde das mit dem Preis jedoch naiv. Und die Aussage mit dem 50-jährigen Soziologen klingt reichlich unreif. "Von so jemanden"....Hm, hat er ein Soziologen-Trauma?

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Zur Person

  • Christoph Soeder/TONIC
    Fabian Stark, 21, studiert "Europäische Ethnologie" in Berlin. Zusammen mit 31 Mitstreitern gründete er das Jugendmagazin "Tonic". Ein Jahr lang arbeiteten sie an der ersten Ausgabe, ihre Low-Budget-Produktion kostete ungefähr 10.000 Euro. Finanzielle Unterstützung bekamen sie unter anderem von einer EU-Stiftung, Anzeigen lehnt die junge Redaktion ab.

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Wo geht's denn hier in den Journalismus?

"Irgendwas mit Medien..."
Für viele Abiturienten und Studenten ist Journalist ein Traumberuf. Rechtlich darf jeder sich so nennen - das garantiert Artikel 5 des Grundgesetzes, die Pressefreiheit verbietet jede Reglementierung des Berufszugangs. In Deutschland gibt es rund 70.000 Journalisten, rund die Hälfte Freiberufler. Wer davon leben will, muss sein Handwerk lernen und beherrschen.
Der klassische Weg: Volontariat
Praxis pur verspricht das Volontariat - bei Zeitungen und Zeitschriften, in Online-Redaktionen, bei Radio und Fernsehen, privat oder öffentlich-rechtlich. Die Ausbildung dauert zwischen zwölf und 24 Monaten und ist meist durch Tarifverträge geregelt. Typischerweise fahren Volontäre Karussell: Sie durchlaufen verschiedene Ressorts ("Volo, du Amöbe, mach' du den Abendtermin!") und nehmen an Fortbildungen teil. Ein vorheriges Studium ist keine Pflicht - aber längst die Regel.
Der Königsweg: Journalistenschule
Viel Andrang, rare Plätze: Journalistenschulen sind ein Nadelöhr. Auch hier dominiert die Praxis. Es unterrichten gestandene Journalisten, in Praktika wird das Gelernte eingesetzt und ausgebaut. Die Ausbildung dauert in der Regel anderthalb bis zwei Jahre. Mal zahlen Journalistenschüler Gebühren, mal erhalten sie Geld.

Zu den wichtigsten Einrichtungen zählen die Henri-Nannen-Schule (Hamburg), die Deutsche Journalistenschule (München), die Berliner Journalisten-Schule, die Axel-Springer-Akademie und die Evangelische Journalistenschule (alle in Berlin). Die RTL-Journalistenschule (Köln) bildet speziell für TV-Berufe aus, die Electronic Media School (Babelsberg und Bremen) für Radio, Fernsehen und Internet. Die Holtzbrinck-Schule (Düsseldorf) und die Kölner Journalistenschule sind auf Wirtschaft spezialisiert.
Der Trampelpfad: Studium
Und wo bleibt die Theorie? Hier: Studiengänge in Journalistik oder Publizistik, Medien- oder Kommunikationswissenschaft gibt es an beinah jeder größeren Universität (siehe Hochschulkompass). Besonders bekannt sind die Journalistik-Studiengänge in Leipzig, Dortmund und München. Dort absolvieren die Studenten auch Pflichtpraktika - wer nur theoretisch weiß, wie eine gute Glosse entsteht, hat es schwer.

Was Chefredakteure der ganz alten Schule von den Absolventen halten? Sie rümpfen die Nase, rollen die Augen und raten: "Studieren Sie lieber etwas Handfestes, Jura oder BWL oder sogar Byzantinistik." Damit haben sie nicht unbedingt Recht, ein Medienstudium kann schon nahe an den Beruf heranführen. Trotzdem gehen Absolventen meist noch ins Volontariat oder in eine Journalistenschule - denn ein schickes Uni-Zeugnis allein beeindruckt im Journalismus niemanden. Erstklassige Arbeitsproben und sinnvolle Praktika schon.
Der Sonderweg: Rein ins Wasser, Schwimmen lernen
Was ebenfalls geht: Man wird Journalist, indem man's einfach ist - "Learning by doing" in Neudeutsch. Medienberufe sind offen für Autodidakten und Quereinsteiger mit krummen Biografien. Wer viel und gut schreibt, der findet auch seinen Platz. Praktika und Kontakte sammeln, sich als Experte für bestimmte Themen einen Namen machen, die Arbeit intelligent organisieren - und irgendwann fragt niemand mehr nach Ausbildung und Abschlüssen. Für das große Heer der freien Journalisten gilt das ohnehin, für Redakteursjobs nur bedingt. Da zählen bei der Einstellung auch formale Qualifikationen.

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