Lade Daten...
17.07.2005
Schrift:
-
+

Deutsche an Österreichs Unis

Flucht vor dem Numerus clausus

Von Christian Werner und Maximilian Popp

EU-Richter haben österreichische Hochschulen zur Öffnung für ausländische Studienkandidaten verdonnert. Der ganz große Ansturm blieb aus - aber in Medizin meldeten sich über tausend deutsche Bewerber. Manche Alpen-Unis reagieren panisch mit überstürzten Regelungen.

Julia Stier, 23, hat schon sechs Wartesemester gesammelt, um endlich das tun zu können, was sie schon immer wollte: Medizin studieren. Dafür braucht man in Deutschland entweder erstklassige Abiturnoten oder aber viel Zeit. Beides hat Julia nicht.

Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) macht der Hamburgerin nun wieder Mut. Demnach muss Österreich seine Unis auch für deutsche Bewerber öffnen. An der Universität in Wien hat sie sich bereits beworben. Wie ihre Chancen stehen, weiß sie nicht. "Aber in Wien darf ich wenigstens hoffen, in Deutschland kann ich nur warten", sagt Julia.

Der Gerichtshof hat die Tür für ausländische Bewerber weit aufgestoßen, als er am 7. Juli das Inseldasein der österreichischen Universitäten beendete. Die bisherigen Zulassungsbeschränkungen für andere EU-Bürger sind eindeutig diskriminierend und verstoßen gegen EU-Recht, entschieden die Luxemburger Richter. Und ordneten an, dass die Alpen-Hochschulen Bewerber aus Deutschland und anderen EU-Staaten künftig nach den gleichen Regeln zulassen muss wie die Einheimischen.

Die Unis zitterten vor einem Ansturm deutscher Bewerber, die zuvor nur Fächer in Österreich studieren konnten, für die sie auch in Deutschland den Numerus clausus überwunden hatten. In Windeseile drückte die verschreckte Wiener Regierung ein Gesetz durch, das erstmalig Zugangsbeschränkungen für Studiengänge erlaubt. Österreich war bisher das einzige Land der EU, in dem es nach dem zweiten Weltkrieg keine Aufnahmehürden für ein Studium gab - für Inländer.

Obwohl an einigen Hochschulen die Anmeldeprozedur schon begonnen hat, können sie nun zum kommenden Wintersemester frei über Aufnahmeverfahren entscheiden: in den Fächern Human-, Tier- und Zahnmedizin, Biologie, Pharmazie, Psychologie, Betriebswirtschaft sowie Kommunikationswissenschaft und Publizistik. Insgesamt könnten theoretisch nun 63.000 in Deutschland abgewiesene Studieninteressenten ins Nachbarland strömen.

Bloß nicht noch länger warten

In den meisten Fächern blieb der ganz große Ansturm aus Deutschland bisher aus. Die Mediziner haben dafür zum Teil umso mehr Grund zur Sorge. So gibt es an der Medizinischen Universität Wien (MUW) 1560 Plätze für Studienanfänger, 950 davon sind schon vergeben. Für die übrigen gibt es 1700 Voranmeldungen - davon satte 1300 aus Deutschland. Am Dienstag hat die MUW die Tore vorsorglich dicht gemacht und die Anmeldefrist vorzeitig beendet. "Sonst hätten wir nochmal tausend mehr gehabt", sagte Hochschulsprecher Bernd Matouschek.

Für ihre 550 Plätze verzeichnet die Innsbrucker Uni 600 Bewerbungen, darunter mehr Deutsche als Österreicher. Die Uni in Graz hat bisher 880 österreichische Voranmeldungen registriert; ausländische Bewerber können sich erst ab 18. Juli melden, nachdem die Uni die Internetvoranmeldung am 7. Juli gesperrt hatte.

Die deutsche Bewerberin Astrid, 22, möchte "nicht noch länger auf einen Studienplatz warten". Deshalb hat sie es gleich an allen drei österreichischen Unis im Fach Medizin versucht. In Deutschland müsste sie nach bereits acht Wartesemestern, die sie mit den verschiedensten Nebenjobs füllte, immer noch fast zwei Jahre warten. "Ich will endlich was für meinen Geist tun", sagt sie müde. Und auch, dass sie endlich weiter kommen will im Leben.

Jan, 23, hat geschafft, was sich viele deutsche Abiturienten wünschen: Er hat einen Studienplatz in Wien bekommen. Seit zwei Jahren studiert er dort Medizin. Doch ganz glücklich ist auch er nicht: Weil es so viele Studenten gebe, selektiere die Uni auch ohne Eingangstest gnadenlos. Bei Prüfungen seien Durchfallquoten von 85 Prozent keine Seltenheit. Jan fürchtet, dass sich die Lage durch das Luxemburger Urteil weiter verschärft: "Hier herrscht jetzt schon das Chaos. Keine Ahnung, wie die mit noch mehr Bewerbern klar kommen wollen."

Deutsche Interessenten könnten auch auf ein anderes Schlupfloch spekulieren: Sie studieren zwei oder vier Semester in Österreich und versuchen dann, an eine deutsche Uni zu wechseln. Innerhalb Deutschlands muss man zu diesem Zeitpunkt nämlich nicht mehr den Weg über die ZVS gehen, sondern kann sich direkt bei den Unis bewerben. Aber der Wechsel sei für Medizinstudenten schon zwischen deutschen Hochschulen "sehr, sehr kompliziert", warnt Markus Stieg vom Dekanat für Studium und Lehre der Berliner Charité. Den internationalen Wechsel, etwa von Österreich nach Deutschland, schätzt MUW-Sprecher Matouschek als eher noch schwieriger ein.

Eingangstests oder Aussieben in den ersten Semestern

Der österreichische Ärzteverband warnte bereits davor, dass es bei einem Überhang an deutschen Medizinstudenten, die nach dem Examen das Land wieder verlassen, in Zukunft zu einem Ärztemangel kommen könnte. Den gibt es in Deutschland bereits, in Österreich derzeit nicht.

Die Medizin-Uni Wien will für dieses Jahr nach dem "first come - first serve"-Verfahren aussieben: Wer sich zuerst anmeldete, darf studieren. Damit sichert die Hochschule über die Hälfte der Plätze für Österreicher, weil sie schon vor dem Urteil des EuGH vergeben waren. Ab 2006 sollen nach dem ersten Semester nur noch die Besten weiterstudieren.

Die Unis in Innsbruck und Graz wollen Eingangstests oder eine Studienauswahlphase mit Tests nach dem ersten Semester einführen. Beide wollen die Abiturnoten einbeziehen. In Innsbruck sollen aber auch Vorkenntnisse und Motivation eine Rolle beim Zugang zum Medizinstudium spielen.

Bei solchen Auswahlphasen räumte der ehemalige Innsbrucker Rektor Manfred Gantner deutschen Bewerbern größere Chancen ein. Die Kommilitonen aus Deutschland seien älter, weil die Oberstufe ein Jahr länger dauere als in Österreich, lautete seine Begründung. Clemens Sorg, der Mittwoch neu gewählte Innsbrucker Rektor, forderte der Zeitung "Die Presse" zufolge eine österreichweit einheitliche Regelung und die Öffnung der Unis vorrangig für "Landeskinder". Genau das allerdings haben die Luxemburger Richter gerade untersagt.

Alle deutschen Studenten müssen genau wie ihre österreichischen Kommilitonen Studiengebühren von 363 Euro pro Semester zahlen. Astrid würde das von einem Österreich-Studium nicht abhalten. Sie zuckt mit dem Schultern und meint trocken: "Das wird in Deutschland auch bald so kommen. Und sicher noch mehr werden." Für sie ist die Hauptsache zu studieren. Endlich.

Empfehlen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter RSS
alles zum Thema Auslandsstudium Nord- und Westeuropa
RSS
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten