14.12.2006
Teilzeitstudenten
Halb studieren, aber voll bezahlen?
Von Britta Mersch und Jochen LeffersDas Leben als Student ist als Vollzeitjob angelegt. Als Faustregel gilt: Gut 20 Stunden pro Woche sollten Studenten in Seminare und Vorlesungen investieren, um in der Regelstudienzeit einen Abschluss zu bekommen. Professoren und Dozenten predigen schon ab dem ersten Semester, das gleiche Zeitpensum noch einmal für das "Selbststudium" zu veranschlagen – die Zeit, in der Studenten das Lernpensum ihrer Kurse vor- und nachbereiten, Referate austüfteln, Bücher suchen und lesen.
Macht zusammen um die 40 Wochenstunden, in denen die angehenden Akademiker ausschließlich mit ihrem Studium beschäftigt sind. Beziehungsweise sein sollten. Denn der Alltag vieler Studenten sieht anders aus: Zwölf Prozent aller Studenten fassen ihr Studium als Teilzeitbeschäftigung auf, wie das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in einer aktuellen Untersuchung ermittelt hat. In einigen Fachbereichen ist demnach der Anteil der Teilzeitstudenten besonders hoch, gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften. So sieht ein Drittel aller Erziehungswissenschaftler und ein Viertel der Politologen, Germanisten, Soziologen und Historiker die Uni nur als Teilzeitjob.
Das CHE fragte Studenten nach ihrer Selbsteinschätzung. Auch das Hannoveraner Hochschul-Informations-System (HIS) hat sich schon mehrfach mit dem Thema Teilzeitstudium beschäftigt und kommt sogar auf deutliche höhere Anteile: Jeder vierte Student investiert nach der letzten Sozialerhebung weniger als 25 Wochenstunden für das Studium.
Teilzeitstudium? Darf es nicht geben, gibt es also nicht
Das kann ganz unterschiedliche Gründe haben. So zählen zur Teilzeit-Gruppe Studierende, die Kinder haben, die für den Lebensunterhalt sehr intensiv jobben müssen oder aus anderen Gründen berufstätig sind - zum Beispiel weil sie in der Praxis Kenntnisse und Erfahrungen sammeln wollen, die ihnen die Uni nicht vermittelt. "Es gibt die Tendenz, dass gerade Studierende mit Kindern oder solche, die vorher eine Berufsausbildung machen, ihr Studium in Teilzeit absolvieren", sagt HIS-Mitarbeiterin Elke Middendorff, "wer über Umwege zum Studium kommt, hat oft bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und ist auf das eigene Geld angewiesen."
Der Studienstart könnte trotzdem der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Student und Uni sein, wenn man Studium und Erwerbstätigkeit sinnvoll vereinbaren könnte. Aber Teilzeitstudenten sind an den deutschen Hochschulen, mit wenigen Ausnahmen wie etwa der Fernuniversität Hagen, nicht vorgesehen. Flexible Stundenpläne und individuelle Gestaltungsmöglichkeiten sind Mangelware. Anders formuliert: Am liebsten wäre es den Unis, wenn ihre Studenten alle einer Norm entsprechen. Dass es nicht so ist, stört sie nicht weiter - sie ignorieren die Teilzeitstudenten schlicht.
Die Einführung von Bachelor- und Masterabschlüssen hat das nicht verbessert. Im Gegenteil: Der Stundenplan wird noch straffer, das Studium verschulter. Bislang bestehen lediglich zwei Prozent aller Studienangebote aus Teilzeitstudiengängen, kritisiert das CHE. "Die Hochschulen sollten mehr auf die Bedürfnisse ihrer Studenten eingehen", fordert Projektleiter Frank Ziegele, "schließlich brechen viele ihr Studium ab, weil ihre Bedürfnisse von den Hochschulen nicht genügend berücksichtigt werden."
"Jeder soll nur zahlen, was er in Anspruch nimmt"
Die CHE-Denkfabrik hat jahrelang Stimmung pro Studiengebühren gemacht und die Lobby der Gebühren-Befürworter stets emsig munitioniert. Sie hat sich aber auch für faire anstelle von schematischen Lösungen eingesetzt. Studiengebühren von 1000 Euro pro Jahr sind in mehreren Ländern teils schon eingeführt, teils für 2007 geplant. Nun fordert das CHE, dass auch die Politik das Phänomen des Teilzeitstudiums zur Kenntnis nehmen und gebührend würdigen soll.
Frank Ziegele sieht eine Gerechtigkeitslücke: "Ein Teilzeitstudent besucht im Semester weniger Kurse als ein Kommilitone, der Vollzeit an der Uni ist", kritisiert er, "trotzdem muss er für alles bezahlen." Länder und Hochschulen sollten deshalb darüber nachdenken, Studiengebühren nicht pauschal für ein Semester zu berechnen, sondern anhand der tatsächlich belegten Kurse oder Module: "So bezahlt jeder nur das, was er auch in Anspruch nimmt."
Wenn zum Beispiel eine Mutter mit Kind in ihrem Bachelor-Studiengang ein Drittel des geforderten Pensums schafft, könnte sie pro Semester statt der gesamten 500 Euro auch nur die tatsächlich besuchten Kurse bezahlen, also rund 160 Euro – was eine enorme finanzielle Entlastung wäre und die gesamte Studiensituation entspannen würde: "Das Problem der Studienplanung wäre mit einem Schlag erledigt", sagt Frank Ziegele. Eine derartige Gebührenstaffelung sei in vielen Bundesländern möglich. Etwa in Nordrhein-Westfalen, wo die Universitäten selbst über die Einführung von Studiengebühren bestimmen können.
An den Hochschulen dürfte diese Forderung nicht gerade Beifall auslösen. Die Umstellung auf Bachelor und Master, zugleich die Einführung der Campusmaut - für die Hochschulen ist das ein Kraftakt. Sie mögen es lieber simpel und bequem, statt für beträchtliche Teile ihrer Studentenschaft gerechtere, aber eben auch kompliziertere Lösungen zu basteln. Und auch die Bildungspolitiker bevorzugen pauschales Inkasso. "Wenn Studenten Gebühren oder Beiträge bezahlen, werden sie aber zunehmend Studienmodelle einfordern, die ihren Bedürfnissen entsprechen", sagt Frank Ziegele. Und dazu gehört vor allem, dass die Studienplanung an die eigenen Lebensumstände angepasst wird.