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28.12.2006
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Interview

"Bluffen, ohne sich selbst zu bluffen"

Ständiges Bluffen macht die Universität zu einem öden Ort. Ganz ohne Bluff geht es im akademischen Betrieb aber auch nicht. Der Professor und Buchautor Wolf Wagner rät Studenten, sich ihre Neugier zu bewahren - und den Mut zur dummen Frage auch.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist Ihr Buch, das ja eigentlich eine Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten ist, so ein großer Erfolg geworden?

Wolf Wagner: Es blickt frech hinter die Kulissen der ehrwürdigen Universität. Und hat damit vielen geholfen zu erkennen, wie es anderen geht. Meine Schätzung der bislang verkauften Auflage ist 180.000 bis 200.000, ohne die vielen Raubdrucke in den siebziger Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Das Buch wurde ins Dänische, Holländische und Japanische übersetzt, nicht aber ins Englische. Warum?

Wagner: Das erkläre ich damit, dass die amerikanischen und englischen Universitäten so verschult sind mit festen Klassenverbänden und Klassenarbeiten, dass die Anonymität und Anomie gar nicht aufkommt, die Voraussetzungen für den Bluff sind. Karriere und Gehälter der Professoren sind zum wesentlichen Teil an die Beurteilung durch die Studis und ihre Lernerfolge gebunden. Es ist eine andere Art Lehre entstanden. Ein gutes Beispiel sind die Lehrbücher. Die sind dort für Studis geschrieben, hier für die Kollegen und Kritiker.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie jetzt etwa mit Schlagwörtern bluffen? Was heißt Anomie?

Wagner: Mein Buch ist oft so verstanden worden, als ob ich jedes Fremd- oder Fachwort schon zum Bluff erkläre. Das ist Unsinn. Wissenschaft geht nicht ohne Fachwörter. "Anomie" ist ein Fachwort aus der Soziologie und benennt einen Zustand, in dem man nicht weiß, welche Normen gelten: "A" heißt "ohne" und "nomie" heißt "Gesetz, Regel". In Fächern mit klarem Wissensstand und klaren Regeln, nach denen das Wissen erarbeitet und präsentiert wird, gibt es so gut wie keinen Bluff. Das gilt vor allem für die Naturwissenschaften. In Fächern, in denen nichts davon klar ist und keine gemeinsamen, eindeutigen Regeln gelten, blüht der Bluff. Das sind vor allem die Geistes- und Sozialwissenschaften.

SPIEGEL ONLINE: In Fächern wie Physik, Mathematik und Informatik wird gar nicht geblufft?

Wagner: Der Bluff besteht auch dort in der akademischen Selbstdarstellung und in der Trennung von Entdeckung und Rechtfertigung. Im Prozess der Entdeckung stecken viele Unreinheiten und Widersprüche, die nachher bei der Darstellung und Rechtfertigung weggebügelt, also weggeblufft werden. Aber der Bluff ist in diesen Bereichen viel geringer ausgebildet.

SPIEGEL ONLINE: An den Bedingungen für den Uni-Bluff scheint sich wenig geändert zu haben - nicht einmal durch die Verschulung von Studiengängen, etwa den Bachelor-Abschluss.

Wagner: Die deutschen Uni-Profs wehren sich bisher erfolgreich gegen jede Verschulung oder Verfachhochschulung. Der Bachelor ändert daran nichts. Es gibt eine Asymmetrie an deutschsprachigen Unis zwischen Lehre und Forschung. Erfolge in der Forschung bringen weltweite Beachtung, neue Gelder, neues Personal, Einladungen zu Konferenzen und Gastprofessuren. Erfolge in der Lehre verschaffen nur mehr Studis und Diplomanden, mehr Arbeit also, aber keinen Ruhm und keine zusätzlichen Mittel. Solange es in Deutschland nicht wie in England, Amerika und teilweise auch in der Schweiz eine Koppelung des Gehalts und des Aufstiegs an die Lehre gibt, werden die Profs weiterhin nur zufällig eine gute, verständliche Lehre machen.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Uni-Bluff auch auf die Fachhochschulen übergegriffen?

Wagner: Der Bluff ist an Fachhochschulen geringer ausgebildet. Die Studenten führt man in festen Gruppen auf gleichem Fortschrittsniveau durch den Stoff. Die Professoren konzentrieren sich neben der Lehre auf Nebentätigkeiten, in denen sie auf kommerzielle Erfolge am Markt angewiesen sind - nicht an den innerwissenschaftlichen Kriterien, die Abgehobenheit und Praxisferne honorieren. Indes streben viele Profs der Wirtschaftswissenschaft, Kommunikationswissenschaft und des Sozialwesens nach universitärem Status und würden den Bluff gern an die Fachhochschulen bringen.

SPIEGEL ONLINE: Bei den Dozenten hat man das Gefühl, dass heute mehr Überlegenheit simuliert wird als früher. Stimmt das?

Wagner: Ich stimme für die Literatur- und Gesellschaftswissenschaften zu, wo der Narzissmus der Profs so weit geht, dass sich keine gemeinsame Anstrengung um einen gemeinsamen Wissensstand herausgebildet hat. Dort ist die Anomie groß und wachsend. Dort hält sich der Bluff und wächst sogar mit der Vielfalt der Privattheorien. Kongresse dieser Fächer sind Bluffveranstaltungen erster Güte.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie den Studenten, um nicht bluffen zu müssen? Geht es überhaupt ohne Bluff?

Wagner: Ich versuche ihnen beizubringen, wie sie bluffen können, ohne sich selbst zu bluffen. Bluff gibt es überall, man kommt nicht ohne ihn aus, das gehört zum gesellschaftlichen Aufstieg wie Beziehungen. Schade ist, wenn man nicht mehr weiß, dass man geblufft hat. Die Uni, eigentlich ein Ort des spannenden Lernens, Fragens und Suchens, wird zu einem Ort der Langeweile auf hohem Niveau. Also muss man sich die Neugier und die dumme Frage erhalten. Auch auf das Risiko hin, für blöd gehalten zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Gesellschaftskritik im Studium ist ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Wird sie zurückkehren?

Wagner: Die ist doch da. Es gibt die Antiglobalisierungszirkel. Bei uns an der Fachhochschule Erfurt gibt es viele Anarchisten. Immer mal wieder entstehen daraus Bewegungen, die wieder versacken. In diesen Gruppen ist übrigens der Bluff so ausgeprägt wie kaum anderswo.

Das Interview führte Manfred Weise

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