02.05.2007
Frankreichs Eliteuni ENA
Kaderschmiede mit Machtgarantie
Von Britta Sandberg, StraßburgDie Ahnengalerie beginnt gleich rechts vom Eingang: Ségolène Royal hängt ganz hinten, eine lächelnde, biedere Frau mit langen glatten Haaren auf einem Gruppenbild aus dem Jahr 1980, darunter steht "Promotion Voltaire". Gleich neben ihr: Royals Lebensgefährte, der Sozialistenchef Francois Hollande, der damals noch besser aussah als sie. Über Hollandes linke Schulter schaut Donnedieu de Vabres, heute französischer Kulturminister. Und weiter hinten, in der letzten Reihe, ragt der lange Dominique de Villepin heraus, der amtierende Premierminister. Sie alle waren Schüler eines ENA-Jahrgangs, der 1945 gegründeten staatlichen Verwaltungshochschule (Ecole Nationale d’Administration).
Das ist so, als ob Joschka Fischer, Gerhard Schröder und Angela Merkel alle in dieselbe Klasse gegangen, und nicht Taxifahrer, Jurist auf dem zweiten Bildungsweg und Physikerin in der DDR geworden wären. Deutsche Politik wäre dann anders verlaufen. In Frankreich kommt sie seit Jahrzehnten ohne atypische Biographien aus.
Von jedem einzelnen Jahrgang seit 1946 hängt in der Eingangshalle ein Gruppenbild mit gerade mal zentimeter-großen Köpfen - knapp acht Quadratmeter reichen für die derzeit regierende französische Elite, das gibt es in keinem anderen Land. "Es sind jeweils die Besten der Besten ihrer Generation", sagt ENA-Direktor Antoine Durrleman stolz. Es seien stromlinienförmige, durchformatierte Technokraten, sagen die Kritiker. Die ENA ist zum Symbol für die arrivierte Kaste geworden, die das Land regiert und eines garantiert nicht tut: sich selbst in Frage zu stellen.
Wunderbares Netzwerk der Enarchen
Präsidentschaftskandidat Francois Bayrou, der antrat, um dieses System zu beenden, wollte die ENA am liebsten gleich abschaffen - diesen merkwürdigen, sehr französischen Mikrokosmos, dessen Studenten schon bezahlte Beamte sind. Diese Schule, die die mächtigste geschlossene Gesellschaft des Landes ausbildet und deren Abgänger über ein beispielloses Netzwerk verfügen: In dem drei Kilo schweren Ehemaligenbuch - ein "Who is Who" der Republik - steht jeder, der einmal hier war, mit Titel, Adresse und Telefonnummer, vom Präsidenten bis zum Ministerialrat, von Royal bis Chirac. "Enarchen", die in die Wirtschaft gehen, können so wunderbar ihre Beziehungen zu "Enarchen" in den Ministerien spielen lassen und umgekehrt.
"Die ENA ist der Königsweg, um an die wichtigsten Posten im Land zu kommen", sagt Mariam Babaud de Monvallier, 24, und seit zehn Monaten dabei. Sie stockt und fügt dann hinzu: "Darüber hinaus ist es auch der einzige Weg." Maggalie, dunkler Pferdeschwanz, Jeans, zielstrebiger Blick aus braunen Augen, hat schon in Paris, Chicago und London studiert und wird mit gerade mal 25 die ENA verlassen.
Dann hat sie 27 Monate Ausbildung hinter sich und kann auf die Präfekturen und höheren Stellen der französischen Verwaltung losgelassen werden. Maggalie sagt Sätze, die anderen peinlich wären, zum Beispiel: "Wir gehören schon jetzt zu den Leuten, die einmal sehr viel mehr Macht als andere haben werden." Womit sie nur das ENA-Prinzip beschreibt - das Konzept einer Schule, in der man schon nach bestandener Aufnahmeprüfung sicher sein kann, es geschafft zu haben.
Das prägt das Bewusstsein, ebenso wie die Tatsache, dass die "Enarchen" direkt dem Premierminister unterstehen und die Studenten bei ihren sechsmonatigen Praktika in der französischen Verwaltung weisungsbefugt sind gegenüber Leuten, die schon seit über 30 Jahren dort arbeiten.
Europa, das müssen die Studenten noch üben
Vor drei Jahren zog die ENA aus dem gediegenen 7. Pariser Arrondissement nach Straßburg in das umgebaute ehemalige Frauengefängnis der Stadt - im zentralistisch regierten Frankreich eine Revolution, die fast einer Entmannung gleichkam. "Ein notwendiger Schock", sagt Direktor Durrleman, selbst ein ENA-Produkt, in seinem luftigen Büro mit der modernen Kunst an der Wand, "die Schule war dringend reformbedürftig, auch Institutionen sind nicht unsterblich."
Immer wieder ist die ENA als veraltet, besitzstandswahrend und unbeweglich kritisiert worden. Jetzt soll sie europäischer und irgendwie auch moderner werden, es gibt im aktuellen Jahrgang mehr Ausländer und mehr Frauen (42 Prozent) als je zuvor. Es gibt Kurse für Krisenmanagement im hauseigenen TV-Studio ("Wie reagiere ich bei Vogelgrippe?") und schulinterne Appelle, man möge bei den mehrmonatigen Außenpraktika möglichst bescheiden auftreten. Seminare in englischer oder deutscher Sprache gibt es immer noch nicht.
Im "Salle du Conseil" im ersten Stock des Schulgebäudes geht es an diesem Tag um den Ausbau der Bahnstrecke von Paris nach Brest - ein Rollenspiel, bei dem die Studenten als Regionalräte oder auch als EU-Vertreter agieren sollen. Ein rotwangiges Mädchen mit Brille gibt den Regionalpolitiker, ein blonder, sehr junger Mann den Gesandten aus Brüssel. Die Aufgabenstellung: Für den Ausbau der Schnellstrecke sollen EU-Mitteln freigemacht werden. Die beiden holen zu viertelstündigen Plädoyers aus. Sie reden jetzt über die Anbindung von Quimper, regionale Infrastrukturen und verkürzte Arbeitswege. Am eigentlichen Thema aber reden sie vorbei.
"Ihr denkt zu französisch, nicht europäisch genug", schimpft der Dozent. "Ihr müsst klarmachen, dass es um Europa geht, nicht darum, irgendeine Bahnlinie für Bretonen um 20 Minuten schneller zu machen." Sie nicken. Sie wissen, Europa müssen sie einfach noch üben.