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01.12.2007
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Studentenproteste in Frankreich

Geh mal wieder auf die Straße

Heute schon gestreikt? Unis blockieren, Mülleimer in Brand stecken, mit Polizisten rangeln - Frankreichs Studenten finden das normal. Wogegen genau sie auf die Barrikaden steigen, ist manchmal Nebensache, hat Geschichtsstudent Christoph Ebert in Grenoble beobachtet.

Es begann mit Graffiti-Parolen an den Uniwänden: "Streik" und "Blockade" lauteten die Schlagwörter. Ein paar Tage später war der Eingang zu meiner Universität in Grenoble versperrt - unter anderem mit einem gefällten Baum. Ich war erstaunt. Meine französischen Freunde sagten nur: "C’est la grève" - "das ist der Streik."

Das war am 6. November, Bilder von protestierenden Studenten hatte ich bis dahin von anderen Städten in den Nachrichten gesehen. Eine Woche später begann die Dauerblockade. Wobei - eigentlich waren es ja nicht die Studenten, die blockierten, sondern die Uni. Aus Angst vor Ausschreitungen und Vandalismus blieben die Türen einfach geschlossen.

An diesem Donnerstag, eine Woche vor den Examen, sollte es wieder Vorlesungen geben. Ich radelte Richtung Uni. Auf dem Weg sah ich ein paar Polizisten, dachte mir aber nichts dabei. Das erste Gebäude war auch tatsächlich geöffnet. Der einzige Unterschied: Eine private Sicherheitsfirma mit riesigen schwarzen Doggen bewachte die Eingänge. Aber die Doggen langweilten sich. Und hätten sie in ihren Maulkörben gähnen können - sie hätten es sicher getan.

Die einen wollen streiken - die anderen zur Uni

Das nächste Gebäude, das Politik-Institut, wurde blockiert. Ein gemütliches Feuerchen loderte im Papierkorb, Rastafaris sangen die Lieder ihrer 68er-Eltern. Vor der sozialwissenschaftlichen Fakultät hatte sich eine Menschentraube versammelt. Auch hier brannte ein Feuer - aber in einem großen Müllcontainer. Und statt zu singen, stritten sich die Blockierer mit einigen Studenten, die um Punkt acht in die Uni gehen wollten. Angeblich gab es zu diesem Zeitpunkt bereits Verletzte, wurde mir später erzählt.

Plötzlich kam Bewegung in die Menge, es wurde gejohlt und geschrien. Drinnen wummerten Leute gegen die Scheiben. Waren das jetzt Blockierer, die die Uni gestürmt hatten - oder war die Blockade vorher aufgehoben worden? Meine französischen Freunde wussten das nicht genau.

Warum genau gestreikt wird, konnte mir auch niemand so richtig erklären. Vordergründig geht es um die Hochschulreform, die im Sommer beschlossen wurde und jetzt umgesetzt werden soll. Sie soll den Hochschulen mehr Autonomie geben und die Einwerbung von Drittmitteln erleichtern. Viele befürchten, dass sich der Staat so aus der Verantwortung zieht und künftig die wirtschaftsfernen Disziplinen vernachlässigt.

"Police partout - Überall Polizei"

Bei den Streiks scheint es aber mehr darum zu gehen, Zeichen zu setzen. Halb Frankreich befindet sich im Machtkampf mit Präsident Nicolas Sarkozy. Lokführer, Apotheker, Studenten: Offenbar hat jeder etwas auszusetzen am neuen starken Mann im Elysée-Palast. An den Anblick protestierender Massen und zahlreicher Polizisten vor meiner Innenstadtwohnung habe ich mich langsam gewöhnt. Das ist eben Tradition in Frankreich: Wer zuerst einknickt, verliert.

Und so kam es am Donnerstag um kurz nach acht auch auf dem Campus von Grenoble zur Machtprobe zwischen Staat und Volk: Ein paar Polizisten stellten sich am Eingang auf. Ob sie versuchen wollten, die kämpfenden Fronten zu trennen, oder nur Präsenz zeigen wollten, war auf Anhieb nicht leicht erkennbar. Und eigentlich auch egal: Am Polizeiabzeichen erkennt man den Gegner. Prompt schlossen sich Blockierer und Antiblockierer, die sich eben noch geprügelt hatten, zusammen.

"Police partout. Justice nulle parte" ("Überall Polizei. Nirgendwo Gerechtigkeit"), rief die Menge. Die Polizisten auf der Treppe wurden geschubst und getreten. Etwa eine halbe Minute ließen sie sich das gefallen, dann tanzte der Schlagstock. Vielleicht zehn Schläge lang war die Masse wie hypnotisiert. Dann entlud sich ihre Wut - sie drückten gegen die Treppe. Ein Stein flog.

Als Antwort eine Rauchbombe. Panisch rannten die Studenten in Richtung Straßenbahnschienen davon und verschwanden in den Nebelschwaden. Sie warteten ab. Dann rückten sie wieder etwas näher, vorsichtig schnüffelnd, ob das, was da abgeschossen worden war, vielleicht doch Tränengas war.

Angst vor gepanzerten Einheiten

Nervös wurden die Studenten noch aus einem anderen Grund: Es hieß, das CRS sei unterwegs, die schwer gepanzerten und auf solche Situationen spezialisierten Einheiten der Gendarmerie. Meine Freunde sahen mich an und sagten: "Das ist Frankreich. So was gibt es nur bei uns." Alle Herumstehenden stimmten ihnen zu. Sie schienen wirklich stolz darauf zu sein. Viele waren vermummt. Manchen war vielleicht einfach nur kalt, bei null Grad und dichtem Nebel. Irgendwo dazwischen standen unsere Dozenten.

Vor dem Politik-Institut wurden Polizisten von Demonstranten mit dampfendem Tee versorgt. Einer biss in ein Sandwich, das er sich in der Mensa geholt hatte. Eigentlich habe er ja Verständnis für die Studenten, sagte er mir, die Reformen schadeten dem Land. Dabei schielte er immer wieder sozialwissenschaftlichen Fakultät hinüber, von der die Sprechchöre deutlich zu hören waren.

Ein Stück weiter sah ich sie schließlich: die angekündigte CRS. Sieben Mannschaftstransporter mit je acht Polizisten legten ihre Ganzkörper-Panzerung an, marschierten los, brachen im Laufschritt eine Bresche in den Pulk und bezogen um ihre Kollegen herum Stellung. Erneut stürmte die Masse panisch über die Schienen davon. "Ein Glück, dass auch die Tramfahrer streiken", dachte ich.

Während vor meiner Fakultät gegen die private Finanzierung der Uni gekämpft wurde, baute ein paar hundert Meter weiter die Ecole de Glisse ihre Stände für ein Festival auf. Das ist eine kommerziell betriebene universitäre Skischule. Wenn sie jetzt am Wochenende wieder in die nahen Berge aufbricht, werden ihre brandneuen, werbebepflasterten Busse mit Sicherheit wieder prall gefüllt sein. Vielleicht mit den Demonstranten von heute.

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