15.04.2008
Studieren in Südafrika
Affen in der Mensa
Affen statt Tauben, Sonne statt Regen, Palmen statt Tannen - ein Jahr an der Nelson Mandela Metropolitan University (NMMU) zu studieren, hat eine Menge angenehme Seiten. Während ich mich in Mainz in der Bibliothek auf Klausuren vorbereitete und nur Bücherstaub einatmete, lerne ich hier am Strand und höre den Indischen Ozean rauschen. Inzwischen darf ich mich Bachelor of honours in group dynamics nennen.
Die NMMU liegt in Port Elizabeth, einer Stadt mit einer Million Einwohnern an der Ostküste Südafrikas. Seit die Uni Mainz mit einem Professor in Port Elizabeth kooperiert, gibt es an der südafrikanischen Uni Studienplätze für Deutsche. Kostenpunkt: 1500 Euro pro Semester. Das Niveau im Studium ist eher mittelprächtig, in Mainz musste ich mehr lernen.
Neben dem Studium arbeite ich im Walmer-Township bei Masifunde, einer Organisation ehemaliger deutscher Austauschstudenten. Die Bildungspartnerschaft finanziert 25 Township-Kindern eine Schulausbildung in der Vorstadt. Die Schulgebühren betragen rund 800 Euro pro Jahr. Die Eltern könnten das selbst nie finanzieren: Das Durchschnittseinkommen in den Townships liegt bei 50 Euro monatlich - für eine ganze Familie.
Kondome und Pizza
Jede Woche unterrichte ich Kinder zwischen 12 und 13 Jahren im Programm "Learn4Life". Ein Kondom über eine Banane zu ziehen, ist hier ebenso Lerninhalt wie Pizzabacken oder Blumen pflanzen. Kinder springen mir in die Arme, fassen meine Haare an, wollen mit mir spielen.
Für mich ist die Arbeit ein toller Einblick in jenen Teil Südafrikas, den die meisten Weißen nie kennen lernen. Die Übergangsphase von der Apartheid zur Demokratie dauerte in Südafrika von 1990 bis 1994. Doch noch heute geht ein Riss durch die Gesellschaft. In den feinen Vierteln lebt vor allem die weiße Minderheit, die nur knapp ein Zehntel der Bevölkerung ausmacht, aber fast den gesamten Reichtum des Landes kumuliert. In den Townships leben noch immer überwiegend Schwarze und Farbige.
Für mich ist die Arbeit ein toller Einblick in den anderen Teil Südafrikas, denen Teil, der den meisten Weißen ein Leben lang unbekannt bleibt. Als ich einheimischen Weißen davon erzähle, ernte ich ungläubige Blicke: Du gehst freiwillig ins Township?
Der einzige Grund für die meisten weißen Südafrikaner, einen Fuß in die Armenviertel zu setzen, ist Dagga: ein Zischlaut, der klingt, als wolle man ein Tier anlocken, und mit dem man signalisiert, Marihuana kaufen zu wollen.
Auf der Straße stehen die Autos dicht an dicht. Ein Polizist hält einen 1er-Golf an, befiehlt dessen zwölf Insassen auszusteigen. Doch statt den Fahrer wegen der offenkundigen Überfrachtung seines Vehikels zu bestrafen, verspricht der Polizist ungehinderte Weiterfahrt - vorausgesetzt, die zwölf Passagiere schaffen es erneut, sich in den Wagen zu zwängen. Gesagt, getan, weitergefahren.
Auch Affen mögen Kuchen
Neben Autos kursieren auf den Straßen allerlei Ammenmärchen. Es heißt zum Beispiel, dass Sex mit einer Jungfrau Aids heilen könne. Die Aufklärer, die dieses Märchen aus der Welt schaffen sollen, sehen aus wie Schuhverkäufer. Sie verteilen von der Regierung gesponsorte Gratis-Kondome in blau-gelber Verpackung.
Erst im August kam heraus, dass etwa jedes zehnte Kondom schlecht gefertigt ist, bei der Anwendung reißen kann. Ein Kontrolleur hatte sich offenbar bestechen lassen und das Leben von Millionen Menschen in Gefahr gebracht. Die Schuhverkäufer verteilen trotzdem weiter Kondome. Auf öffentlichen Mülleimern klebt Werbung für Abtreibungen.
Südafrika ist bekannt für seine gefährlichen Tiere, für Safaris im offenen Jeep. Ein Erlebnis, dass auch ich mir nicht entgehen lasse. Es gibt hunderte Reservate, davon ist in Deutschland oft gerade der Krüger Nationalpark bekannt. Die Areale nennen sich Game Parks, doch statt Achterbahnen und Kettenkarussellen erwartet mich in einem solchen Game Park ein wild gewordenes Nashorn. Ich schalte in den Rückwärtsgang und bringe mich schnell aus der Gefahrenzone.
Wilde Tiere gibt es übrigens nicht nur im Game Park, sondern auch im Alltag. Gerade hole ich mir einen Kuchen in der Mensa, da bemerke ich ein Knurren neben mir. Was ich anfänglich für meinen Magen halte, entpuppt sich schnell als Affenbande - und die scheint Kuchen genauso zu lieben wie ich. Bevor die Horde über mich herfällt, schmeiße ich mein Mittagessen lieber hin und nehme Reißaus - die richtige Entscheidung, sagt mir später das International Office: Mit ihren scharfen Zähnen haben die Affen schon so manchen Studenten verletzt.