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03.09.2008
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Klinikpraktikum im Sudan

Kakerlaken im Krankenhaus

Während in Darfur der Krieg tobt, bleibt es in Sudans Hauptstadt Khartum relativ ruhig. Dort arbeitete Victoria Kirchhoff für einen Monat im Krankenhaus. Die junge Medizinerin lernte das Alltagselend schnell kennen, auf dem Land wurden die Studenten bejubelt wie Rockstars.

Hilflos blickt der Apotheker in seine Regale. Kein Desinfektionsmittel. Also bietet er mir "Tagtol" an, eine Art Allzweckmittel zum Putzen und Reinigen. Als ich den Deckel abschraube, stinkt es erbärmlich, die Verschlussmembran ist bereits löchrig und durchgeätzt. Damit soll ich mir die Hände desinfizieren? Sofort beginnt meine Haut zu jucken und zu brennen.

Daran werde ich mich wohl gewöhnen müssen. Denn für die sogenannte Famulatur, ein Pflichtpraktikum, studiere ich einen Monat an der Universität Khartum das Fach Kinderheilkunde. Wenigstens mangelt es im Sudan nicht an Gastfreundschaft. Es vergeht kein Tag, an dem nicht Studenten auf mich zukommen und mich willkommen heißen. Selbst die Soldaten mit ihren Kalaschnikows auf den Straßen rufen "Merhaba" - ungemütlich werden sie nur, wenn ich etwas Verbotenes fotografiere. Dann gibt es Geschrei und Diskussionen, denn nicht immer ist klar, was verboten ist und was nicht.

Der Sudan ist ein arabisch geprägtes, islamisches Land in Nordostafrika, siebenmal so groß wie die Bundesrepublik. Seit 1989 wird es von Militärs regiert. In die Schlagzeilen kommt es momentan vor allem wegen des Darfur-Konfliktes und den geradezu unmenschlichen Lebensbedingungen in der Region.

In der Hauptstadt Khartum begegnet man Flüchtlingen nur, wenn man Augen und Ohren offenhält. Dafür komme ich auf der Kinderstation des Krankenhaus nicht nur mit ätzendem Desinfektionsmitteln, sondern auch mit dem alltäglichen Elend dieses Landes in Berührung.

Ich sehe ausgetrocknete Kinder, deren Mütter nicht mehr wissen, was sie gegen so viel Durchfall noch tun können. Malaria, Tuberkulose, Typhus, Fehlbildungen oder Krebs - sämtliche Krankheitsbilder sind vertreten. Manche davon sind heilbar, doch sie werden trotzdem lebensbedrohlich, weil die Eltern zu weit weg vom nächsten Krankenhaus wohnen oder kein Geld haben, um die Behandlung zu finanzieren.

Im Krankenhaus fehlt es an allen Ecken und Enden

Dabei mangelt es an Ärzten in Khartum nicht, im Gegenteil: An den Visiten nehmen bis zu 30 Leute teil. Dafür sind die Lerngruppen überschaubar. In meinem Kinderheilkunde-Kurs sind beispielsweise 25 Studenten. Am Anfang der Unterrichtsstunden teilt uns unser Gruppensprecher auf. Jeder Student bekommt zwei Betten zugeteilt und muss alles über die Patienten darin herausfinden, um sie in Fallvorstellungen präsentieren zu können.

Während der Präsentationen stehen wir dann als gesamte Klasse um eines der Betten in den Zwölferzimmern herum. Zum Glück doziert der Oberarzt in der Lehrsprache der Universität: Englisch, ein Relikt aus der Kolonialzeit. Danach sind sowohl Studenten als auch Patienten immer ziemlich müde, zumal bei 42 Grad Celsius Außentemperatur nur ein oder sogar kein Ventilator zur Verfügung steht.

Vor allem lerne ich, wie man Patienten ohne großes medizinisches Technik-Arsenal versorgt. Denn im Krankenhaus fehlt es an allen Ecken und Enden. Die Studenten bringen sogar ihre eigene Seife mit. Die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal. Einer Mutter kriecht eine Kakerlake über ihr Kopftuch, während wir uns unterhalten. Das Tierchen ist vom Waschbottich, in dem die Stoffwindeln ihres Kindes liegen, herübergeklettert.

Bejubelt bei "Medical Missions"

Ein Kopftuch muss ich als "Chawadschia" (Ausländerin) nicht tragen, aber ein knöchellanger Rock ist Pflicht auf dem Campus. Außerdem muss ich um spätestens 23 Uhr wieder zurück im Mädchenwohnheim sein. Eine ältere Studentin geht mit einer Liste zur Anwesenheitskontrolle durch die Zimmer. Außerdem schließt ein Wächter die Eingangstür ab.

Das Wohnheim ist von einem Zaun umgeben. Ich komme mir eingesperrt vor, auch wenn immer behauptet wird, dass der Zaun zu unserem Schutz vor perversen Eindringlingen gebaut wurde. In einem Land, in dem weibliche Genitalverstümmelung immer noch Alltag ist, frage ich mich, ob der Zaun hier nicht tatsächlich eher Männer schützen soll - vor Frauen, die zu selbständig werden. Und den Mund aufmachen wie etwa eine Medizinstudentin, die eine Demonstration am Campus angezettelt hatte.

Andere klären in ihrer Freizeit über Tabuthemen wie Sex, Kondome, HIV oder weibliche "Beschneidung" auf. Sie entwerfen Aktionspläne zur Eindämmung der Tuberkulose. Oder verbringen ihre Wochenenden auf "Medical Missions" in entlegenen Gegenden, wo sie kostenlose gesundheitliche Grundversorgung leisten. Die Menschen jubeln uns Medizinstudenten deshalb zu wie Rockstars.

Das ätzende "Tagtol" lasse ich vor der Rückreise in meinem Wohnheimzimmer stehen. Nächstes Mal habe ich Desinfektionsmittel im Gepäck.

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