14.01.2010
Shocking
Englische Studenten besaufen sich bei Hitler-Spiel
Screenshot der Facebook-Seite "Hitler - The Drinking Game Tribute"
Trinkspiele unter Studenten sind nicht ungewöhnlich und mit Warnungen vor den Gefahren des Alkohols auch kaum einzudämmen. Für so ein Saufgelage haben britische Jugendliche ziemlich üble Zutaten zusammengemixt: Nehmt ein Kartenspiel, stellt ein Pint-Glas in die Tischmitte und legt außen herum die Karten aus, verdeckt und in Form eines Hakenkreuzes, und zwar "so gerade wie möglich, damit es nicht beschissen aussieht".
Das ist nur der Beginn der Anleitung zu "Hitler - das Trinkspiel". Und mit Aufgaben von "Überfall auf Polen" bis "Nazi-Verhör" geht es ähnlich geschmacklos weiter.
Zu dem Spiel war im sozialen Netzwerk Facebook aufgerufen worden, die entsprechende Gruppe versammelte bis zu ihrer Schließung durch die Administratoren knapp 12.000 Anhänger. Dem britischen Fernsehsender Sky zufolge veröffentlichten viele Schüler und Studenten auch Fotos von sich, auf denen sie den Hitlergruß zeigten und sich schwarze Hitlerbärtchen gemalt hatten.
Die Uni-Leitung ist "geschockt"
Die Gruppe gehe auf zwei Studenten der Huddersfield-Universität im Norden Englands zurück, berichtet Sky. Sie bezeichneten sich selbst als "Fuhrers". Gegen die Studenten ermittelt nun die Universität. "Wir sind geschockt, von diesem Spiel zu hören, und sehr beunruhigt wegen der Anschuldigungen gegen Studenten unserer Einrichtung", erklärte die Universität am Mittwoch. Es handle sich um einen "ungewöhnlichen Vorfall". Eigentlich sei die Uni "stolz auf ihren multikulturellen Campus"; der Vorfall werde sehr ernst genommen.
Großbritannien ist bekannt bis berüchtigt für seinen, nun ja: unverkrampften Umgang mit der deutschen Geschichte, besonders mit den zwölf Jahren der Nazi-Diktatur unter Adolf Hitler. Auf der Insel geht so einiges noch als Humorversuch durch, was nur die über viele Jahrzehnte gleich stumpfen "Blitzkrieg"-, "Panzer"- und "Stechschritt"-Klischees bedient oder schlicht geschmack- und pietätlos ist. Mitunter aber wird es selbst den Briten zu bunt: etwa als 2005 Prinz Harry, damals zarte 20 Jahre alt, in Wehrmachtsuniform inklusive Hakenkreuzbinde auf einer Party auftauchte. Oder als 2008 in Cheltenham Studenten im Nazi-Outfit ihre Kommilitonen zur Erstsemestereinführung mit Kasernenhof-Drill und Saufspielen quälten.
Ziemlich scham- und schmerzfrei waren offenbar die Anhänger des Hitler-Spiels bei Facebook. Kaum war die Seite von Facebook gelöscht, entstand eine ähnliche Seite unter dem Titel "Hitler - The Drinking Game Tribute". Die ursprüngliche Seite trug noch den Hinweis, die Macher des Spiels unterstützten in keiner Weise Adolf Hitler oder die Ideologie der Nazis; es handele sich ausschließlich um ein Trinkspiel. Auf der "Tribute"-Seite fehlte ein solcher Disclaimer.
Der Spuk geht weiter
Auch sie ist inzwischen geschlossen - aber prompt entstanden zwei neue Nachahmer-Gruppen. Wahrscheinlich bleiben sie ebenfalls nicht lange im Netz, neue Seiten folgen... Das Hase-und-Igel-Spiel zwischen Facebook-Administratoren und Nutzern ist eröffnet.
Stets sind, dafür gibt es ja die Tastenkombination Copy+Paste, die Regeln des "Hitler-Spiels" nachzulesen: Reihum ziehen die Spieler Karten und müssen je nach Wert und Farbe verschiedene Aufgaben erfüllen. Die enden allesamt damit, dass einer oder mehrere Spieler ein oder mehrere Gläser Bier oder Schnaps trinken.
Bei der Aufgabe "Überfall auf Polen" etwa müssen alle Spieler den Fußboden berühren, der letzte trinkt. Zieht der Spieler eine 9, grüßt er mit "Heil" und ausgestrecktem Arm nach links oder rechts, reihum grüßen die Spieler weiter. Grüßt einer mit "Heil Hitler", wechselt die Richtung, bis einer einen Fehler macht. Sind keine Karten mehr auf dem Tisch, ist das Spiel am Ende. Das nennen die Autoren "The Holocaust".
Der Sender Sky zitiert Michael Barrie, Mitglied eines Verbands für Holocaust-Überlebende, mit den Worten: "Es ist bestürzend, dass ein Spiel zur Belustigung mit einem Ereignis in Verbindung gebracht wird, dem elf Millionen Menschen zum Opfer fielen."
cht/jol/AFP