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08.02.2010
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Hilfskraft an der Uni

"Manchmal kann das ein Scheißjob sein"

TMN

Literaturrecherche für den Professor: Knie nieder, Hilfskraft

Sie schuften in ihrem Fachbereich, als Leichtlohngruppe. Manche sind nur Kopierknechte und billige Lakaien des Professors, andere profitieren stark vom Blick hinter die Uni-Kulissen - gut für eine spätere akademische Karriere. Denn wer sich am Institut gut vernetzt, erfährt Wichtiges einfach eher.

Kopieren, recherchieren, korrigieren - das steht jeden Mittwochvormittag für Volker Handing auf dem Programm. Der 25-Jährige studiert Betriebswirtschaftslehre in Münster und arbeitet nebenher als studentische Hilfskraft. Lohn: 8,50 Euro pro Stunde. Allein für das Geld macht er den Job aber nicht. Ihn reizt vielmehr, sich intensiv mit seinem Fach zu beschäftigen und einen Einblick in den Hochschulbetrieb zu erhalten.

So wie Volker geht es den meisten Uni-Jobbern. Die Studenten, die einen Job an ihrer Hochschule annehmen, seien selten finanziell darauf angewiesen. "Die machen das eher, um sich ein Netzwerk aufzubauen", sagt Elke Middendorf vom Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover.

Wer sich seinen Lebensunterhalt verdienen muss, arbeitet eher woanders. Nur etwa ein Viertel der erwerbstätigen Studenten ist an der Hochschule beschäftigt, hat HIS ermittelt. Denn der klassische außeruniversitäre Studentenjob bringt stündlich um die neun Euro ein. Studentische Hilfskräfte erhalten dagegen im bundesweiten Durchschnitt nur etwa acht Euro pro Stunde.

Oft rackern die Helfer zu Dumping-Löhnen

Der Verdienst hängt außerdem stark vom jeweiligen Bundesland ab. Spitzenverdiener unter den Uni-Jobbern sind die Berliner - denn Berlin ist das einzige Bundesland, in dem es für die studentischen Helfer seit 1979 einen Tarifvertrag gibt: 11,50 Euro sollen sie in der Hauptstadt pro Stunde erhalten. An manchen Unis leisten Studenten die Hilfsarbeit hingegen zu wahren Dumping-Löhnen - um die sechs Euro pro Stunde sind keine Seltenheit. Gerade an Fachhochschulen können es auch noch weniger sein, und mitunter gibt es an Hochschulen gar Versuche, Tutoren oder Hilfskräfte für null Euro anzuheuern - mit Hinweis auf wertvolle Erfahrungen, die sie dabei sammeln.

Aber auch wenn die Hilfskräfte - auch Hilfswissenschaftler oder kurz Hiwis genannt - schlechter bezahlt werden als studentische Kellner oder Taxifahrer, würde Stefan Grob, Sprecher des Studentenwerks, immer eine Arbeit in der Uni vorziehen: "Das ist einer der besten Jobs, die man machen kann, weil man ja etwas für sich und sein Fach tut."

Zusammen mit BWLer Volker sind noch 18 weitere Studenten an seinem Institut beschäftigt. Zu ihren Hauptaufgaben zählt Literatur zu besorgen, die der Dozent benötigt. Manchmal wird nur stumpf kopiert, manchmal bekommen sie Rechercheaufträge oder korrigieren wissenschaftliche Aufsätze. "Das Tätigkeitsspektrum ist irre breit", sagt Hochschulforscherin Middendorf. Im besten Fall wird der Hiwi aktiv in die Forschung einbezogen, sagt Stefan Grob. Im schlimmsten Fall ist er nur der billige Lakai des Professors. "Manchmal kann das ein Scheißjob sein", weiß Grob.

Kellnern wäre für Volker trotzdem keine Alternative. Schon das erste Jahr seiner Arbeit am Lehrstuhl hat ihm für sein Studium viel gebracht. Er habe in der Literaturrecherche dazugelernt, im Umgang mit Datenbanken und im wissenschaftlichen Arbeiten. Das sind alles Dinge, die er für die anstehende Diplomarbeit braucht und die im Uni-Alltag oft zu kurz kommen.

"Man erfährt Sachen eher, weil man näher dran ist"

Auch sonst hat das Arbeiten am Lehrstuhl Vorteile. Wer die Lehrenden persönlich kennt, habe weniger Scheu, im Seminar Fragen zu stellen, sagt Volker. "Außerdem erfährt man manche Sachen eher, weil man einfach näher dran ist." Bevorzugt würden die Hiwis allerdings nicht behandelt, betont der Student: "Extrawürste bekommt hier keiner."

Freie Hilfskraft-Stellen werden meist am schwarzen Brett oder auf den Internetseiten eines Instituts ausgeschrieben. "Da muss man eigentlich nur die Augen offen halten. Hiwis haben eine ganz ordentliche Fluktuation", sagt Grob. Weil die meisten nach dem Examen nicht nur die Uni, sondern auch ihren Studentenjob hinter sich lassen, werden laufend Stellen frei.

Die besten Aussichten haben in der Regel Bewerber, die auch im jeweiligen Fachbereich studieren. Vergleichsweise schlecht stehen die Chancen bei Studenten, die schon kurz vor ihrem Examen stehen, weil sich für den Lehrstuhl das Anlernen kaum noch lohnt. Nach dem Examen wiederum kann man als wissenschaftliche Hilfskraft arbeiten - sozusagen eine Stufe über den studentischen Hilfskräften und etwas besser bezahlt, mit Stundenlöhnen um die zehn Euro pro Stunde.

Hilfskräfte werden auch in der Lehre eingesetzt, korrigieren Klausuren oder übernehmen Tutorien, in denen Studenten Vorlesungen rekapitulieren können. Absolut empfehlenswert ist der Hiwi-Job für Studenten, denen eine akademische Karriere vorschwebt. Dann kann das Kopieren und Exzerpieren ein Grundstein für die eigene berufliche Zukunft sein.

Johanna Uchtmann, dpa

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Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
1. Quark
Spaggi 08.02.2010
Sorry, aber das ist doch Quatsch mit Sosse. Ich habe jahrelang als Hiwi an einem großen, rennomierten Institut an einer unserer "Eliteunis" gearbeitet, sogar noch für den alten Satz von 7,50€. Genau wie meine [...]
Sorry, aber das ist doch Quatsch mit Sosse. Ich habe jahrelang als Hiwi an einem großen, rennomierten Institut an einer unserer "Eliteunis" gearbeitet, sogar noch für den alten Satz von 7,50€. Genau wie meine zahlreichen Hiwi-Kollegen hatte man natürlich eine gewisse Affinität zum Institut, dennoch hat man in erster Linie einen unstressigen Job in Uninähe gesucht. Das bisschen kopieren, im Internet rumklicken und vorallem viel Kaffee trinken ist nunmal einfacher als für 9€ Möbel schleppen, wozu nochmal kam dass meistens nicht gestochen wurde und man einen festen monatlichen Satz bekam, egal wieviele Stunden man denn nun tatsächlich anwesend war. Die Leute die hier was erzählen von wegen Kontakten und lernen machen vielleicht 2% aller Hiwis aus. Ich behaupte, die wollen sich nur rechtfertigen fürs viele Rumsitzen.
2. Mal wieder...
metbaer 08.02.2010
... eine Gejaule auf hohem Niveau. Bin selbst Hilfskraft und der Job ist verhältnismäßig stressfrei und gut bezahlt. Ich hab während meines Studiums schon einiges an üblen Jobs gemacht, die unterirdisch bezahlt waren und [...]
... eine Gejaule auf hohem Niveau. Bin selbst Hilfskraft und der Job ist verhältnismäßig stressfrei und gut bezahlt. Ich hab während meines Studiums schon einiges an üblen Jobs gemacht, die unterirdisch bezahlt waren und würde meine Hilfskraftstelle keinesfalls gegen diese Jobs eintauschen wollen.
3. Anforderungen hängen vom Chef ab!
Isaldaria 08.02.2010
Nicht in jedem Fachbereich gibt es Hiwi-Stellen wie Heu! In den Geschichtswissenschaften habe ich noch nie(!) einen Aushang gesehen "Hiwi gesucht". Das sind alles Leute, die von den Professoren persönlich ausgesucht [...]
Nicht in jedem Fachbereich gibt es Hiwi-Stellen wie Heu! In den Geschichtswissenschaften habe ich noch nie(!) einen Aushang gesehen "Hiwi gesucht". Das sind alles Leute, die von den Professoren persönlich ausgesucht werden, weil sie sich durch Leistung in den Seminaren hervorgetan haben. @Spaggi: Ich war drei Jahre lang Hiwi gewesen und ich kann definitiv sagen, dass ich: a) etwa doppelt so viele Stunden gearbeitet habe, wie im Vertrag stand b) keine ZEIT zum Kaffeetrinken hatte c) dadurch Kontakte aufbauen konnte, die mir heute nützen. und d) Diese Studenten erfahren (zumindest war es so bei mir und den Hiwis, die ich kenne so) tatsächlich die gesamte Bandbreite des wissenschaftlichen Arbeitens: Arbeiten korrigieren, Tutorien halten (also schon selber lehren), an Forschungsprojekten mitarbeiten. Und ja, manchmal kopiert man halt zwei Stunden lang ein ganzes Buch ab. Aber dafür ist man ja auch Hiwi.
4. Mal so mal so
ridla 08.02.2010
Wie bei jedem anderen Arbeitgeber auch variiert wahrscheinlich von Stelle zu Stelle Kopier- und Kaffeetätigkeit mit anspruchsvoller Arbeit. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es mir die nähe zu den Professoren meines [...]
Wie bei jedem anderen Arbeitgeber auch variiert wahrscheinlich von Stelle zu Stelle Kopier- und Kaffeetätigkeit mit anspruchsvoller Arbeit. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es mir die nähe zu den Professoren meines Lehrstuhls sehr gut getan hat, auch was Klausurvorbereitungen/ Hausarbeiten anging, der ein oder andere Literaturtipp hat mir sicherlich nicht geschadet. Vorbereitung von Vorlesungen oder Tutorien leiten, vertieft außerdem die Studieninhalte. Und 8€ für einen Hiwi Job finde ich vollkommen in Ordnung. Allein schon die Zeitersparnis, für den Weg zu einem Job der nicht auf dem Campus ist. Im Idealfall liegen die eigenen Interessen ebenfalls in dem Bereich. Studium und Arbeit zu verbinden, viel besser geht es doch gar nicht. Und natürlich "Manchmal kann das ein Scheißjob sein", dass sagt wahrscheinlich jeder mal über seinen Job.
5. alles ist möglich
Querkopf58 08.02.2010
Ich bin hier rein vom Alter her schon nicht betroffen, möchte mich aber doch zu der Thematik äußern. Meine Tochter, nunmehr auch schon in verantwortlicher Position, hatte nach sehr gutem Abitur auch gute Studienergebnisse. Ich [...]
Ich bin hier rein vom Alter her schon nicht betroffen, möchte mich aber doch zu der Thematik äußern. Meine Tochter, nunmehr auch schon in verantwortlicher Position, hatte nach sehr gutem Abitur auch gute Studienergebnisse. Ich hätte mich gefreut, wenn sie auch noch promoviert hätte, da mir dies aus finanziellen Gründen nicht möglich war. Schon während des Studiums aber auch nach dem Examen arbeitete sie als "Hi-Wi" an der Uni. Es ist alles richtig, der Hiwi kann sich in einem ihn interessierenden Fach beschäftigen, erfährt Hintergründe und kann auch schon Ansätze für ein Netzwerk schaffen, das dann später nützlich ist. Auch die aufgeführte Bezahlung ist erst einmal kein Problem. Was sich jedoch am Lehrstuhl meiner Tochter abgespielt hat ist moderne Sklaverei. In vielen Überstunden auch am Wochenende und nachts wurden Vorträge und Seminare ausgearbeitet, Diplomarbeiten bewertet, Projekte erarbeitet und ausgeführt und vieles mehr. Selbstständig, ohne Professor. Meine Tochter und auch andere Hiwis hielten vielfach komplette Vorlesungen vor bis zu 1000 Leuten. Der Professor, wenn er denn auf Grund seiner mehrfachen Interessen(Firmen) ab und zu mal vor Ort war, kontrollierte und vereinnahmte die erbrachten Leistungen komplett für sich. Er veröffentlichte die ohne seine Mitwirkung erarbeiteten Erkenntnisse unter seinem alleinigen Namen. Meine Tochter bekam keine Möglichkeit, sich um Ihre eigene Dissertation zu kümmern. Bis es ihr irgendwann reichte und sie ging. So etwas sollte letztendlich nicht nur verboten werden, denn dieser Professor ist für mich mehr Parasit am System als Lehrer. Zur Ehre der Professoren: Später lernte meine Tochter Professoren kennen, mit denen sie sehr gut, wenn auch noch immer ohne Promotion, zusammenarbeitet und deren Arbeit sie sehr schätzt.
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