31.03.2010
Liebe in Schwarz-Weiß
"Seid ihr etwa ein Paar?"
Von Alfred WeinzierlKaren Kadners Patienten sind gut fünf Wochen alt, rund 200 Gramm schwer und 15 Zentimeter lang, Schwanz exklusive. Einige Dutzend der speziell gezüchteten schneeweißen Laborratten dösen, wuseln, futtern in schuhkartongroßen Plexiglaskästen ihrem Einsatz entgegen. Zwölf Stunden unter Kunstlicht, zwölf Stunden im Dunkeln.
Vom Hochsommer in Kapstadt, vom kühlenden Südostwind, der um die Steilhänge des Tafelbergs pfeift, bekommen die Albino-Ratten so wenig mit wie Karen Kadner. In ihrem fensterlosen Arbeitsraum im ersten Stock der Uni-Klinik ist Operationstag.
Die Doktorandin aus Deutschland legt vorsichtig ein narkotisiertes Tier auf das OP-Tischchen, es ist bereits die dritte Laborratte des Tages, die sie mit einem schweren Leiden befrachten wird. Sie öffnet den Brustkorb, legt sich das daumennagelgroße Herz zurecht und bindet eine der Arterien ab, die den Herzmuskel mit Sauerstoff versorgen. Der Teil des Gewebes, der nun nicht mehr durchblutet wird, stirbt ab - ein nachgemachter Herzinfarkt.
Kadner, 30, spritzt jetzt ein Gel in das Infarktgebiet. Die Masse soll sich verteilen und, so die Idee, das gefährliche Ausdünnen der Herzwand stoppen, das so oft mit einem Infarkt einhergeht. Wenn dies gelänge, wäre viel erreicht - an diesem Vormittag für Nummer drei und irgendwann für die Menschheit.
Die PJ-lerin lernte den Assistenzarzt kennen und lieben
Die Ärztin schließt den Brustkorb wieder, zwei Zentimeter misst die Naht. Nummer drei wird weiterleben, für exakt 28 Tage, angeschlossen an Geräte, die ihre Herzfunktion dokumentieren. Dann wird die Ratte eingeschläfert, geöffnet und histologisch begutachtet.
Es ist kein Zufall, dass Karen Kadner und ihre Kollegen, die das Hightech-Gel entwickeln, ihre Versuche im Groote Schuur machen, dem größten Krankenhaus Kapstadts. Christiaan Barnard hat hier 1967 einen Meilenstein gesetzt: Er wagte die erste Transplantation eines menschlichen Herzens. Die Klinik ist bis heute nicht nur ein Ort des Heilens, sondern auch ein Ort des Forschens.
Es war auch kein Zufall, dass die gebürtige Dresdnerin hier 2006, im Rahmen ihres Praktischen Jahres, ein Auslandstertial absolvierte. Medizinstudenten, so hatte sie gehört, würden in südafrikanischen Uni-Kliniken "schnell als aktives Teammitglied betrachtet". Tatsächlich: In den zwei Monaten in der Unfallchirurgie hatte sie, auch das ist Kapstadt, mit allen möglichen Stich-, Schuss- oder Schlagverletzungen zu tun, "die man in Deutschland in diesem Umfang nicht zu sehen bekäme". Sie nähte Wunden, legte Zugänge, setzte Drainagen, assistierte bei Operationen.
Und in den zwei Monaten in der "Cardiothoracic Surgery", der Herzchirurgie, lernte sie den Assistenzarzt Tumi Taunyane kennen. Sie bewunderte sein Wissen, seine Ruhe, sie verliebte sich.
Kadner kehrte nach Deutschland zurück, schrieb in Berlin an der Charité ihre Doktorarbeit, wollte aber mehr - im englischsprachigen Raum forschen. Sie bewarb sich beim Deutschen Akademischen Austauschdienst und beim Groote Schuur um ein Stipendium - und arbeitet nun in Kapstadt auf ihren PhD hin, den internationalen Doktor.
"Ich gebe Tumi schnell 'nen Kuss und freue mich über geschockte Gesichter"
Ende 2010, nach drei Jahren, wird Kadner ihre Studie zur Behandlung von Herzinsuffizienz nach einem Infarkt fertiggestellt haben. Sie wird dann alles wissen über geschädigte Herzwände bei Ratten.
Aber sie wird auch tiefe Einblicke gewonnen haben in die südafrikanische Gesellschaft, die Neuanfänge, die Rückschritte und all das Vertrackte, schier Unlösbare. Einblicke, die kein Tourist bekommt, wenn er am Strand von Camps Bay badet, die Winzer in Stellenbosch besucht oder demnächst ein Spiel bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Auch Gaststudenten, die zu Nelson Mandelas ehemaliger Zelle auf Robben Island schippern, haben nie erlebt, wie sich das anfühlt: Rassismus.
Karen Kadner schon, denn sie und Tumi Taunyane, 32, sind ein Paar geblieben. Karen, zart, blond und irgendwie immer fröhlich, und Tumi, der schmächtige Brillen- und Jeansträger, der in einem Hollywoodthriller gut den smarten Hacker in Diensten des FBI spielen könnte - und der in Arztkittel, gestärktem Hemd und Windsorknoten so wahnsinnig verlässlich wirkt.
Weiß und Schwarz, das ist auf den Straßen Südafrikas auch 16 Jahre nach dem offiziellen Ende der Apartheid ein Grund zum Staunen, zum Tuscheln, zum Kopfherumdrehen. Anfangs habe sich Tumi eher unwohl gefühlt und "Abstand gehalten", sagt Kadner, inzwischen sei es ihm gleich. Sie hingegen gehe bei verstohlenen Blicken bewusst in die Offensive: "Ich gebe Tumi dann schnell 'nen Kuss und freue mich über die geschockten Gesichter." Sie habe aber auch schon "schöne Reaktionen" erlebt, etwa im Supermarkt, als sie einmal von einer fremden Frau angesprochen wurde: "Seid ihr etwa ein Paar?" - "Ja." - "Mensch, das ist klasse!"