25.03.2010
Max in Nairobi
"Nur Geduld, this is Africa"
Durch den Vorhang fällt das erste frühe Licht. Ich schaue durchs Fenster auf die Straße: Menschen lärmen und drängeln. Es riecht nach Öl, verfaulten Früchten, Urin. Von der Erde steigt ein gelblicher Dunst auf, Staub und der Rauch der Feuerstellen.
Als ich in Nairobi ankam, war es dunkel und die Stadt leer. Jetzt dämmert es, die Menschen drängen auf die Straße. Frauen kochen Kassawa und Gemüse, Kinder handeln mit Zigaretten und Heiligenbildern, ein Bettler sucht Brot und Schlaf. Niemand will in den Wohnungen bleiben, die fast immer eng sind und ärmlich.
Für zwei Monate werde ich in Nairobi leben. Ich bin mit IJP hierher gekommen, einem Austauschprogramm für Journalisten.
Erste Woche - Zeit wird zur subjektiven Größe
Paul, mein Mitbewohner, klopft an die Tür und ruft: "This is Nairobi! This is Kenya!". Paul ist so alt wie ich, 24. Wir teilen uns eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Stadtteil Karanja gemeinsam mit seinem Cousin Victor. In Karanja wohnen Familien, Arbeiter, Studenten. Ich bin der einzige Weiße in dem Viertel. In Deutschland habe ich nie über meine Hautfarbe nachgedacht, aber hier unterscheidet sie mich von der Mehrheit der Menschen. Ich spüre, wie mir Blicke folgen. Kinder umringen mich auf der Straße, sie lachen und rufen "Mzungu!" - Weißer!
Paul arbeitet für den kenianischen Radiosender Baraka FM. Ich werde die nächsten zwei Monate dort aushelfen. Die Kollegen sind reizend, sie haben mich schon am Flughafen mit Blumen empfangen. Im Büro, einem blau-getünchtem Einfamilienhaus, riecht es nach Druckerschwärze und reifen Mangos. Im Schneideraum nisten Hühner, im Fernsehen läuft Al-Jazeera.
Den Kenianern liegt viel an einer freundlichen Begrüßung. Ein flüchtiges Hallo, glauben sie, vergifte das spätere Verhältnis. Die Kollegen schütteln deshalb minutenlang meine Hand. Sie lachen und nicken mit den Köpfen. Sie fragen: Wie geht es dir, wie deiner Familie? Bist du gesund? Fühlst du dich wohl in Nairobi? Möchtest du einen Tee, eine Banane?
Mein erster Termin: Pressekonferenz eines Bauunternehmers um 10 Uhr. Als ich im Hotel ankomme, ist der Saal leer. "Nur Geduld. This is Africa", sagt die Dame am Empfang. Tatsächlich treffen gegen 11 Uhr die ersten afrikanischen Journalisten ein. Und dann, weitere 30 Minuten später, erscheint auch der Bauherr mit seiner Entourage.
"Hat dir niemand den Unterschied zwischen African Time und White Time erklärt?", fragt Paul am Abend. Wir sitzen in der Innenstadt-Bar Talisman, essen Samosa und trinken Bier. Die Zeit der Europäer, sagt Paul, folge festen Regeln: 10 Uhr bedeute 10 Uhr, nicht 10.05 Uhr. Die Afrikaner hingegen sähen Zeit als subjektive Größe. Beginnt eine Veranstaltung um 10, bedeute das, die Gäste verlassen um 10 Uhr ihre Wohnung. Je nach Dauer der Anreise verschiebe sich die Veranstaltung um einige Minuten - oder einige Stunden.
Zweite Woche - "Sie töten wahllos"
Agi, Schwester eines Kollegen, nimmt mich mit auf den Nairobi Mutturwa Market. Durch die Gassen schlurfen Frauen in langen Röcken und Männer in Nylonanzügen. Die Händler verschwinden hinter Säulen aus Turnschuhen, Stoffhemden, Handtaschen. Der Markt ist ein Konzert, eine Modeschau, ein gesellschaftliches Ereignis - der Handel dient nur als Vorwand, um dem Alltag zu entfliehen.
Drei Tage später: "Allahu akbar!", ruft der Muezzin - Allah ist der Größte. In Eastleigh, im Osten Nairobis, tragen die Frauen Schleier und die Jungs Messer. Meine Augen tränen vom Gestank brennenden Mülls. In dem Stadtteil leben somalische Flüchtlinge.
Somalia ist als Staat gescheitert. Die Regierung kontrolliert nur noch wenige Kilometer des Landes. Die Dschihadisten von "Al Shabab" und der "Armee Hizb-al Islam" haben die Macht übernommen.
"Sie töten wahllos", sagt Mohammed, 31. Er hat als Journalist in Mogadischu gearbeitet. Terroristen brachen in sein Haus ein, erzählt er, sie fesselten ihn, folterten ihn, schossen auf ihn. Mohammed überlebte mit sieben Kugeln im Körper. Seit einem Jahr lebt er in Nairobi - ohne Arbeit und ohne Hoffnung, wie Hunderttausende Somali.
Dritte Woche - Im einzigen Frauendorf Afrikas
Ich stehe am Bahnhof in Nairobi und friere. Seit dem frühen Morgen warte ich auf einen Bus nach Umoja, ein Wüstendorf im Westen Kenias. Die Straßen außerhalb Nairobis sind oft nur aus Schotter und Lehm. Steine und Wanderdünen versperren den Weg, Wellen erschüttern den Wagen.
Umoja, am Rande des Samburu-Nationaparks, ist das einzige Frauendorf Afrikas. 48 Frauen wohnen hier. Sie wurden von ihren Vätern geschlagen, von Soldaten misshandelt. In Umoja leben sie nach ihren eigenen Regeln - ganz ohne Männer.
Die Frauen sitzen im Schatten des Dorfbaums, einer großen Akazie, und sticken. Die Hütten in Umoja sind aus Kuhmist gebaut. Die Frauen schlafen auf Ziegenfellen. "Hier kann ich endlich leben, ohne Angst zu haben", sagt Ntekune Leorguba, eine der Bewohnerinnen. Vermisst sie die Männer? "Ach was, zum Teufel mit den Männern."
Im Nachbardorf Archers Post treffe ich Chris und Carl. Sie reisen mit dem Jeep von London nach Tansania. Chris will in Daressalam Englisch unterrichten. Sie haben in ihrem Landrover noch einen Platz frei - und ich beschließe, sie einige Tage zu begleiten.
Wir fahren nach Ngorongoro, an den Rand der Serengeti. Der Ngorongoro-Krater, 2400 Meter hoch, ist Weltkulturerbe; nirgends in Afrika gibt es auf engerem Raum mehr Raubtiere. Zebra-Herden traben vor uns her, Giraffen, Elefanten. Ein Löwe jagt Antilopen neben unserem Jeep.

