24.11.2010
Massenansturm auf den Master
Das Bologna-Tohuwabohu
Von Miriam Olbrisch
Jan S. fand sein Ansinnen eigentlich gar nicht so extravagant: Seine Freundin wohnt in Aachen, deshalb wollte er seinen Master lieber dort machen, nicht in Bochum. Was spräche denn auch dagegen? Sein Bachelor-Abschluss jedenfalls nicht, den hatte er mit 1,6 gemacht, auch sonst stimmte alles mit seiner bisherigen Laufbahn: Studium der Politik- und Theaterwissenschaften in Bochum, zwischendurch Auslandsaufenthalt in Finnland, Ausbildung in einem Buchverlag, anschließend vier Jahre Berufserfahrung.
Aber die Frau, die ihm an diesem Tag im April in der Studienberatung der Rheinisch-Westfälisch-Technischen Hochschule in Aachen gegenübersaß, sah nur Probleme. "Wird sehr schwierig", murmelte sie, "sehr schwierig." Es gelte nun, die Causa ganz genau zu prüfen. Man müsse erst einmal vergleichen, ob denn die Lern-Module aus Bochum überhaupt zu den Studieninhalten in Aachen passen; auch wenn es sich um dasselbe Bundesland handele - das sei ja nun ganz und gar nicht selbstverständlich.
Wie bitte? Ist das hier nicht Europa im Jahr 11 des Bologna-Prozesses? Sollte nicht ein einheitlicher Hochschulraum vom Bosporus bis nach Skandinavien geschaffen werden? Mit fließenden Grenzen, leichteren Wechseln von einer Uni zur anderen, vergleichbaren Leistungsnachweisen? In Finnland sind Jans Scheine tatsächlich problemlos anerkannt worden - warum um Himmels willen nicht in Aachen?
Viele Bachelor-Absolventen fühlen sich ausgebremst
Antwort: weil man, wie andernorts in Deutschland auch, Hürden aufgebaut hat für die Bachelor-Studenten, Mauern gezogen, ein Nadelöhr geschaffen hat für all dienigen, die einen Master-Abschluss draufsatteln wollen, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Denn das wollen viele, zu viele. Die Master-Studienplätze sind hoffnungslos überlaufen. Jetzt kommen selbst Spitzenabsolventen manchmal nicht zum Zuge.
Jan zum Beispiel hoffte nach dem Gespräch in Aachen, die Prüfung seines Falls würde wegen der guten Abschlussnote alsbald doch noch in seinem Sinne ausfallen, doch er täuschte sich. Nun hat er erst einmal bei seinem alten Arbeitgeber, dem Buchverlag, angeheuert. Dort soll keiner wissen, dass er es im nächsten Semester noch einmal probieren will mit der Master-Bewerbung; deswegen will er auch nicht seinen Nachnamen nennen.
"Mit einem Bachelor in der Tasche kann man nicht wirklich viel Geld verdienen. Das reicht mir nicht", sagt Jan. Er fühlt sich ausgebremst, ist sauer, und so wie ihm geht es derzeit vielen Bachelor-Absolventen in Deutschland.
Julia Metzner zum Beispiel. Die 25-Jährige wird in den nächsten Tagen ihr Bachelor-Zeugnis in Psychologie von der Uni Köln bekommen, das Ergebnis von sechs Semestern harter Arbeit. Eigentlich sollte sie jetzt stolz sein und den Erfolg feiern. Doch danach ist ihr gar nicht zumute. Sie hat mit 2,3 abgeschlossen - das ist "gut", aber schon lange nicht mehr gut genug. Die Aussicht auf einen sicheren Master-Platz ist damit angesichts der gigantischen Nachfrage und des kleinen Angebots eher gering.
Selbst mit der besten Note des Jahrgangs kann man scheitern
"Früher war immer von einer Grenze von 2,5 die Rede", sagt Julia. Inzwischen hat sie sich bei vielen Unis beworben und kassiert eine Absage nach der anderen. Einige ihrer Kommilitonen sind sogar mit 1,8 gescheitert. Julia will jetzt vor das Kölner Verwaltungsgericht ziehen. Sie hofft, auf diese Weise zumindest vorläufig noch einen Platz zu bekommen.
Wie groß der Andrang mancherorts ist, sieht man in Köln ganz besonders. Auf den Master of Business Administration an der dortigen Universität bewarben sich 1700 Bachelor-Absolventen. Es gab: 215 Plätze. Die Universität Hamburg bekam 1171 Bewerbungen für 170 Plätze im Fach Betriebswirtschaftslehre, was auch daran liegt, dass sich viele Studenten gleichzeitig in etlichen Städten bewerben. Natürlich, sie müssen das tun - schließlich hat sich herumgesprochen, wie schlecht die Chancen auf einen Master-Platz sind.
Wer zum Zuge kommt und wer nicht, entscheidet jede Hochschule anders. Die Bewerber müssen ein gewisses Expertentum erlangen, allein, um die verschiedenen Zulassungsverfahren im Massenfach Betriebswirtschaftslehre sortieren zu können. Während das Gros der Hochschulen allein auf die Abschlussnote des Bachelors schaut und alle Studenten - fremde wie eigene, Fachhochschüler und Uni-Absolventen - in einen Topf wirft, setzen die Universitäten Mannheim und Münster auch auf Faktoren wie Auslandserfahrung, Praktika und Fremdsprachen. An der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt müssen die Bewerber in einem persönlichen Gespräch überzeugen.
Die Uni Hamburg lädt alle Bewerber ein, an einem freiwilligen Eignungstest teilzunehmen. Den sollte man auch unbedingt mitmachen, unabhängig von der Note und eventuellen Zusagen von Hochschulbediensteten. Das musste kürzlich die 23-jährige Hamburger BWL-Studentin Tina Streiff lernen, die den besten Bachelor-Abschluss ihres Jahrgangs vorzuweisen hatte: 1,6. Mit dieser Note, hieß es, müsse sie gar nicht erst zum Test erscheinen, auch wenn sie ein wenig zurückgestuft werde. Also flog Tina nach Spanien, um dort ein Praktikum zu machen. Als sie zurückkehrte, fand sie eine Absage in ihrem E-Mail-Postfach: Weil sie den Test, wie angeboten, geschwänzt hatte, hatte sie plötzlich die Abschlussnote 2,8. Zu schlecht, um einen Platz zu ergattern.