03.11.2010
Versetzung gefährdet
Auf rumpeligen Pfaden zum Master-Studium
Bachelor und dann kein Master? Viele Studenten fürchten den Weg in eine Sackgasse
Eigentlich hatten sich die Bildungsminister in Europa das schön ausgedacht: Der Bachelor sollte als Abschluss im Zuge der Bologna-Reform die Regel werden. Eine Eintrittskarte ins Berufsleben, und nur eine Minderheit der Studenten sollte im Master weiterstudieren. Was aber machen die Studenten nun?
Sie trauen dem Bachelor nicht recht. Nach den Zahlen der Hochschulforscher der Uni Kassel entscheiden sich mehr als drei Viertel der Bachelor-Absolventen dafür, einen Master draufzusatteln, und das sorgt mittlerweile für Probleme. In Massenfächern und an besonders beliebten Studienstandorten kommt es nun so, wie Kritiker schon seit Jahren unkten: Es gibt mehr Bewerber als Master-Studienplätze. Und daraus folgt wiederum: Der Übergang läuft alles andere als reibungslos.
Bewerber für einen Master müssten etwa oft Wartesemester in Kauf nehmen, warnen Studentenvertreter. "Viele kommen nach ihrem Bachelor in eine Zwangspause", sagt Florian Keller vom Freien Zusammenschluss von Studentenschaften (fzs). Für ihn sind die derzeitigen Schwierigkeiten nur Vorzeichen: "Das Problem wird noch größer werden, wenn die doppelten Abiturjahrgänge ihre Bachelor-Abschlüsse machen." In der Folge dürfte das Rennen um die Master-Plätze noch enger werden.
"Es gibt keine einheitlichen Zugangsvoraussetzungen"
Der große Wettlauf ist inzwischen allerdings in vollem Gange. "Der Run ist deutlich zu spüren", sagt Studienberaterin Barbara Nickels von der Leuphana Universität in Lüneburg. Einige Bachelor-Absolventen gingen auch nach ein oder zwei Berufsjahren noch zurück an die Uni, um ihre Karrierechancen mit einem Master zu verbessern. Doch nicht nur fehlende Studienplätze erschweren den Weg in einen zweiten Studienabschnitt. Auch das Dickicht der Zugangsvoraussetzungen ist eine Hürde. "Es gibt keine einheitlichen Bachelor-Abschlüsse, es gibt keine einheitlichen Master-Studiengänge, und es gibt keine einheitlichen Zugangsvoraussetzungen", sagt Nickels.
In der Praxis bedeutet das: Ein Soziologie-Bachelor der einen Uni muss nicht zum Soziologie-Master einer anderen Uni passen. So haben Wechselkandidaten etwa ein Problem, wenn die erste Hochschule im Bachelor nur acht Leistungspunkte in Statistik vergibt, die Wunschhochschule aber für den Master zehn Punkte verlangt. "In Zweifelsfällen entscheidet eine Auswahlkommission, aber erst nach Bewerbungsschluss", sagt Nickels. Wer auf jeden Fall weiterstudieren will, bewirbt sich also besser für mehrere Master-Angebote - und das führt, wie schon beim Studienstart, mitunter zu vielfachen Überbuchungen, weil keiner sicher sein kann, ob und wo er überhaupt ein Zusage bekommt.
In den Hochschulen herrscht oft auch intern Verwirrung darüber, mit welchen Abschlüssen man in die begehrten Master-Programme darf. So blamierte sich die Freie Universität Berlin etwa damit, dass sie einer Bewerberin von einer Fachhochschule für einen Politik-Master eine Ablehnung schickte und mit ihrem FH-Bachelor begründete. Eigentlich sollen nämlich dank Bologna auch FHler einen Uni-Master machen können. In Köln wiederum wollte die Uni ganz gerecht sein - und sperrte mittels Notengrenze von 2,0 so ihre eigenen Bachelor-Absolventen aus, die sie zuvor so schwer geprüft hatte, dass deren Durchschnittsnoten nicht mehr für einen BWL-Master in Köln reichten.
Um eine reine Auswahl nach Noten ebenso zu vermeiden wie den Anschein der Willkür, setzen einige Unis versuchsweise auf Zugangstests für Master-Studiengänge. Sie sollen zusammen mit der Note des Bachelor-Abschlusses zählen, so dass auch Studenten von anderen Unis einen Platz bekommen können. Doch solche Tests sind wiederum Studentenvertretern ein Dorn im Auge.
DHV erneuert Bologna-Kritik
David Fürcho, Vertreter des Asta der Uni Hamburg, kritisiert etwa den neuen Test für den BWL-Master der Uni in der Hansestadt. Für ihn müssten Teilnehmer nicht nur eine Gebühr von 100 Euro zahlen. Wer eine gute Bachelor-Note mitbringt, laufe sogar Gefahr, seine Chancen durch den Zusatztest zu schmälern, wenn er schlecht abschneide. Ein einziger Test drücke dann den Wert eines drei- bis vierjährigen Studiums herunter.
Der Deutsche Hochschulverband (DHV), Standesvertretung der Universitätsprofessoren und dem Bologna-Prozess von Anfang an nicht wohlgesonnen, sieht Reformbedarf: "Viele Bachelor-Studiengänge sind zu spezialisiert", sagt DHV-Sprecher Matthias Jaroch. "Die Passgenauigkeit für den Master fehlt." Der Bachelor solle generell breiter aufgestellt sein und als Grundausbildung fungieren, verlangt der DHV. Eine Spezialisierung dürfe erst im Master-Studium kommen.
Solche frommen Wünsche helfen den derzeitigen Studenten wenig. Ihnen rät Studienberaterin Barbara Nickels, die Voraussetzungen des angepeilten Masters frühzeitig zu prüfen. Zur Not könnten sie im Bachelor Zusatzkurse besuchen, um nötige Extrapunkte zu sammeln. "Die zählen zwar nicht für die Bachelor-Abschlussnote, aber sie helfen bei der Bewerbung für den Master."
Auch die Abschlussarbeit im Bachelor kann die Spezialisierung im Master vorbereiten. Das gilt gerade für Studenten, die beim Übergang zum Master planen, in eine andere Fachrichtung zu wechseln. Strebt ein Soziologie-Student einen wirtschaftswissenschaftlichen Master an, eignet sich ein fächerübergreifendes Abschlussthema im Bachelor.
Lehramtsstudenten haben es besonders schwer
Besonders heikel kann der Übergang nach einem Bachelor zum Master für Lehramtsstudenten sein. Zwar ist es möglich, mit einem Pädagogik-Bachelor zum Beispiel in einem Schulbuchverlag zu arbeiten. Um Lehrer zu werden, ist in der Regel aber der Master erforderlich.
Wer Bachelor und Master an derselben Hochschule machen will, für den kann lediglich die Zugangsquote zum Problem werden. Wer aber die Hochschule wechseln möchte, kann auf unüberwindbare Hürden stoßen. Denn die Inhalte der Lehramtsstudiengänge im Bachelor und Master sind von Hochschule zu Hochschule unterschiedlich.
So wählen Studenten normalerweise bereits im Bachelor zwei Lehrfächer. An einigen Hochschulen kommt das zweite Fach aber erst im Master dazu. Auch bei der Fachpädagogik gibt es Unterschiede: Bei manchen Hochschulen sind entsprechende Kurse bereits ins Bachelor-Studium integriert, bei anderen werden sie erst im Master angeboten. Deshalb gilt auch hier: Lehramtsstudenten müssen ihren Ausbildungsweg früh planen, damit der Bachelor nicht zur Sackgasse wird.
Viven Leue, dpa/ cht