18.01.2011
Studienstiftung
Selbstbewerber eingeschränkt willkommen
Von Juliane FrisseJulian Kranz, 19, hatte sein Abitur mit Note 1,4 in der Tasche, als er sich im Herbst 2009 am Karlsruher Institut für Technologie, Baden-Württembergs angesehener technischer Universität, einschrieb. Bloß wie er sein Physik-Studium finanzieren sollte wusste er noch nicht. Zwar war Julian zweifelsfrei begabt, doch er kommt aus sogenannten kleinen Verhältnissen. Seine Mutter arbeitet als Erzieherin und ihr Lohn reichte nicht, um ihrem Sohn Miete, Essen und Bücher zu bezahlen. Zu seinem spanischen Vater ist der Kontakt abgerissen, finanzielle Unterstützung: Fehlanzeige.
Wegen des abwesenden Vaters hatte Julian "ziemliche Scherereien mit dem Bafög-Amt", sagt er. Er wusste nicht weiter. Dann entdeckte seine Mutter zufällig den Selbsttest der Studienstiftung des deutschen Volkes, mit dem man sich im vergangenen Jahr erstmals selbst für ein Stipendium empfehlen konnte.
Unter den deutschen Begabtenförderern gilt die Studienstiftung als besonders elitär. Sie ist das mit Abstand größte Förderwerk mit rund 11.000 Stipendiaten. Und von denen stammen 80 Prozent aus einem akademischen Elternhaus. Häufig geäußerte Kritik daher: Die Stiftung fördert die, die es gar nicht nötig haben, nämlich gut situierte Studenten aus bildungsnahen Familien. Eine Studie der Hochschul-Informations-Systems (HIS) bestätigte 2009 das landläufige Vorurteil. "Wir haben unsere Aufgeschlossenheit gegenüber Bewerbern aus bildungsfernen Familien früher überschätzt", sagt dazu der Generalsekretär der Studienstiftung, Gerhard Teufel.
Harte Prüfung: Fünfkampf für Begabte
Immerhin, die Studienstiftung stellte sich der Kritik und führte auch auf Drängen der Politik zum Frühjahr 2010 die Selbstbewerbung ein, offen für jeden Studenten im ersten Studienjahr. Seitdem können sich Interessierte wie bei zehn anderen Begabtenförderungswerken der Parteien, Religionsgruppen und Wirtschaftsverbände selbst bewerben. Ein Novum, denn bis dahin hatte nur ein Chance, wer direkt von seinem Schuldirektor oder Professor vorgeschlagen wurde.
Der Selbsttest, mit dem es auch Julian versuchte, hat es in sich. Die Bewerber müssen in fünf Disziplinen überzeugen: Sie sollen Diagramme und Tabellen interpretieren, in Wörterwolken Analogien finden, dreidimensionale Figuren im Geiste drehen, Regeln für Bilderreihen erschließen und Texte analysieren (hier den Test ausprobieren!). Wer beim Fünfkampf gut abschneidet, hat aber nur die erste Hürde genommen. Die besten Teilnehmer müssen anschließend auf einem Auswahlwochenende in Gruppendiskussionen und Einzelgesprächen eine Kommmission überzeugen.
Nachdem HIS die soziale Schieflage in den Reihen der Stipendiaten belegt hatte, machte sich die Studienstiftung vor einem Jahr auch selbst an die Ursachenforschung. Interne Analysen ergaben dann, dass Studenten mit einer niedrigen sozialen Herkunft gar nicht häufiger im Auswahlverfahren scheitern, sondern vielfach gar nicht erst die Chance bekommen, sich dort zu beweisen - auch weil rund ein Viertel der Schulen, die die Hochschulreife verleihen, vom ihrem Vorschlagrecht keinen Gebrauch machten.
Auch Julian war, trotz seines guten Abis, nicht empfohlen worden. In seinem Jahrgang schafften gleich vier Mitschüler eine glatte 1,0. Und auf die zweite Chance, dass ein Professor ihn gleich zu Anfang unter Hunderten Erstsemestern in Karlsruhe entdecken und empfehlen könnte, wollte Julian nicht setzen. Also investierte er 25 Euro Anmeldegebühr und drückte sich die Daumen für den Selbsttest. Feiner Unterschied: Akademikerkinder müssen als Selbstbewerber 50 Euro Testgebühr zahlen, Bafög-Berechtigte und Kandidaten, deren Eltern nicht studiert haben, nur die Hälfte (weitere Infos in der Broschüre der Studienstiftung, pdf). Gut jeder zweite der Selbstbewerber machte wie Julian einen Rabatt geltend.
Als Julian zum Test antrat, war er erstaunt wie kniffelig die Aufgaben waren. Zwar kannte er die Beispielaufgaben der Studienstiftung, insgesamt fand er "den Test aber schwerer als gedacht". Gespannt wartete er daher auf sein Resultat, blieb extra bis drei Uhr morgens wach, als es einen Monat später ins Netz gestellt wurde. Nächste Überraschung: Er, der Naturwissenschaftsstudent, hatte sich sehr erfolgreich durch Texte und Wörterwolken gekämpft. Beim räumlichen Vorstellungsvermögen aber hatte er verhältnismäßig schlecht abgeschnitten.
Gespräche über Harmonielehre und Tankstellendichte
Seinem Gesamtergebnis hat es nicht geschadet: Julian gehörte am Ende zu den besten vier Prozent der Testteilnehmer und schaffte es in den Stipendiaten-Recall. 300 Kandidaten, das beste Drittel, lud die Stiftung zum Schaulaufen vor einer Auswahlkommission ein.
Dafür musste Julian nach Bingen am Rhein. Für die Diskussion hatte er ein Referat über Utilitarismus vorbereitet und fühlte sich gut gewappnet: "Schließlich lässt sich über Moralphilosophie kontrovers diskutieren." Nur die Auswahlkommission hatte er sich anders vorgestellt.
Als er ankam fuhr gerade ein geschniegelter Herr im Sportwagen vor. "Gute Güte, wenn ich den bekomme", habe er damals gedacht. "Ich hatte nur schlampige Klamotten fürs Auswahlgespräch dabei, weil ich dachte, das ist den Professoren eh egal." Prompt saß ihm in einer seiner zwei Fragerunden der feine Herr mit dem schnellen Auto gegenüber, ein Investmentbanker.
Der interviewte Julian so, wie man es sich für ein elitäres Verfahren ausmalt: Er fragte nach Harmonielehre, ließ Julian danach die Maxwell-Gleichungen und das Ende des Heiligen Römischen Reiches inklusive Jahreszahlen skizzieren und schließlich die Tankstellendichte in Deutschland schätzen. Nach einer Diskussion über die Frage, ob die Güterverteilung in Deutschland fair sei, war er entlassen. Froh darüber, dass er gelegentlich "zu viel Zeit auf Wikipedia" zugebracht hatte, wie Julian sagt. Er schaffte was nur wenigen gelang und wurde einer von 87 erfolgreichen Selbstbewerbern.
Die Anforderungen der Studienstiftung sind hoch. Von ihren Stipendiaten erwartet sie Leistung und Begabung, breites Interesse, Toleranz und Verantwortungsbewusstsein - aber kein politisches oder religiöses Bekenntnis. Manche der anderen, weltanschaulich oder konfessionell gebundenen Förderwerke achten bei der Auswahl der Stipendiaten stärker auf die Bedürftigkeit, fordern allerdings auch, dass man sich mit den Prinzipien der Stiftung identifizieren kann.
Bislang verschwindend geringer Selbstbewerber-Anteil
Doch die Förderwerke und Stiftungen müssen nicht nur ihren eigenen Regeln genügen. Bund und Länder erwarten von ihnen, und besonders von der Studienstiftung, dass sie sich für alle Studenten öffnen. Der Grund: Die Studienstiftung finanziert sich zu zwei Dritteln aus öffentlichen Mitteln und erhielt so im vergangenen Jahr rund 40 Millionen Euro.
Ein Bruchteil dieser Summe bekommt Julian inzwischen jeden Monat überwiesen: 585 Euro für die Lebenshaltungskosten und obendrauf noch 80 Euro Büchergeld. Schon ein paar Tage nach dem Auswahlseminar konnte er einen dicken weißen Umschlag aus dem Briefkasten fischen - die Zusage und das vorläufige Ende seiner Geldsorgen.
Doch geht es bei der Studienstiftung nun wirklich gerechter zu? Unter den per Selbstbewerbung gefundenen Stipendiaten kommt ein Viertel aus einem nicht-akademischen Elternhaus - eine nur unwesentlich bessere Quote als in der Stiftung insgesamt. Ein erster Schritt also, allerdings nur ein kleiner. Den 87 aufgenommenen Selbstbewerbern standen im Vorjahr mehr als 3000 Neustipendiaten gegenüber, die es mit einer Empfehlung plus Auswahlverfahren in die Stiftung schafften. Unter allen Stipendiaten der Studienstiftung machen die Selbstbewerber weniger als ein Prozent aus.
Die Studienstiftung hofft, dass sich dieses Mal mehr Studenten für den Test anmelden, heißt es aus der Bonner Zentrale. Julian ist skeptisch. "Ich kenne einige sehr gute Studenten, die definitiv eine Chance hätten", sagt er. Bis Stipendiat Julian sie aber darauf ansprach, hatten sie von der Selbstbewerbung noch nie gehört.

