29.03.2011
Studium in Äthiopien
Wo die Armen in Blechkästen wohnen
Aus Addis Abeba berichtet Katrin RösslerAuf dem Mittelstreifen einer zweispurigen Straße liegen Menschen. Einfach so. Sie schlafen. Vielleicht ist auch einer von ihnen tot. Manchmal kommt jemand und stößt sie mit dem Fuß an, um zu sehen, ob sie noch leben. Leprakranke betteln auf der Straße, am Rand stehen Blechcontainer auf kurzen Holzbeinen - typische Einzimmerappartements in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens. Sie sehen aus wie Särge.
Für Till Trojer gehören diese Bilder zum Alltag. Der 24-jährige Student der Angewandten Afrikawissenschaften verbrachte das Wintersemester an der Universität Addis Abeba. Der Deutsche ist einer der ersten Studenten der Uni in Bayreuth, die hier ein Austauschprogramm absolvieren.
In kurzer, grüner Leinenhose sitzt Till vor dem "Lime Tree", dem Studentencafe auf dem Hauptcampus seiner Uni. Auf Amharisch, der äthiopischen Landessprache, bestellt er ein Wasser. Tills Amharisch ist so gut, dass er sogar noch einen kleinen Plausch hält. Er fühlt sich wohl in Äthiopien. "Die Menschen in Afrika haben mich in ihren Bann gezogen, mit ihrer Gelassenheit und ihrer offenen Art", sagt Till.
Der gebürtige Starnberger hat schon 14 afrikanische Staaten bereist. Und obwohl Äthiopien eines der ärmsten Länder war, hat es ihm das Heimatland des Kaffees besonders angetan. Gemeinsam mit seinem äthiopischen Freund Kume wohnt Till in einer Wohnung in der Nähe der Uni.
Sechs Studenten teilen sich ein Zimmer
In diesem Viertel leben nur Einheimische und auch sonst hat Till in Addis kaum Kontakt zu anderen Weißen. Im Monat kommt der junge Bayer mit 250 Euro aus, inklusive Miete. Davon kann er ins Kino gehen und an den Wochenenden Ausflüge ins Umland machen. Manchmal leistet er sich auch ein Jägerschnitzel im deutschen Biergarten von Addis Abeba.
Für äthiopische Verhältnisse führt er ein luxuriöses Leben. Viele seiner Kommilitonen verlassen den Campus kaum, weil sie sich das Leben außerhalb nicht leisten können. Auf dem Universitätsgelände sind sie mit dem Nötigsten versorgt, Unterkunft und Essen zahlt ihnen der Staat. Luxus ist da nicht drin: In den Wohnheimen teilen sich sechs Studenten ein Zimmer. Manchmal sind die Matratzen auf dem Boden die einzige Möblierung.
Zwar gibt es in Äthiopien keine Studiengebühren, aber oft übersteigen schon die Kosten für Bücher die finanziellen Möglichkeiten der Studenten. Üblich ist es, dass Eltern ihre Kinder mit umgerechnet zehn Euro im Monat unterstützen, aber manche können sich auch das nicht leisten.
Die finanziellen Nöte der Studenten sind auch für die Professoren nicht leicht zu handhaben, sagt der Deutsche Karsten Schlesier. Er ist Leiter des Lehrstuhls für Tragkonstruktionen an der Universität Addis Abeba und seit drei Jahren als Dozent in Äthiopien.
"Die einen fahren im neuen Toyota Jeep vor, die anderen können sich die Materialien für den Unterricht nicht leisten", sagt er. Da sei es in Klausuren schwierig festzustellen, welcher Student sich einen Taschenrechner aus Geldmangel mit einem Kommilitonen teilen muss und wer schlicht versucht zu täuschen.
"Jemand, der nichts hat, ist hier kein Außenseiter"
Das starke Gemeinschaftsgefühl unter den Studenten schätzt der deutsche Gastprofessor allerdings auch an den jungen Äthiopiern. "Jemand, der nichts hat, ist hier kein Außenseiter", sagt Schlesier. Manchmal wünscht er sich sogar mehr Widerspruch - besonders dann, wenn sich ihre Studiensituation verschlechtert.
Das war zum Beispiel 2008 der Fall, als sich die Zahl der Studenten auf dem Nordcampus plötzlich versiebenfachte und Chaos ausbrach. "An einer deutschen Uni wäre das so nicht hingenommen worden, aber die äthiopischen Studenten haben es einfach geschluckt", sagt Schlesier.
Der Versuch, Äthiopien durch mehr Hochschulabsolventen über Nacht in die Zukunft zu katapultieren, scheiterte. Der Grund: Die nötige Infrastruktur fehlte. Obwohl seitdem einiges verbessert wurde - zum Beispiel am Internetzugang, an der Ausrüstung mit Computern und Druckern oder auch am Zustand der Universitätsgebäude - besteht das Problem auch 2011 noch: "Das System hinkt nach", sagt Schlesier.
Auch außerhalb von Addis Abeba zeigt sich das: Im ganzen Land werden neue Universitäten gebaut, mit großer Unterstützung durch deutsche Entwicklungshelfer. An Ausstattung und qualifizierten Dozenten fehlt es aber.
Notizen aus dem Hörsaal sind das einzige Material zum Lernen
Für Austauschstudenten Till waren die äthiopischen Unterrichtsmethoden anfangs gewöhnungsbedürftig: Keine Seminare, nur Vorlesungen. Und es kam durchaus vor, dass der Professor den Stoff zwei Stunden lang einfach diktierte. "Es geht hier viel mehr darum, Wissen auswendig zu lernen, als eine eigene Meinung zu entwickeln und zu hinterfragen", sagt Till. An der Uni Addis Abeba hatte er Soziologie und Sozialanthropologie belegt.
Trotz des Frontalunterrichts seien die äthiopischen Studenten motivierter als in Deutschland: Wenn sich hier 90 Studenten in einen Raum quetschen, dann ist es für die Zeit der Vorlesung absolut ruhig, erzählt Till. Das sei in Deutschland anders. "Bei uns hat doch jeder Dritte während der Vorlesung einen Laptop auf dem Schoß und klickt bei Facebook herum."
Allerdings sind die Vorlesungen in Äthiopien auch wichtiger als in Deutschland. Oft sind die Notizen aus dem Hörsaal das einzige Material, mit dem die Studenten lernen können. Denn wer es zu Semesterbeginn verpasst, sich die Ausleihkarten für die Bibliothek zu besorgen, kann keine Bücher mit nach Hause nehmen. Und in der Bibliothek zu lernen, ist auch nicht angenehm, hat Till festgestellt. Denn es gibt keine einzige Toilette im Gebäude. Da hilft es wenig, dass die Bibliothek 24 Stunden geöffnet ist.
Mit diesen Besonderheiten des Studiums in Äthiopien hat Till im vergangenen Semester gelernt umzugehen. Mittlerweile sind die Prüfungen geschrieben und alle Hausarbeiten abgegeben. Bis Ende April bleibt er noch als Reiseführer für deutsche Touristen im Land, dann geht es zurück nach Deutschland. "Aber es wird kein Abschied für immer sein."

