12.08.2011
Hochschul-Strategien
Deutsche Unis lieben Brasilien
Von Benjamin Haerdle
Jesusstatue über Rio: Land akademischer Träume am Zuckerhut
Olympische Spiele 2016, Fußball-Weltmeisterschaft 2014, Nachhaltigkeits-Gipfel der Vereinten Nationen 2012 - drei Großereignisse von weltweiter Ausstrahlung stehen in Rio de Janeiro in den nächsten Jahren an. Veranstaltungen von einem Format, wie sie auch Forscherherzen höher schlagen lassen: "Wir können damit deutsche Forscher und Lehrende nach Brasilien locken", sagt Prof. Dr. Christoph de Oliveira Käppler.
Der Psychologe der TU Dortmund ist Akademischer Direktor der ConRuhr Latin America. Das Bündnis gehört zur Universitätsallianz Metropole Ruhr (UAMR), die, bestehend aus Technischer Universität (TU) Dortmund, Universität Bochum sowie Duisburg-Essen, vergangenen Mai ein Büro in der brasilianischen Großstadt eröffnete. Früh genug, um die Veranstaltungen nutzen zu können.
ConRuhr Latin America will mit dem Verbindungsbüro der UAMR in Rio und einem zweiten in São Paulo die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit brasilianischen Unis stärken. Käppler soll, unterstützt von einem festangestellten Mitarbeiter vor Ort, den Austausch von Bachelor- und Master-Studierenden sowie Doktoranden fördern, Forschungskooperationen initiieren und gemeinsame Studienprogramme anregen.
Deutsches Haus als Sammelpunkt
Nicht nur die UAMR, auch andere deutsche Hochschulen haben sich für den Schritt über den Atlantik entschieden. Sammelpunkt in Brasilien ist für sie das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus (DWIH) in São Paulo, rund 400 Kilometer westlich von Rio. Wenn das Haus ab Herbst voraussichtlich bezugsfertig ist, wird es neben der UAMR nicht nur andere Unis wie die Freie Universität Berlin oder die TU München beherbergen, sondern auch Wissenschaftsorganisationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) oder die Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Insgesamt elf Institutionen aus Deutschland wollen dann Räumlichkeiten bezogen haben. Für DWIH-Direktor Dr. Bertram Heinze, der zum Richtfest des Gebäudes im Mai auch Bundespräsident Christian Wulff zu Gast hatte, ist das nur ein logischer Schritt, denn "die Nachfrage deutscher Hochschulen und Forschungseinrichtungen nach Kontakten zu Universitäten und Unternehmen in Brasilien hat stark zugenommen".
Dass Brasilien, immerhin fünftgrößtes Land der Erde, erst jetzt in den Fokus der deutschen Wissenschaft rückt, wundert den Leiter der DAAD-Außenstelle in Rio de Janeiro Christian Müller etwas. "Deutsche Hochschulen haben sich lange Zeit nur sehr verhalten um Brasilien gekümmert, dabei hat das Land enorm aufgeholt", sagt er. In der Tat konnte Brasilien, das zusammen mit Russland, Indien und China Teil der weltweit am stärksten wachsenden Schwellenländer ist, mit ökonomischen Superlativen aufwarten: Niedrigste Arbeitslosenzahlen aller Zeiten, Rekordhoch bei den Exporten und ein jährliches Bruttoeinkommen pro Einwohner von knapp 7000 Euro. Nicht vernachlässigt habe die Regierung dabei die tertiäre Bildung, lobt Müller. Allein in dem von 2007 bis 2010 laufenden Aktionsplan für Wissenschaft, Technologie und Innovation - übrigens dem ersten in der Geschichte Brasiliens überhaupt - steckte die Regierung mehr als 17,6 Milliarden Euro.
Steigende Etats für neue Unis in der Provinz
Parallel investierte der Staat kräftig in die Universitäten: "Die Etats wurden aufgestockt, neue Unis in der Provinz gegründet und Zweigstellen bereits bestehender Unis im Binnenland aufgebaut", sagt Müller. Nun zählt das Land neben rund 2000 privaten auch mehr als 240 staatliche Hochschulen. Als Vorzeige-Uni gilt die Universidade de São Paulo (USP), die über ein Jahresbudget von mehr als einer Milliarde Euro verfügt. Die Folgen der Expansion bilden auch Hochschulstatistiken ab: Die Studierendenzahl stieg zwischen 2002 und 2009 von vier auf sechs Millionen, die Zahl der Master-Abschlüsse von 4000 im Jahr 1987 auf mehr als 30.000 im Jahr 2007, und rund 11.000 Promovenden verlassen jährlich die Hochschulen.
Seinen Widerhall findet der Aufschwung bei der wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit Deutschland. 312 bilaterale Kooperationen listete der Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Ende Mai auf, mit Abstand die meisten in Südamerika und immerhin fast doppelt so vielen wie mit Indien. "Die Zusammenarbeit erstreckt sich über die unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen", sagt Iris Danowski, bei der HRK für Lateinamerika zuständige Referatsleiterin. Ob Geo-, Lebens- und Ingenieurwissenschaften, Raumfahrt oder Informatik - die Aufmerksamkeit deutscher Hochschulbosse scheint geweckt: "Brasilien wird von vielen Hochschulleitungen als neues Feld im wissenschaftlichen Kooperationsgeschäft gesehen", betont der Münchener TU-Präsident Prof. Dr. Wolfgang Herrmann.