10.01.2012
Königlich-belgische Modeakademie
"Jogginghosen sind okay"
Von Viktoria SchultAuch Unterwäsche will fein geschneidert werden, deswegen sitzen gleich sechs strenge Gutachter hinter der Tischreihe und beäugen die Nähte, jedes Fältchen, die verstürzten Kanten. Das Model, ein junger Mann in langem Baumwollhemd und Stulpen, dreht und wendet sich auf ihr Geheiß auf seinem Podest.
Hier geht's nicht um Feinripp oder Lingerie, hier geht es um Kunst: Studenten der königlichen Modeakademie zu Antwerpen präsentieren Unterwäsche, entworfen nach historischen Vorbildern. Die Veranstaltung heißt "Kleine Anprobe" und steht im zweiten Studienjahr auf dem Lehrplan.
Aufgeregt läuft Peter Rudi, Schöpfer von Hemd und Stulpen, vom Model zum Tisch der Prüfer. Denen muss er Stoffproben und Skizzen zeigen und erklären, wie ein holländischer Leibgardist vor 400 Jahren untenrum so gekleidet war. Am Ende gibt's Kritik an den zartblau getönten Stulpen - "zu bunt!" -, aber was allein zählt: Peter Rudi hat die Abnahme bestanden. Der 25-Jährige aus Frankfurt am Main ist einer von zwölf deutschen Studierenden, die es auf die Modeakademie in Antwerpen geschafft haben, die in einem imposanten Altbau im Zentrum der belgischen Hafenmetropole residiert.
"Es reicht nicht, ein kreativer Freak zu sein"
Von Hunderten Bewerbern pro Jahr für den Bachelor-Studiengang bestehen etwa 70 die Aufnahmeprüfung. Es gilt, zwei Dozenten im Gespräch von seiner Leidenschaft für Mode zu überzeugen und zusätzlich mit einer hervorragenden Zeichenmappe zu glänzen. Von da an wird weiter ausgesiebt: Nur die Besten kommen ins nächste Studienjahr. In die Masterklasse des vierten Jahres schaffen es etwa zehn.
"Es reicht nicht, ein kreativer Freak zu sein", sagt Peter Rudi. Er trägt einen selbstgeschneiderten Anzug, blau-rot gestreift, weiße Nike-Turnschuhe, Käppi, klobige Silberringe. "Hier wird hart gearbeitet. Man muss Quellen recherchieren, Farben begreifen, Entwürfe zeichnen, Kostüme nähen und auch die passenden Schuhe kreieren. Es wird nie langweilig."
700 Euro Studiengebühren sind für EU-Bürger pro Lehrjahr fällig, was im Vergleich zu privaten Modeinstituten günstig ist. Rudi, Sohn russischer Spätaussiedler, kommt mit Auslands-Bafög, Ferienjobs und 100 Euro pro Monat von den Eltern knapp über die Runden. Auch die Mieten sind in Antwerpen, verglichen mit Paris oder London, bezahlbar. Doch Stoffe, Reißverschlüsse, Materialien für Schuhe und selbst die Models für die Präsentationen müssen die Studenten aus eigener Tasche finanzieren. Für eine Kollektion der Masterklasse können so leicht bis zu 50.000 Euro zusammenkommen. Da bleibt oft nur noch, mit Materiallieferanten zu verhandeln oder bei Stoffherstellern um Unterstützung zu betteln.
Höhepunkt des Studienjahrs ist die große Modenschau im Sommer; da präsentieren die Nachwuchs-Avantgardisten ihre Entwürfe vor Scharen von Modejournalisten, Fotografen und Headhuntern: schrille Tiermasken, bodenlange Makramee-Westen und japanisch angehauchte Mönchskutten. Models wanken als Michelin-Männchen in übergroßen, aufgepumpten Gummihosen über den Laufsteg. Kanariengelbe Ballonkleider mit Riesenschleife am Kragen erinnern an überdimensionierte Knallbonbons zu Silvester.
Seinen Ruf verdankt das Institut vor allem seinem Leiter
Entdecke dich selbst, so könnte das Motto der Akademie heißen - das Studium als Abenteuer, als eine Suche nach der ureigenen Vision von Mode. "Mode ist für uns kein abstraktes Kunstwerk, sondern eine persönliche Reflexion über die Gesellschaft und ihre Zeit", sagt die Design-Dozentin Nellie Nooren, die hier seit 24 Jahren unterrichtet.
Die 1963 gegründete Kaderschmiede ist Teil der "Königlichen Akademie der Schönen Künste", und so lernen die künftigen Designer auch klassische Fächer wie Aktzeichnen und Kunstgeschichte. Vielen Studenten gilt die Atmosphäre der flämischen Handelsstadt mit ihren mittelalterlichen Gassen und Kirchen selbst als wichtige Inspirationsquelle.
"Im Unterschied zu Paris oder London konzentrieren wir uns hier unablässig auf die kreative Arbeit an Kollektionen", erklärt die 56-jährige Nooren. "Unsere Studenten können ab dem dritten Lehrjahr schon eine eigene Kollektion auf die Beine stellen, die auch kommerziellen Ansprüchen genügt."
Es war vor allem der Leiter der Akademie, der belgische Stardesigner Walter van Beirendonck, der hier das neue, spielerische Verständnis von Mode geprägt hat - und dem das Institut seinen Ruf verdankt. Der bärtige Fashion-Punk ist selbst Absolvent der Akademie und hat in den achtziger Jahren mit dem Designerkollektiv "Antwerp Six" neben Größen wie Dries van Noten und Ann Demeulemeester mit belgischer Mode Furore gemacht.
"Jeder weiß genau, wie er wirkt"
Van Beirendoncks Antwerpener Verkaufsatelier mit giftgrünen Fransenmänteln und knallig-pinkfarbenen Wollkleidern im Schaufenster liegt gleich um die Ecke in einer ehemaligen Autowerkstatt. "Natürlich ist Walter als großer Designer bei den Studenten sehr populär", sagt Dozentin Nooren, die mit ihm seit vielen Jahren sehr eng zusammenarbeitet. "Aber im Gegensatz zu den neunziger Jahren sehen die Studierenden heute nicht mehr alle so aus wie kleine Walter-Kopien."
Felix Boehm trägt einen akkuraten Seitenscheitel und Manschettenknöpfe am - natürlich selbstgeschneiderten - Hemd. Und rote Socken. "Alle laufen hier zwar rum, wie sie wollen, auch schluffige Jogginghosen sind okay", sagt der Student aus Essen, "aber jeder weiß genau, wie er wirkt." Boehm, 24 Jahre alt und im dritten Studienjahr, träumt den Traum der meisten hier. Er will sein eigenes Label gründen. Mit tragbarer eleganter Damenmode im Stil der vierziger Jahre. Hört sich nach Glamour an, nach künftiger Berühmtheit, bedeutet aber wahrscheinlich eher: ewige Runden als Praktikant, mickrige Einstiegsgehälter und - wenn man endlich im Geschäft ist - Erfolgsdruck, Schnelllebigkeit und das Diktat der Vermarktbarkeit.
Studenten wie Dozenten kennen nicht nur die Shootingstars aus Antwerpen wie Haider Ackermann, sondern auch gescheiterte Absolventen. "Ich weiß um die Brutalität des kommerziellen Modegeschäfts", sagt Felix Boehm nachdenklich, "aber ich sehe immer noch faszinierende Produkte. Es gibt weiterhin Firmen, wo man frei arbeiten kann."
Peter Rudi mit einer - wie er sagt - stillen Leidenschaft für Sportschuhe sieht sich eines Tages als Designer für Sportswear bei großen Firmen wie Adidas oder Puma. "Da hat man einfach bessere finanzielle Aussichten." Mit seinen Bafög-Schulden und ohne Vermögen ist er da ganz Realist. "Den Traum vom eigenen Label kann ich mir nicht leisten."